Zweiter auf der 19. Etappe

Sunweb spielt Arndt und gewinnt fast wieder

Michael Ostermann (Salon de Provence)

Auf der 19. Etappe der Tour de France verpasst Nikias Arndt den Sieg nur knapp. Die außergwöhnliche Erfolgswelle des deutschen Teams Sunweb erfährt damit fast den nächsten Höhepunkt. Ein Zufall ist das nicht.

Schwer schnaufend und tief über den Lenker gebeugt hockte Nikias Arndt auf seinem Rad hinter dem Ziel in Salon de Provence. Immer wieder schüttelte er den Kopf. Fünf Sekunden hatten ihm gefehlt, um gleich bei seiner ersten Tour de France einen Etappensieg zu landen. Doch auf den letzten drei Kilometern der 19. Etappe hatte er am Freitag (21.07.2017) den Norweger Edvald Boasson Hagen ziehen lassen müssen.

Konterattacke nach dem Kreisverkehr

"Ich werde lange dafür arbeiten müssen, bis so eine Gelegenheit wiederkommt", sagte Arndt, als er langsam wieder zu Luft gekommen war. Drei Kilometer vor dem Ziel hatte er selbst die Initiative übernommen, nachdem die neun Ausreißer schon eine ganze Weile vorher damit begonnen hatten, sich gegenseitig zu attackieren. Wohl wissend, dass das Feld mehr als zwölf Minuten Rückstand hatte.

Arndts Attacke war die entscheidende. In einem Kreisverkehr nahm er die rechte Seite, Boasson Hagen an seinem Hinterrad. Die anderen Konkurrenten fuhren links herum und so öffnete sich eine Lücke für die beiden sprintstärksten Profis in der Fluchtgruppe. Doch kaum war das Loch auf- und Arndt aus dem Wind gegangen, setzte der Norweger seine Konterattacke.

19. Etappe - die letzten drei Kilometer | Sportschau | 21.07.2017 | 04:05 Min. | Verfügbar bis 21.07.2018 | Das Erste

Der richtige Mann für die Gruppe

"Er hat so stark beschleunigt, dass ich sein Hinterrad nicht halten konnte", erklärte Arndt. Dass er den Weg rechts durch den Kreisverkehr gewählt und damit auch Boasson Hagens Weg zum Sieg geebnet hatte, war kein Zufall. "Gute Vorbereitung", sagte Arndt. "Ich wusste, dass diese Seite schneller ist." Die Info hatte er aus dem Teamwagen bekommen.

Überhaupt hatte das Team sich schon früh entschieden, auf Arndt zu setzen. Bei der Taktikbesprechung am Vorabend hatten die sportlichen Leiter des Teams Sunweb beschlossen, dass der 25 Jahre alte Radprofi aus Köln der Mann für die Ausreißergruppe sein würde. Arndt ist eigentlich Anfahrer für die Sprints von Michael Matthews. Doch mit einer Sprintankunft rechnete man nicht, weil nach den schweren Tagen in den Alpen niemand bereit sein würde, das Rennen zu kontrollieren.

Keine Belohnung, sondern ein Plan

Dass die Wahl auf ihn gefallen war, empfand Arndt als eine Anerkennung für seine bisherherige Arbeit, mit der er bis dahin entscheidend dazu beigetragen hatte, dass Matthews das Grüne Trikot des punktbesten Sprinters trägt. Doch Teammanager Iwan Spekenbrink widersprach der These, dass es sich um eine Belohnung für Arndts Dienste gehandelt habe. "Wir machen vor der Etappe eine Strategie und Nikias war heute unsere beste Option", sagte der Niederländer nach der Etappe.

Radsport ist ein Teamsport. Und daran gemessen hat das Team Sunweb bei dieser Tour bislang einiges richtig gemacht. Vier Etappensiege hat das deutsche World-Tour-Team bereits gefeiert. Sie werden, sofern kein Sturz mehr dazwischen kommt, zwei Wertungstrikots nach Paris tragen. Neben Matthews Grünem Trikot auch das Gepunktete Trikot des besten Kletterers, das auf den Schultern von Warren Barguil ruht. Der Franzose wird die Tour zudem aller Voraussicht nach auf einem Top-10-Platz beenden.

Nicht für Fahrer A, B oder C

Matthews und Barguil haben sich gegenseitig bei ihren Unternehmungen gestützt. Barguil holte vor Matthews zweitem Etappensieg in Romans-sur-Isère im Finale einen Ausreißer zurück. Der Australier sprintete, als er in einer Ausreißergruppe saß, seinerseits um Bergpunkte, damit Barguils Konkurrenten im Kampf um das Bergtrikot diese nicht einsammeln konnten.

Es ist dieser Teamspririt, den sie bei Sunweb gerne betonen, wenn es darum geht, die Erfolge bei dieser Tour zu erklären. Und jeder Erfolg steigert dieses Gemeinschaftsgefühl. "Wir fahren nicht für den Fahrer A, B oder C, sondern für das Team", sagte Spekenbrink. Jeder Fahrer hat seine Rolle.

Der Teamchef ahnt aber auch, dass seine Equipe gerade auf einer ungewöhnlichen Welle schwimmt. "Die Erfolge sind besser, als wir tatsächlich sind, da muss man ehrlich sein", so Spekenbrink. "Wir müssen auf dem Boden bleiben. Es werden auch wieder andere Momente kommen." Insofern war der zweite Platz von Nikias Arndt in Salon de Provence auch ein Zeichen dafür, dass nicht alles immer nach Plan funktioniert. Für Arndt selbst dürfte das nur ein schwacher Trost sein.