Teamgründer Nasser Al-Khalifa soll gefoltert haben

Team Bahrain-Merida - Fahren für ein Unrechtsregime

Michael Ostermann (Serre Chevalier)

Für sportlichen Glanz hat das Team Bahrain-Merida bei dieser Tour de France bislang nicht gesorgt. Dabei soll die Equipe das Image des Golfstaats aufpolieren. Gegen den Gründer der Equipe, Prinz Nasser bin Hamad Al-Khalifa, gibt es Foltervorwürfe.

Der rote-blaue Bus mit den goldenen Arabesken bleibt in diesen Tagen meist unbehelligt. Ab und an kommen ein paar japanische Fotografen vorbei, um mit Yukiya Arashiro einen Kaffee zu trinken und ein paar Bilder zu machen. Der Japaner fährt für das Team Bahrain-Merida, das ansonsten bei der Tour de France ziemlich unauffällig agiert.

Kapitän schon raus

Man kann sehr lange mit Tristan Hoffman, dem niederländischen Sportdirektor des Teams, über die Gründe für den schwachen Auftritt seiner Equipe sprechen. Sie haben mit dem Spanier Ion Izaguirre ihren Kapitän nach einem Sturz schon in der ersten Woche eingebüßt. Ihr Sprinter Sonny Colbrelli aus Italien kann mit den Besten nicht mithalten. Zwei sechste Plätze in Lüttich und in Rodez stehen für den Sprinter zu Buche. "Die Jungs machen das ganz ordentlich", findet Hoffman dennoch.

Das Team fährt erst seit diesem Jahr in der World Tour. Der Etat soll rund 15 Millionen Euro betragen. Gegründet wurde es von Prinz Nasser bin Hamad Al Khalifa, dem Sohn des Königs von Bahrain. Auch über ihn weiß der Niederländer Hoffman nur Gutes zu berichten. "Er ist sehr enthusiatisch über Ausdauersportarten, er ist selbst Triathlet und möchte, dass die Menschen in seinem Land gesünder leben. Deswegen hat er das Team gegründet", sagt Hoffman.

Die andere Seite des Prinzen

Said Yousif Al Muhafdah kennt die andere Seite des Prinzen. Der 34-Jährige ist der Vizepräsident des Bahrain Center for Human Rights und lebt seit 2014 in Deutschland im Asyl. "Wir haben schriftliche Zeugenaussagen, nach denen Prinz Nasser persönlich an Folterungen beteiligt gewesen ist", sagt Muhafdah im Gespräch mit sportschau.de. In zwei Dossiers der in Berlin ansässigen Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) sind diese Vorwürfe dokumentiert. Al Muhafda nennt es darum "eine Schande", dass der Königssohn ein Radsport-Team in Europa betreiben kann.

Bahrain, der Inselstaat im Persischen Golf, mit einer Bevölkerung von knapp 1,5 Millionen Menschen erlebte 2011 im "arabischen Frühling" Massenproteste für mehr Demokratie. Diese wurden vom Regime mit Gewalt beendet. Bis heute gilt die Menschenrechtslage als katastrophal. Eine Expertengruppe des Hohen Kommissariats für Menschenrechte bei den Vereinten Nationen kam im Juni dieses Jahres zu dem Ergebnis: “Im vergangenen Jahr gab es eine sprunghafte Verschlechterung der Menschenrechts-Situation in dem Land.”

Sportfunktionär und Militär

Die Regierung Bahrains wird fast komplett von der Königsfamilie kontrolliert. Prinz Nasser ist Brigade-Gerneral der bahrainischen Armee und Kommandant der Königlichen Garde. Vor allem aber ist der wichtigste Sportfunktionär des Landes. Neben dem Radsport-Team, betreibt er auch noch eine Triathlon-Mannschaft. Er ist der Präsident des Nationalen Olympischen Komittees. Als der Aufstand 2011 auf dem Höhepunkt war, forderte Nasser al Khalifa die Bestrafung von Sportlern, die sich an den Protesten beteiligen.

Im April erklärte er telefonisch im nationalen Fernsehen Bahrains zugeschaltet: “An alle, die den Fall der Regierung fordern, möge eine Mauer auf sie fallen. Jeder, der in solche Dinge und Netzwerke involviert ist, wird zu Verantwortung gezogen werden. Egal ob er ein Athlet, ein Aktivist oder ein Politiker ist. Bahrain ist eine Insel, es gibt kein Entkommen." Man kann sich das alles auf YouTube ansehen und anhören. Mehr als 150 Profisportler sollen laut verschiedenen Berichten im Anschluss an die Proteste verhaftet, festgehalten, gefoltert oder von ihrem Sport ausgeschlossen worden sein. Die Vorwürfe, er habe sich selbst an Folterungen beteiligt, weist Nasser Al Khalifa zurück.

Imagepflege via Sport

Prinz Nasser bin Hamad al Khalifa (l.) und Vincenzo Nibali | Bildquelle: dpa

Der internationale Sport dient dem Regime in Bahrain vor allem zur Imagepflege. Seit 2004 gastiert die Formel 1 regelmäßig in Bahrain. Lediglich 2011 wurde der Grand Prix dort wegen der Massendemonstrationen gegen das Regime abgesagt. Im Mai dieses Jahres gastierte der Fußball-Weltverband FIFA in Manama, der Haupstadt des Landes. Prinz Nasser durfte eine Rede halten, in der er erklärte, die Gastgeberrolle für den FIFA-Kongress bedeute eine neue Dimension für "unsere nationale Vision, eine Insel zu sein", die am globalen Sportgeschehen teilnehme. Fußball könne ein Katalysator sein für Diversität, Toleranz und Exzellenz.

Auch das Team Bahrain-Medida ist Teil dieser Strategie, von den Menschenrechtsverletzungen abzulenken. “Das professionelle Radsport-Team gibt dem Land maximale Sichtbarkeit für eine relativ moderate Investition", sagte Nicholas McGeehan, der für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Lage in Bahrain beobachtet, kürzlich dem Guardian.

Keine Stellungnahme des Teams

Zu den Vorwürfen gegen den Geldgeber des Teams will man rund um den Mannschaftsbus nichts sagen. "Ich bin hier für die sportliche Seite, nicht für Politik", sagt Tristan Hoffman und verweist auf das Teammanagement, das aber bis Mittwoch nicht anwesend war bei der Tour. Man werde aber ohnehin auch dort keine andere Antwort erhalten, sagt Hoffman.

Ob der Prinz selber nach Frankreich kommt, weiß der Sportliche Leiter auch nicht. Im Mai, als Vincenzo Nibali, der Toursieger von 2014 und der große Star des Teams um den Sieg beim 100. Giro d'Italia kämpfte, war Nasser al Khalifa persönlich vor Ort. Nibali, der auf einer gemeinsamen Radtour 2016 dem bahrainischen Königssohn die Idee mit dem Radsport-Team schmackhaft machte, ist diesmal nicht in Frankreich dabei. Vielleicht macht Nasser al Khalifa deshalb einen Bogen um die Tour. Denn für Glanz für das menschenverachtende Regime hat das Team Bahrain-Merida bisher ja nicht gesorgt.