"TUEs" im Radsport - Bis an die Grenze des Erlaubten

Michael Ostermann (Perigeux)

Leistungsteigerung auf Rezept. Medizinische Ausnahmegenehmigungen erlauben es Athleten, eigentlich verbotene Substanzen im Wettkampf zu benutzen. Die Kontroverse um das Team Sky hat die Debatte über die "TUEs" verschärft.

"Nein, natürlich nicht!" Nicholas Portal, der sportliche Leiter beim Team Sky wird sehr energisch, wenn man ihn fragt, ob es in der britischen Equipe einen Fahrer gibt, der bei der Tour de France mit einer medizinischen Ausnahmegenehmigung unterwegs ist. So selbstverständlich wie der Franzose tut, ist das aber gar nicht. Die Kontroverse, die den am besten allimentierten Rennstall des Pelotons seit Monaten umgibt, dreht sich nämlich vor allem auch um diese Frage nach solchen "Therapeutic Use Exemptions" kurz TUE.

Umstrittene Grauzone

Ausgelöst wurde die Debatte durch die Veröffentlichung von Datensätzen der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA durch die russische Hackergruppe "Fancy Bears" im Herbst 2016. Dadurch rückte vor allem der Toursieger von 2012, Bradley Wiggins, ins Zwielicht. Wiggins, der bei Sky als erster Brite in der Geschichte im Gelben Trikot nach Paris kam, erhielt während seiner Karriere demnach drei Mal eine TUE für ein stark leistungssteigerndes Kortikosteorid namens Triamcinolon. Auch vor der Tour 2012.

Medizinische Ausnahmegenehmigungen sollen Sportlern helfen, trotz einer Erkrankung an Wettkämpfen teilnehmen zu können. Bei Wiggins lautete die Begründung für die TUE, er leide unter einer starken Pollenallergie. Deshalb habe man ihm das Mittel spritzen müssen. Die Regeln hat Sky damit nicht verletzt, aber sich weit in eine Grauzone vorgewagt, die auch innerhalb des Pelotons nicht unumstritten ist.

Team Sky - Zweifel an "Zero Tolerance" gegenüber Doping | Sportschau | 08.07.2017 | 06:08 Min. | Verfügbar bis 08.07.2018 | Das Erste

"Jemand der krank ist, sollte nicht Radrennen fahren", sagt etwa der deutsche Sprinter André Greipel. Sein Team, die belgische Equipe Lotto-Soudal, gehört dem "Movement Pour un Cyclisme Crédible" (MPCC) an. Dieser Zusammenschluss von Radsport-Teams hat sich verpflichtet, dass Fahrer, die eine TUE benötigen, in dieser Zeit nicht im Renngeschehen eingesetzt werden dürfen. "Jetzt wissen wir auch, warum Sky nicht in der MPCC ist", sagt Greipel.

Verschärfte Regeln

Allerdings steht Sky damit nicht allein da. Von den 22 Teams bei der Tour sind lediglich zehn Mitglied der MPCC. Dazu gehören sieben der 18 World-Tour-Teams, darunter die beiden deutschen Mannschaften Bora-hansgrohe und Sunweb, sowie die drei zweitklassigen Rennställe, die mit einer Wildcard in Frankreich am Start stehen. Teams wie Astana, Movistar oder BMC, die Mitfavoriten auf den Gesamtsieg stellen, sind keine Mitglieder dieser Bewegung.

Der Radsport-Weltverband UCI beruft sich auf den WADA-Code, wenn es darum geht, warum die freiwilligen Regeln der MPCC nicht für alle gelten. UCI-Präsident Brian Cookson verweist stattdessen darauf, dass man die Bedingungen für die Ausstellung einer TUE seit 2014 deutlich verschärft habe. "Jede TUE muss jetzt von drei verschiedenen Ärzten geprüft werden, die alle zustimmen müssen, dass diese Ausnahmegenehmigung akzeptabel ist. Die Folge ist, dass erheblich weniger TUEs beantragt werden", sagt Cookson.

Nur allgemeine Zahlen

Wieviele Fahrer bei der Tour de France mit einer medizinischen Ausnahmegenehmigung fahren, will die UCI nicht sagen. Der Verband gibt nur ganz allgemeine Zahlen bekannt. Demnach wurden 2009 noch 239 TUEs ausgestellt, 2016 waren es nur noch 15. Diese Daten beziehen sich auf den gesamten Radsport also auch die anderen Disziplinen wie Bahn, Mountainbike oder BMX - Männer wie Frauen. Zahlen für die einzelnen Disziplinen nennt die UCI ebenfalls nicht.

"Mehr Transparenz seitens der Teams was iher TUE-Anträge angeht wäre wünschenswert", teilt ein UCI-Sprecher auf Anfrage von sportschau.de mit. "Aber das liegt in den Händen der WADA und erfodert zudem die Bereitschaft der Fahrer, ihre privaten medizinischen Daten öffentlich zu machen." Zeitfahrweltmeister Tony Martin hält genau das für die beste Lösung. "Veröffentlichen oder die Regel streichen. Dann haben wir die Problematik nicht mehr", sagt er.

Froome will schärfere Regeln

Auch Christopher Froome, der in Frankreich gerade seinem vierten Toursieg entgegenfährt, hat während seiner Karriere mindestens zwei Mal eine TUE für ein Kortisonpräparat erhalten. 2013 und 2014 bekam er das Medikament Prednisolon für jeweils eine Woche verabreicht. Die von "Fancy Bears" gehackten Daten decken sich in diesem Fall mit Angaben, die Froome schon zuvor auf Nachfragen zu dem Thema gemacht hatte.

Nach der Veröffentlichung der Daten forderte er die UCI auf, die Regeln bezüglich der Ausnahmegenehmigungen weiter zu verschärfen. Er selbst habe seitdem keine weitere TUE beantragt, sagt er. Für seine Teamkollegen gilt das - glaubt man dem energischen Monsieur Portal - ebenfalls.