6. Etappe

Kittel sprintet schneller als der Rest

Michael Ostermann (Troyes)

Mit seinem Etappensieg in Troyes unterstreicht Marcel Kittel, dass er der schnellste Sprinter im Feld der Tour de France ist. Auch die Konkurrenz muss das neidlos anerkennen.

Fabio Sabatini musste sich den Weg zum Etappensieger freiboxen. Vehement schob der 1,87 Meter große Italiener die Kameraleute und Reporter beiseite, die Marcel Kittel hinter der Ziellinie unter einer Eisenbahnbrücke in Troyes umringten. Nachdem Sabatini nach kurzem, aber erfolgreichem Kampf gegen die Menschentraube bis zu Kittel vorgedrungen war, folgte eine stürmische Umarmung. "Bravo, bravo", rief Kittel.

Von weit hinten losgefahren

Marcel Kittel jubelt über seinen Etappensieg | Bildquelle: afp/bonaventure

Der Dank an die Teamkollegen ist ein wichtiges Ritual nach den Sprintetappen. Sowohl der persönliche als auch der öffentliche. Und so vergaß Kittel nach seinem Sieg auf der 6. Etappe der Tour de France am Donnerstag (06.07.2017) auch nicht, seiner Mannschaft ein Lob für die Sprintvorbereitung auszusprechen, in all die Mikrofone, die ihm nach der Siegerehrung entgegengestreckt wurden.

Dabei hatte ihn sein Team gar nicht perfekt positioniert auf der Zielgeraden in Troyes. Lange sah es so aus, als sei Kittel viel zu weit hinten positioniert, um als Erster über den Zielstrich zu kommen. Doch dann zog der 29-Jährige von dort einen unwiderstehlichen Sprint an, mit dem er an den Konkurrenten vorbei schoss. "Wenn man sieht, von wo er kommt, wird klar, Marcel ist eine Klasse für sich", stellte Torsten Schmidt fest.

Konkurrenzlos schnell

Schmidt, ein ehemaliger Profi bei kleineren deutschen Teams, ist heute sportlicher Leiter beim Team Katusha-Alpecin, das mit Alexander Kristoff ebenfalls auf Sprintsiege hofft. Der Norweger kam in Troyes als Vierter ins Ziel, obwohl er von seinen Anfahrern Rick Zabel und Marco Haller im Finale gut platziert worden war. "Marcel muss schon ziemlichen Mist bauen, damit man ihn schlagen kann", sagte Kristoff.

Der Sprint in Troyes unterstrich deutlich, dass Kittel bei dieser Tour der stärkste Sprinter im Feld ist. Schon sein erster Sieg in Lüttich war souverän herausgesprintet. Zumindest bei den flachen Ankünften kann dem schnellen Mann aus Erfurt derzeit niemand das Wasser reichen. In Troyes mussten das nun auch die Konkurrenten neidlos anerkennen. Auch Kittel spürt das. In das Finale in Troyes fuhr er deshalb mit großem Selbstvertrauen und wartete lange auf seinen Moment, um den Sprint anzuziehen.

Greipel zufrieden und deprimiert

"Ich wusste, dass das heute ein gutes Finale für mich ist, dass ich mich auch wirklich auf meine Endschnelligkeit verlassen kann", sagte Kittel. "Das grenzt mich auch von den anderen Sprintern ab." Wie weit der Abstand zwischen Kittel und seinen Rivalen derzeit ist, beschrieb André Greipel, der hinter Kittel und dem Franzosen Arnaud Démare Dritter wurde, sehr eindrücklich. Mit seinem Sprint sei er sehr zufrieden gewesen. "Aber Marcel kam glaube ich zehn km/h schneller an mir vorbei. Das war auf jeden Fall sehr deprimierend."

Den anderen Sprintern bleibt derzeit nur die Hoffnung auf die etwas schwierigeren Finals mit ansteigenden Zielgeraden. Dort ist Kittel nicht der erste Anwärter auf den Erfolg. Dem Franzosen Démare, der nun schon zum zweiten Mal Zweiter hinter Kittel war und der die 4. Etappe gewann, nachdem Kittel durch einen Sturz aufgehalten worden war, liegen solche Finals eher.

Grün im Visier

Womit er im Kampf um das Grüne Trikot des besten Sprinters einen leichten Vorteil gegenüber Kittel hat. Nach dem Tour-Ausschluss von Weltmeister Peter Sagan, der als sicherer Anwärter auf Grün in Paris galt, ist dieser Kampf nun plötzlich wieder offen. Derzeit ist Démare mit 170 Punkten noch im Besitz des "Maillot Vert". Sein Vorsprung auf Kittel (143 Punkte) beträgt 27 Zähler.

Kittel erklärte in Troyes, dass auch er jetzt natürlich das Grüne Trikot anpeilt, das verändere aber nichts an seiner Herangehensweise an die Sprints: "Ich konzentriere mich jetzt erst einmal auf Etappensiege und gucke, was in acht, neun, zehn Tagen passiert und ob dann noch eine Chance besteht. Kann sein, dass es erst auf den Champs Élysées entschieden wird." Die Zielankunft dort ist flach und wie gemacht für Marcel Kittel.

6. Etappe - die Zusammenfassung | Sportschau | 06.07.2017 | 10:10 Min. | Verfügbar bis 06.07.2018 | Das Erste