Tour de France

Guillaume Martin - Der Philosoph auf dem Rad

Der französische Radprofi Guillaume Martin fährt seine erste Tour de France. Auf langen Flachetappen lässt er manchmal den Geist schweifen. Denn Martin ist nicht nur Radprofi, sondern auch Philosoph.

Es ist nicht bekannt ob Friedrich Nietzsche jemals Rad gefahren ist. Das Fahrrad war zu seiner Zeit noch ein relativ neues Fortbewegungsmittel. Der deutsche Philosoph hat sich auch nie zum Thema Sport geäußert. Aber für Guillaume Martin bietet Nietzsches Werk durchaus einen Weg, den Radsport und den Sport insgesamt zu verstehen.

Philosophie des Willens

Der 24 Jahre alte Franzose hat an der Universität von Nanterre Philosophie studiert. Der Titel seiner Masterarbeit lautete: "Der moderne Sport: Eine Verwirklichung der Philosophie Nietzsches?" Das ist tatsächlich eine bedenkswerte Frage, gilt Nietzsches Denken doch als eine Philosophie des Willens. Ihm ging es dabei zwar um den Willen zur Macht. Aber ist es nicht das, was den Radsport ausmacht? Den Willen, den Schmerz zu überwinden, um als Erster ins Ziel zu kommen. Mit der mentalen Kraft das Leiden zu überwinden.

Das zumindest ist das Bild, das über lange Zeit vom Radsport und der Tour de France im besonderen gezeichnet worden ist. Die Tour hat schon früher die Philosophen angezogen. Allerdings nie welche, die sich selbst den Belastungen ausgesetzt haben. Der französische Literaturkritiker und Philosoph Robert Barthes beschrieb die Tour als Epos. Die Radprofis kämpfen demnach gegen eine "homerische Geographie". Dieser Kampf habe dramatische, manchmal lyrische, eventuell poetische, immer aber gigantische Züge.

Alternative zum Radsport

Diese verklärte Wahrnehmung, den Mythos, hat die Dopingkultur des Radsports jedoch längst profanisiert. Dem Willen wird mit Hilfe der Pharmazie, die das Leiden verringert, auf die Sprünge geholfen. Das zumindest ist eine Wahrnehmung und das Fragzeichen hinter dem Titel von Martins Arbeit darf man auch so verstehen.

Auch Barthes war stark von Nietzsche beeinflusst. Auch er sah die Willenskraft des Einzelnen als Schlüssel dafür, die Herausforderungen zu bewältigen, die das Rennen bereit hält. Genau dieser Ansatz ist es auch, der Martin interessiert. "Wenn man Sportler ist, ist Nietzsche interessant, weil er sich als Philosoph viel mit dem Körper beschäftigt hat", sagt er. "Sein Konzept der Willenskraft oder des Übermenschen kann man als Athlet gut nachvollziehen."

Sein Philosophie-Studium diente Martin als Alternative, für den Fall, dass es mit dem Radsport nicht funktionieren würde. Derzeit muss Plan B aber erstmal nicht zur Anwendung kommen. Seit anderthalb Jahren fährt Martin für das zweitklassige belgische Team Wanty Groupe-Gobert, nachdem er zuvor mit einem Etappensieg bei der bedeutenden Nachwuchsrundfahrt Tour de l'Avenir und dem Gewinn der U23-Ausgabe von Lüttich-Bastogne-Lüttich auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Den Geist schweifen lassen

Auch das Tourdebüt läuft bislang vielversprechend für den Kletterspezialisten. Die erste Bergankunft in La Planche des Belles Filles beendete er als Neunzehnter mit 1'13 Minuten Rückstand auf Etappensieger Fabio Aru. Aber vier Sekunden schneller als etwa Emanuel Buchmann, die deutsche Rundfahrten-Hoffnung. "Bis jetzt läuft es gut für mich", sagt Martin.

Am Berg kommt die Philosophie des Willens bei Martin zur praktischen Anwendung. Auf den langen Flachetappen wie der 6. Etappe am Donnerstag (06.07.2017) über 216 Kilometer von Vesoul nach Troyes bleibt dagegen Zeit zum Denken. "Manchmal ist man dann wie in den Wolken und lässt den Geist schweifen", sagt er. Das Radfahren habe ihm oft schon als Vorbereitung für die Philosophie gedient. Bei der Tour aber sei der Kopf zu sehr beansprucht, um wirklich zu philosophieren.

Logik macht Platz für die Unvernunft

Stattdessen liest er abends im Teamhotel ein Buch mit dem Titel "2000 ans d'histoire gourmande" frei übersetzt "2000 Jahre Geschichte des Schlemmens". Das ist eine bemerkenswerte Literaturauswahl für einen Radprofi, der schnell die Berge hochkommen will und dafür möglichst leicht sein muss. "Radprofis haben immer mit der Ernährung zu kämpfen", sagt Martin. "Deshalb fand ich das interessant."

Martin weiß, dass er mit seiner zweiten Leidenschaft, seinem Intellekt, eine besondere Rolle einnimmt im Peloton. Er steht aber aus seiner Sicht damit nicht allein da. Es gebe viele besondere Typen im Fahrerfeld. "Man muss sich für die Menschen interessieren, dann stellt man das schnell fest", sagt er.

Und er ist nun eben der Philosoph auf dem Rad. Dem Radsport ist aber nicht alleine mit Hilfe der Philosphie beizukommen. "Man muss vorsichtig sein. Die Philosophen rationalisieren ihr Bild der Welt, aber mit einem Radrennen funktioniert das nicht", sagt Martin. "Es gibt immer einen Punkt, an dem die Dinge verrückt werden und die Logik hinter den Instinkten verschwindet und zugunsten der Unvernunft abtritt." Die Tour 2017 hat dafür schon in der ersten Woche jede Menge Beispiele geliefert.