Kolumbianer nur 29 Sekunden hinter Froome

Rigoberto Uran - Als Schattenmann aufs Podium in Paris

Michael Ostermann (Briancon)

Auf dem Col d'Izoard stellt Rigoberto Uran sicher, dass die Abstände der Top drei der Gesamtwertung der Tour de France weiter unter einer halben Minute bleiben. Der Kolumbianer kann Geschichte schreiben, auch wenn Christopher Froome weiter die beste Ausgangsposition hat.

Er ist sich treu geblieben, auch auf dem Col d'Izoard. Er war immer da. Nie auffällig, nie in der Intiative, aber aufmerksam. Auch in jenem Moment, als Christopher Froome am Donnerstag (20.07.2017) versuchte, den Deckel vorzeitig drauf zu machen auf seinen vierten Gesamtsieg bei der Tour de France.

Gelb noch in Reichweite

Als der Brite 2,5 Kilometer vor dem Ziel auf dem legendären Gipfel attackierte, war es Rigoberto Uran, der das Loch wieder zufuhr. Damit bleibt der Kampf um das Gelbe Trikot eine Frage von Sekunden. Die ersten drei der Gesamtwertung liegen weiter nur 29 Sekunden auseinander. Und der Gesamtdritte ist Uran, nachdem sich der Franzose Romain Bardet als Etappendritter auf dem Izoard vier Bonussekunden sicherte und wieder auf Rang zwei vorrückte.

Das Gelbe Trikot ist also theoretisch immer noch in Reichweite für Uran. Jetzt da die Tour die Alpen verlässt und nur noch das 22,5 Kilometer lange Zeitfahren am Samstag in Marseille Veränderungen im Gesamtklassement bringen wird. Froome ist der Favorit dort, aber Uran ist bereit, seine Chance zu ergreifen. Dass er auf dem Podium stehen wird in Paris, darf als sicher gelten. Unklar ist, auf welchem Platz.

Unterhalb des Radars

Der Kolumbianer hat es geschafft, fast unbemerkt in diese Position zu kommen. Ganz anders als Bardet, auf den die Franzosen ihre Sehnsucht nach einem ersten Heimsieg seit 32 Jahren projezieren, und der Italiener Fabio Aru, der es schaffte, Titelverteidiger Froome das Gelbe Trikot zumindest für ein paar Tage zu entreißen, in der dritten Woche aber etwas den Anschluss verlor.

Beide erhielten viel Aufmerksamkeit, während Uran, der Schattenmann, einfach immer dabei war. Nicht einmal sein Etappensieg auf der Königsetappe nach Chambéry hatte daran etwas geändert. Der 30-Jährige blieb unterhalb des Radars. Zumindest bis Froome selbst ihn am zweiten Ruhetag als seinen schärfsten Widersacher bezeichnete. Vorausgesetzt, dass sich die Zeitabstände in den Alpen nicht gravierend ändern würden.

Schon alles gesehen

Das haben sie nicht. Auch nach der letzten Bergetappe blieb Froome deshalb bei seiner Einschätzung: "Uran ist die größte Bedrohung im Zeitfahren." Deshalb könnte der Profi vom Team Cannondale-Drapac nun Geschichte schreiben und als erster Kolumbianer überhaupt die Tour de France gewinnen. Dieser Platz in der Historie schien bislang für Nairo Quintana vorgemerkt zu sein. Doch so nah dran am Gesamtsieg wie Uran jetzt war Quintana, der schon zweimal als Zweiter und einmal als Dritter auf dem Podium in Paris gestanden hat, noch nie.

Uran mag überraschend nah dran sein am großen Triumph. Doch aus dem Nichts kommt er nicht. Er ist ja schon seit elf Jahren Profi. "Er hat schon alles gesehen", sagt der Chef seines Teams, Jonathan Vaughters. Schon mit 19 heuerte er in Italien bei einem drittklassigen Team an. Zwei Jahre später erhielt er beim spanischen Team Caisse d'Epargne seinen ersten Job in der Eliteklasse. Die Tour de France in diesem Jahr ist bereits seine 14. Drei-Wochen-Rundfahrt.

Drei Jahre lang diente er der britischen Equipe Sky, die ihn nun am meisten fürchtet. Als Bradley Wiggins 2013 den Sieg beim Giro d'Italia anpeilte, das Rennen dann aber frühzeitig verließ, sprang Uran in die Bresche und beendete die Rundfahrt schließlich als Zweiter. Ein Jahr später und schon in Diensten von Quick Step fuhr Uran zwischenzeitlich sogar in Rosa und landete erneut als Gesamtzweiter hinter seinem Landsmann Quintana.

Rigo statt Nairo

Der ist auch in diesem Jahr wieder den Giro gefahren und hat dort offenbar jene Kraft gelassen, die ihm in Frankreich fehlt. "Die Beine antworten nicht", klagte Quintana schon vor den Alpen, aus denen er mit 13'52 Minuten Rückstand auf Rang 12 kommt. Urans Beine kommunizieren dagegen ganz großartig mit ihrem Besitzer. "Er ist selbstbewusst, gesund und hat gute Beine. Mehr kann man nicht verlangen", sagt Vaughters.

Die zahlreichen kolumbianischen Fans haben ihre Gesänge deshalb längst von "Nairo, Nairo" in "Rigo, Rigo" umgetextet und umlagern eben jetzt den Bus von Cannondale-Drapac. Uran scheint der Trubel, den er mit seiner Fahrt durch Frankreich auslöst, nicht besonders zu kümmern. Andreas Klier, sportlicher Leiter bei Urans Equipe, spannt gleich vier mal "sehr" vor das Wort "relaxed", wenn er den Charakter seines Kapitäns beschreiben soll. Und auch der Amerikaner Vaughters nennt Uran "very chilled".

Losverkäufer mit 14

Das mag auch daran liegen, dass Uran schon mehr erlebt hat als die meisten anderen Radprofis. Als er 14 Jahre alt war, wurde sein Vater, ein Lotterieverkäufer, von kolumbianischen Guerilleros getötet. Um seine Mutter und die jüngere Schwester zu unterstützen, übernahm Rigoberto das Geschäft und fuhr mit dem Rad in die umliegenden Orte, um dort Lose zu verkaufen.

"Wir sind als Familie durch eine schwere Zeit gegangen. Es fällt schwer, sich das in Erinnerung zu rufen", hat Uran im vergangenen Jahr in einem Interview gesagt. Sein Vater hatte ihn ein halbes Jahr vor seinem Tod zum Radsport gebracht. Sein erstes Radrennen fuhr er mit 15, ein Zeitfahren, das er in Straßenkleidung auf einem geliehenen Rad gewann.

Minimale Chance im Zeitfahren

Nun ist es erneut ein Zeitfahren, das seinem Leben eine entscheidende Wende geben kann. Uran wäre gerne mit einem Vorsprung auf Froome in den Kampf gegen die Uhr gegangen, wie er am Morgen vor der 18. Etappe betont hatte. Der Titelverteidiger ist von den drei Topplatzierten der beste Zeitfahrer. Doch Uran hat auch schon Zeitfahren gewonnen. Beim Giro 2014 zum Beispiel.

Dennoch mag niemand so recht glauben, dass Froome das Gelbe Trikot noch zu nehmen ist. Bei Cannondale-Drapac wollen sie sich damit nicht abfinden. Auch wenn die Chance nur minimal ist. "Ein Zeitfahren am vorletzten Tag ist immer schwierig", sagt Vaughters. "Die Beine arbeiten anders nach drei Wochen." So oder so wird für Uran in Marseille die Zeit als Schattenmann zuende gehen.

18. Etappe - die letzten drei Kilometer | Sportschau | 20.07.2017 | 09:46 Min. | Verfügbar bis 20.07.2018 | Das Erste