Fotofinish bei der Tour

Kittel dreitausendstel Sekunden schneller

Michael Ostermann (Nuits-Saint-Georges)

Marcel Kittel (l.) und Edvald Boasson Hagen fahren über den Zielstrich | Bildquelle: dpa/BELGA/Yorick Jansens

Rolf Aldag, der Sportdirektor des Teams Dimension Data, hatte sich das Zielfoto der 7. Etappe auf sein Smartphone schicken lassen und stark eingezoomt. Zu sehen waren zwei Vorderräder, nicht einmal im vollen Umfang, sondern nur der vordere Teil, und die Ziellinie. "Das hier ist Edvald und das ist Marcel", erklärte Aldag und ließ seine Finger über das Display wandern. Und ja, tatsächlich: Wenn man genau hinguckte, war das Vorderrad von Marcel Kittel einen Hauch vor jenem des für Aldags Team fahrenden Edvald Boasson Hagen.

Nicht wahrnehmbar

Drei, vielleicht vier Millimeter oder Dreitausendstel Sekunden. Nach einer Etappe über 213,5 Kilometer. So etwas ist heutzutage mit moderner Technik messbar. Aber nicht wahrnehmbar. Dabei haben Sprinter in der Regel ein gutes Gespür dafür, ob sie die Ziellinie als Erster überquert haben oder nicht. Doch diesmal wusste selbst Kittel nicht, woran er war: "Ich hatte keine Ahnung, ob es gereicht hatte oder nicht", berichtete er.

Danach mussten er und der Norweger Boasson Hagen am Freitag (07.07.2017) minutenlang warten, bis der Sieger ermittelt war. "Ich konnte relativ cool bleiben, weil ich mein Bestes gegeben habe", sagte Kittel. Nachdem die Jury die Bilder gesichtet hatte, stand sein dritter Etappensieg bei dieser Tour fest. Es war sein zwölfter insgesamt, seit er 2012 das erste Mal in Frankreich am Start stand. Damit hat Kittel nun so viele Erfolge eingefahren wie Erik Zabel, der bislang den deutschen Rekord in Sachen Touretappensiege hielt. Vermutlich wird Kittel noch während der kommenen zwei Wochen vorbeiziehen.

Überraschung kurz vor dem Ziel

So knapp wie dieser war jedoch noch keiner seiner Erfolge. Obwohl er schon im vergangenen Jahr einmal erst nach Ansicht des Zielfotos zum Sieger erklärt worden war. Dass es diesmal so eng zugegangen war für den bislang deutlich überlegenen Sprinter der Tour, hatte seine Gründe. Kittels Team hatte den ganzen Tag über das Feld kontrolliert, um in Nuits-Saint-Georges ein Sprintfinale zu garantieren, bevor es am Wochenende in die Berge geht.

Auf den letzten Kilometern hatte sich Kittels Sprintzug dann auch schulmäßig aufgereiht, genau wie der von Dimension Data. Als es um die letzte, weite Rechtskurve ging, hing Kittel gut positioniert am Hinterrad von Boasson Hagen, erlebte dann aber eine Überraschung. "Ich dachte, danach sind es noch zweihundert Meter, aber es waren nur noch 120 Meter. Und dann musste ich noch warten, bis ich rechts an Boasson Hagen vorbei fahren konnte", erzählte Kittel. "Zum Glück ging die Tür noch auf."

Kittel sprintete los, aber die Distanz bis ins Ziel war dann zu gering, um deutlich an Boasson Hagen vorbeizukommen. Ich habe mich einfach so lang gemacht wie es ging", sagte Kittel. "Zum Glück habe ich noch einen Fruchtzwerg extra gehabt und es noch vorbeigeschafft."

Kittel in Grün - vorerst

Der Norweger war trotz der knappen Niederlage nicht lange frustriert. Denn eigentlich hätte er bei dieser Tour die Sprints für Mark Cavendish vorbereiten sollen, der nach dem schweren Sturz im Finale der 4. Etappe aber nicht mehr dabei ist. Dass Boasson Hagen nun in Nuits-Saint-Georges ganz knapp dran war an einem Etappensieg, verbuchten sie bei Dimension Data schon als Erfolg. Mit dem Ergebnis wollte deshalb niemand hadern.

"Das ist in dem Fall das Schöne an der Technik",sagte Sportdirektor Aldag. "Es gibt einen Sieger und keine schlechten Gefühle." Vor zehn Jahren noch, vermutete er, wäre ein solch knapper Unterschied auch technisch noch nicht feststellbar gewesen. "Damals hätte man vermutlich zwei Fahrer auf das Podium gestellt oder einfach den 'local hero' zum Sieger erklärt."

Kittel eroberte mit seinem hauchdünnen Sieg auch das Grüne Trikot des Sprintbesten. "Cool" sei das, erklärte er. Um es zu verteidigen, muss er aber auch in den noch anstehenden Sprintfinals weiter punkten. Notfalls auch wieder per Fotofinish. Ein Selbstläufer wird das nicht. Denn ob Kittel weiter der dominierende Sprinter bleibt, hängt auch davon ab, wie gut er durch die Berge kommt und danach seine Spritzigkeit behalten kann. Die beiden kommenden Tage im Jura werden jedenfalls ohne Zielfoto auskommen.