Bardet trägt die Hoffnungen Frankreichs

Romain Bardet

Franzose auf Rang drei

Bardet trägt die Hoffnungen Frankreichs

Von Michael Ostermann (Chambery)

Mit Romain Bardet hat Frankreich erstmals seit langem wieder einen Anwärter mit realistischen Chancen auf das Gelbe Trikot bei der Tour de France. Der 26 Jahre alte Radprofi trägt die Hoffnungen einer ganzen Nation.

Panache! Ein französisches Wort. Man kann es mit "Schneid" übersetzen, aber das trifft es nur zum Teil. Wenn ein Radprofi "panache" hat, dann ist er mutig, nimmt sein Herz in die Hände, zögert nicht und attackiert. Auch auf die Gefahr hin, am Ende mit leeren Händen dazustehen. Das Scheitern steckt mit drin in dem Begriff. Auch deshalb lieben die Franzosen Radprofis mit "panache". Sie lieben Romain Bardet.

Bürde Hinault

Auf der turbulenten Königsetappe am Sonntag (09.07.2017) ist Romain Bardet wieder mit "panache" gefahren. Er gehörte zu jenen Fahrern, die Christopher Froome, den Mann im Gelben Trikot, durch zahlreiche Tempoverschärfungen am Anstieg des Mont du Chat von seinen Helfern isolierte. In der anschließenden Abfahrt attackierte er waghalsig und wurde erst zwei Kilometer vor dem Ziel in Chambéry gestellt. Er fuhr dann als Vierter ein. In der Gesamtwertung belegt Bardet jetzt Platz drei. Sein Rückstand auf Froome beträgt nur 51 Sekunden. Noch ist nichts verloren.

Bardet trägt die Hoffnungen einer ganzen Nation auf seinen schmächtigen Schultern. Seit 32 Jahren warten die Franzosen auf einen heimischen Toursieger. Der 26 Jahre alte Radprofi ist nicht der Erste, dem die Bürde auferlegt worden ist, es dem großen Bernard Hinault nachzutun, der 1985 seinen letzten von insgesamt fünf Toursiegen feierte. Viele junge französische Radprofis sind an dieser Bürde schon gescheitert, weil die Erwartungen überzogen waren. Jetzt ist Bardet dran.

Erwartungen geschürt

"Jeder französische Fahrer, der nach oben kommt, muss da durch", sagt er. Aber diesmal besteht tatsächlich eine realistische Chance. Zum fünften Mal fährt Bardet die Tour de France. Bei seiner ersten Teilnahme fuhr er im Alter von 22 Jahren gleich auf Rang 15. Ein Jahr später war er bereits Sechster und 2015 beendete er die Rundfahrt auf Platz neun. Im letzten Jahr schürte Bardet die Erwartungen weiter, als er am drittletzten Tag der Tour attackierte und mit einem Etappensieg in Saint-Gervais vom fünften Gesamtrang auf den zweiten Platz vorfuhr.

Selbst Tourdirektor Christian Prudhomme sprach danach von einem Sieg mit "panache". "Das gibt uns Hoffnung für die Zukunft", sagte Prudhomme damals. Diese Zukunft ist jetzt. Und Bardet ist deswegen gefangen zwischen den Erwartungen einerseits und dem Wunsch nach Freiheit, die er mit dem Radfahren verbindet. Er will sich nicht auf die Rolle des Favoriten reduzieren lassen, weil er nicht einsehen mag, dass man zwischen dem siebten und dem zweiten Platz einen Unterschied macht, so lange er sich richtig vorbereitet und seinen eigenen Ansprüchen gerecht geworden ist.

Wichtige Helfer

"Der Radsport ist voller Unwägbarkeiten. Ich kann sehr stark sein und trotzdem nicht aufs Podium kommen, weil ich meine Chance nicht ergriffen habe", sagt er. "Ich versuche, mich nur auf meine Leistung zu konzentrieren. Sonst nichts." Das ist schwer genug bei dem Rummel, der um ihn herrscht. Doch Bardet ist offenbar gut darin, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. "Er ist ein ruhiger Typ, der sich nicht soviel Kopf macht", sagt der Schweizer Mathias Frank.

Frank fährt seit Saisonbeginn an Bardets Seite beim Team Ag2R. Der 30-Jährige ist selbst schon unter die Top 10 gefahren bei der Tour de France. 2015 wurde er Achter. Nun stellt er sich ganz in die Dienste des französischen Hoffnungsträgers. Frank ist nicht der einzige Profi, den Ag2R dem Teamkapitän neu an die Seite gestellt hat, um ihn wieder auf das Podium in Paris zu bringen. Der belgische Meister Oliver Naesen, 26, ein Spezialist für die schweren Eintagesrennen im Frühjahr, soll seinen Kapitän auf den hektischen Flachetappen der Tour beschützen.

Frankreichs Komplex

Teamchef Vincent Lavenu hat die Mannschaft ganz auf Bardet ausgerichtet, versucht aber andererseits auch, ihm den Druck zu nehmen. "Er ist ernsthaft und macht seine Arbeit richtig. Das reicht uns", sagt Lavenu. "Er hat hohe Ambitionen und wir unterstützen ihn dabei." Lavenu weiß um den Komplex, den Frankreichs Radsport seit mehr als drei Jahrzehnten mit sich rumschleppt. Er versucht diesen mit gezielter Nachwuchsarbeit zu überwinden. Das scheint zu gelingen.

Auch Bardet, der aus der Auvergne stammt, ist im Leistungszentrum des Teams in Chambéry an den Profisport herangeführt worden. Als Kapitän der französischen U23-Nationalmannschaft galt er 2010 als großer Favorit der bedeutenden Nachwuchs-Rundfahrt Tour de l'Avenir, musste den Sieg aber dem bis dahin unbekannten Kolumbianer Nairo Quintana überlassen. Nebenbei beendete Bardet sein Wirtschaftsstudium. Zur Sicherheit, falls es mit dem Profisport nichts werden sollte.

Dem Aufstieg folgt der Verdacht

Mit seinem Aufstieg in die Rolle des Mitfavoriten bei der Tour wurden jedoch nicht nur die Erwartungen, sondern auch der Argwohn größer. Bardets Leistungen im vergangenen Jahr wurden öffentlich angezweifelt. Antoine Vayer, ehemaliger Trainer beim Team Festina, das 1998 im Zentrum eines großen Dopingskandals stand, stufte Bardet nach seinem Etappensieg als einen verdächtigen Fahrer ein. Vayer, einer der schärfsten Kritiker des Pelotons, berief sich dabei auf von ihm selbst entwickelte, aber umstrittene Methoden, um die getretenen Watt pro Kilogramm in den Anstiegen zu schätzen.

Bardet sah sich zum ersten Mal mit solchen Verdächtigungen konfrontiert und reagierte irritiert. Er vermutete, dass man seine Leistungen nicht in Frage gestellt hätte, wenn er als Sechster nach Paris gekommen wäre. Aber auch das gehört zur Rolle des Favoriten. Seit den zahlreichen Dopingskandalen gerät jeder Fahrer, der sich dem Gelben Trikot nähert, unter Verdacht. Auch daran wird Bardet sich wie an die hohen Erwartungen gewöhnen müssen.

Stand: 10.07.2017, 08:59

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