16. Etappe der Tour de France

Degenkolb protestiert vergeblich gegen Matthews

Michael Ostermann (Romans Sur Isère)

John Degenkolb fühlt sich in Romans-sur-Isère um den Sieg gebracht. Doch der Sprint von Etappensieger Michael Matthews ist hart, aber korrekt. Der Australier beklagt sich seinerseits über Degenkolb.

Der Protest war vergeblich. Sowohl der unmittelbare auf dem Rad, als auch der offizielle, den das Team direkt nach der 16. Etappe der Tour de France am Dienstag (18.07.2017) einlegte. John Degenkolb fühlte sich um den Etappensieg gebracht in Romans-sur-Isère. Schon kurz vor der Ziellinie hatte der deutsche Klassikerspezialist eine abfällige Geste gemacht in Richtung Michael Matthews, dem Tagessieger vom Team Sunweb.

"Lücke zugemacht"

Degenkolb behauptete später, der Australier habe seine Fahrlinie im Sprint verlassen und ihn dadurch behindert. Der Deutsche hatte seinen Sprint auf der rechten Seite begonnen, während Matthews aus dem Windschatten von Van Avermaet kommend von links leicht nach rechts zog. "Er hat mir die Lücke bewusst zugemacht", meinte Degenkolb. Er habe deswegen Tempo rausnehmen müssen. "Darum hat es nicht zum Sieg gereicht."

Degenkolb jagt diesem Touretappensieg seit Jahren vergeblich hinterher. Auch diesmal war er wieder nah dran. Der Frust ist also verständlich. Aber so richtig ersichtlich war nicht, warum Degenkolb der Meinung war, Matthews sei ihm regelwidrig in die Quere gekommen. Der Australier war von seinem Anfahrer Nikias Arndt wie schon in Rodez glänzend platziert worden und dann vom Hinterrad Van Avermaets knapp vor dem Norweger Edvald Boasson Hagen ins Ziel gesprintet.

Matthews weist Vorwürfe zurück

Tatsächlich war es für Degenkolb auf der rechten Seite eng geworden, als Matthews leicht dorthin rüberzog. Allerdings wirkte die Lücke für Degenkolb noch groß genug. Die Wahrnehmung des 28-Jährigen mag dennoch eine andere gewesen sein, nachdem er im Finale der 4. Etappe in Vittel zu Boden gegangen war. "Ich bin bei dieser Tour schon einmal schwer gestürzt, auch im Finale rechts an der Bande", sagte Degenkolb. "Für mich persönlich muss es nicht sein, dass ich da nochmal runtergehe."

"Ich bin einen fairen Sprint gefahren und habe meine Linie nicht verlassen", wies Matthews wenig überraschend den Vorwurf zurück, er habe sich nicht korrekt verhalten. Stattdessen erhob er selbst gegen Degenkolb Anklage. Der Deutsche war offenbar unmittelbar hinter der Ziellinie tätlich geworden.

Degenkolb wird tätlich

Augenzeugen wollten gesehen haben, wie Degenkolb Matthews an die Gurgel gegangen war. Der Australier selbst sprach von einem Schlag, während er auf die Auswertung des Zielfotos wartete. "Die Offiziellen haben es gesehen. Mal sehen, wie sie reagieren werden", sagte Matthews. "Sehr sportlich war das nicht."

Festhalten lässt sich: Die Kommissäre haben rund um die Sprints dieser Tour jede Menge zu tun. Sehr konsequent sind sie dabei bislang nicht gewesen. Weltmeister Peter Sagan wurde nach einem Ellenbogencheck auf der 4. Etappe, der jenen Sturz verursachte, in den auch Degenkolb verwickelt war, von der Tour ausgeschlossen. Der Franzose Nasser Bouhanni kam nach einem Faustschlag wenige Kilometer vor dem Ziel der 10. Etappe mit einer Zeit- und Geldstrafe glimpflich davon.

Kampf um Grün spitzt sich zu

Ob die Jury Degenkolb bestrafen wird, blieb zunächst offen. Matthews seinerseits konnte die Attacke des Konkurrenten recht locker verschmerzen. Denn neben seinem zweiten Etappensieg hat er seine Chancen im Kampf um das Grüne Trikot des besten Sprinters deutlich verbessert. Mit 79 Punkten Rückstand auf Marcel Kittel war er auf die Etappe gestartet. Nun sind es nur noch 29 Punkte. Kittel war schon am ersten Berg aus dem Feld gefallen, weshalb das Team Sunweb sich flugs vor das Peloton spannte um den deutschen Sprinter fernzuhalten. Mit Erfolg. Kittel kam mit 16:19 Minuten Rückstand ins Ziel.

Matthews wird nun versuchen, in den kommenden beiden Tagen, in denen es durch die Alpen geht, weiter Boden gutzumachen. Sein Ziel sind die Zwischensprints, die am Mittwoch und am Donnerstag jeweils nach dem ersten Anstieg kommen. Kittel muss dagegen auf die zwei noch ausstehenden Sprintetappen setzen. "Wir haben zwei ganz und gar unterschiedliche Matchpläne", sagte Matthews. "In den kommenden Tagen wird sich zeigen, welcher davon besser funktioniert." Endgültig vermutlich erst in Paris.