Team Sky jenseits des Toleranzbereichs

Team Sky jenseits des Toleranzbereichs

Von Hajo Seppelt und Tom Mustroph

"Zero Tolerance" gegenüber Doping proklamierte Team Sky bei seiner Gründung 2010. Mit den Jahren und mit den Erfolgen wuchsen die Zweifel, ob der Rennstall der eigenen Prämisse wirklich folgt. Ärzte und sportliche Leiter mit Dopingvergangenheit wurden angestellt. Es herrscht mangelnde Transparenz bei der Vergabe von leistungssteigernden Präparaten. Medikamentenlieferungen sind nicht dokumentiert. Und auch das Spritzenverbot im Radsport wurde offenbar verletzt.

Bradley Wiggins

Welch ein Wandel. "Als wir in den Sport kamen, wollten wir den Status quo komplett verändern", blickte Sky-Gründer David Brailsford selbst 2015 auf die Anfänge seines Teams zurück. Es wollte ein Modell für sauberen und zugleich erfolgreichen Radsport sein. Brailsford wurde gar zum Ritter geschlagen.

Im letzten Jahr folgte der tiefe Fall. Skys Führungsriege musste vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Der war ursprünglich ins Leben gerufen worden, um den Enthüllungen der ARD und der "Sunday Times" über Doping in der Leichtathletik nachzugehen. Dann aber ging es auch um das Team Sky.

Anlass der Untersuchung war eine seltsame Medikamentenlieferung an den damaligen Star des Rennstalls, Bradley Wiggins, zum Criterium du Dauphiné 2011. Am Tage des Zeitfahrens, bei dem Wiggins das Gelbe Trikot der Rundfahrt übernahm, wurde in Manchester, dem gemeinsamen Hauptquartier von Team Sky und dem britischen Radsportverband, ein Kurier bestellt, um ein Medikament für Wiggins abzuholen. Der Kurier, hauptamtlicher Frauentrainer im britischen Verband, brauchte drei Tage Reisezeit. Wiggins, für den das Medikament bestimmt war, hatte mittlerweile das Rennen gewonnen.

Dem Untersuchungsausschuss erzählte Teamchef Brailsford erst auf mehrfache Nachfrage, dass es sich um einen simplen Hustenlöser, ein Medikament, das für etwa zehn Euro in jeder Apotheke zu haben ist, gehandelt hätte. Und solch ein Medikament wird über mehrere Tage, 1.500 km und zu Transportkosten von fast 700 Euro zu einem Patienten gebracht, der es noch nicht einmal rechtzeitig erhält?

Dieses Vorgehen verblüffte auch den Ausschuss im Parlament. Und der stieß in der Anhörung auf weitere Merkwürdigkeiten. Damian Collins, Ausschussvorsitzender, sagte der ARD-Dopingredaktion: "Sie wissen nicht, was in dem Paket war. Es gibt keine Unterlagen dazu. Wir haben nur die Aussage vom Arzt. Und der sagt, er hätte keine Aufzeichnungen, weil sein Laptop gestohlen wurde."

Diese Geschichte steht für Collins, und nicht nur für ihn, in starkem Kontrast zum Bild des perfekt organisierten Rennstalls Sky. "Es stellt sich auch die Frage, wie kann David Brailsford, wenn er behauptet, er führe das sauberste Team im Radsport, mit höheren Standards als alle anderen, diese Standards überhaupt einhalten, wenn es keine ordentliche Buchführung gibt?", fragt sich Collins weiter.

Die Geschichte mit dem Päckchen wurde überhaupt nur bekannt, weil britische Journalisten nach dem Leak von therapeutischen Ausnahmegenehmigungen des Weltradsportverbandes UCI für Bradley Wiggins und Chris Froome durch die russische Hackergruppe "Fancy Bears" im Umfeld von Sky recherchierten.

Den Top-Stars von Team Sky war demnach ganz offiziell erlaubt, Kortison einzunehmen, wegen angeblicher gesundheitlicher Leiden.

Bei Wiggins galten die Ausnahmegenehmigungen kurz vor der Tour de France 2011, die er gewinnen wollte, der Tour 2012, die er gewann, und dem Giro d'Italia 2013, zu dem er als großer Favorit fuhr. Bei Froome war es im Mai 2013.

Später kam heraus: Sky benutzte Kortison, traditionell im Sport als Dopingmittel missbraucht, in noch größerem Maße. Der Ausschussvorsitzende Damian Collins:

"Wir haben schriftliche Aussagen vom Teamarzt Dr. Freeman über das Ausmaß der Bestände von Triamcinolon. Ich glaube, es wurde neun Mal von Ärzten von Team Sky für Sky-Profis verabreicht. Aber wie viele Profis es erhielten, wollten sie uns wegen der ärztlichen Schweigepflicht nicht sagen."

Kortison, in der Medizin als entzündungshemmendes Medikament eingesetzt, hat leistungssteigernde Effekte im Sport. Deshalb steht es auf der Dopingliste. Helge Riepenhof, langjähriger Teamarzt im Radsport und Chefarzt am angesehenen Unfallkrankenhaus der Berufsgenossenschaft in Hamburg, erklärt die verbotenen Wirkungen so: "Zur Leistungssteigerung kann es theoretisch so genutzt werden, dass man härter und intensiver trainieren kann, weil der Schmerz, der durch Training entsteht, erst später auftritt und die Schmerzschwelle erhöht wird.

Ein zweiter möglicher Effekt ist, dass man rein theoretisch den Gewichtsverlust verbessern kann. Man lagert anfangs zwar Flüssigkeit ein, wenn man Kortison nimmt. Durch das Abtrainieren der Flüssigkeit verliert man aber auch mehr Fettgewebe, und das kann dazu führen, dass man eben ein bisschen schlanker ist durch die Kortisonbehandlung.“

Härter trainieren können, weniger Schmerz auch im Wettkampf haben und bei gleicher Leistungsfähigkeit weniger Gewicht über die Berge schleppen müssen - das macht Kortison zu einem interessanten Dopingmittel gerade bei dreiwöchigen Rundfahrten.

Im Zuge der Säuberung und Neuausrichtung des Radsports erlegten sich daher einige Rennställe die Selbstverpflichtung auf, gar kein Kortison einzusetzen, und in den Fällen, in denen es medizinisch unumgänglich war, den betreffenden Fahrer aus dem Rennen zu nehmen. Sie schlossen sich in der Bewegung für den sauberen Radsport MPCC zusammen. Team Sky ist dort nicht Mitglied - hat eine  Selbstverpflichtung gegen Kortison somit nicht mitgetragen. Hat sich Team Sky auf diese Weise ein Schlupfloch für Kortison-Behandlungen offengehalten?

Ralph Denk, Teamchef des Rennstalls BORA-hansgrohe, selbst Mitglied der MPCC: "Das heißt, sie dürfen auch Rennen fahren, wenn sie Kortison den Fahrern verabreichen. Ob das dann wirklich für Knieschmerzen ist, oder ob es für Leistungssteigerungen hergenommen wird, ist im Endeffekt nicht rauszufinden.

Ich will nicht sagen, Team Sky hat gedopt. Das traue ich mich auch nicht. Dafür habe ich auch keine Beweise. Aber sie haben definitiv das Reglement ausgereizt."

Wie auch erst in diesem Jahr bekannt wurde, leistete sich Team Sky weitere Verstöße. Gegen das Spritzenverbot im Radsport etwa: 2014 injizierte sich Sky-Profi Josh Edmondson nach eigenen Angaben Aminosäuren. Er geriet zudem durch Missbrauch des Schmerzmittels Tramadol sogar in eine Depression. Edmonson gab gegenüber der BBC freimütig zu: "Ich spritzte mich zwei, drei Mal die Woche."

Team Sky behauptete damals, niemals Spritzen einzusetzen - und verschwieg den Fall. Edmondson, inzwischen nicht mehr bei Sky, wirft seinem Ex-Team Vertuschung vor. "Sie hätten öffentlich sagen müssen: Da spritzte sich ein junger Fahrer in unserem Team."

Zwischen dem Ruf von Team Sky und der Realität im Rennstall klafft offenbar eine Lücke. Von der ARD gefragt, wie die Rennstall-Leitung bei all diesen Vorfällen überhaupt noch garantieren könne, dass Team Sky sauber fährt, meinte Teamchef Brailsford nur: "Man kann nicht alles beobachten. Es ist für den Chef jeder Organisation nicht möglich, jedes kleinste Detail zu kennen."

Mangelnde Kenntnis der Vorgänge im eigenen Rennstall macht aber auch die Behauptung von "zero tolerance" unglaubwürdig. Sky hat den Toleranzbereich verlassen - und an Glaubwürdigkeit verloren.

Gegen den Rennstall läuft neben der parlamentarischen Untersuchung auch eine Ermittlung der britischen Anti-Doping-Agentur UKAD. Abschlussberichte der beiden Untersuchungen werden für den Herbst erwartet.

Stand: 08.07.2017, 17:04

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