Australier im Krankenhaus

Portes Sturz verändert die Dynamik

Michael Ostermann (Chambery)

Auf der 9. Etappe der Tour kommt es zu zahlreichen Stürzen. Am schlimmsten erwischt es den Australier Richie Porte. Mit ihm verliert das Rennen einen der wichtigsten Herausforderer des Titelverteidigers.

Es war laut in Chambéry, den ganzen Tag. Das Geschrei der Menge, eine Blaskapelle, das Getöse der Werbekarawane, die aufgeregte Stimme des Streckensprechers und schließlich das Dröhnen der Hubschrauber. Das machte die Stille, die nach der Etappe rund um den Mannschaftsbus des Teams BMC herrschte, noch eindrücklicher.

Schlüsselbein und Hüftpfanne gebrochen

Niemand sprach zunächst ein Wort, als ein Fahrer nach dem anderen dort vom Rad stieg und im Bus verschwand. Graue Gesichter, in denen sich die Anstrengungen des Tages und der Schock gleichermaßen zeigten. Mit Richie Porte stellte das Team einen Kapitän, den viele als den wichtigsten Herausforderer für den dreimaligen Toursieger Christopher Froome betrachteten. Doch die Tour des Australiers ist nach einem fürchterlichen Sturz auf der Abfahrt vom Mont du Chat am Sonntag (09.07.2017) bereits nach der 9. Etappe beendet.

Richie Porte wird medizinisch versorgt | Bildquelle: picture alliance/augenklick/Roth

Auf der technisch schwierigen Abfahrt mit einigen nassen Stellen war Porte mit hohem Tempo kurz von der schmalen Straße abgekommen, verlor die Kontrolle über sein Rad und rutschte anschließend über den Asphalt gegen einen Felsen. Fabio Baldato, Sportlicher Leiter von BMC, war der erste Vertreter des Teams, der unmittelbar nach dem Ende der Etappe eine Erklärung abgab. "Wir wissen noch nicht viel. Er ist im Krankenhaus und wird untersucht. Er ist ansprechbar und hat offensichtlich keine Gehirnerschütterung", erklärte der Italiener. Am späteren Abend teilte das Team mit, dass Porte Brüche des rechten Schlüsselbeins und der Hüftpfanne erlitten habe. Der 32-Jährige sei stets stabil und bei Bewusstsein gewesen. Er müsse mindestens vier Wochen lang pausieren.

Froome verliert Thomas

Porte war nicht das einzige Opfer dieser schwierigen Etappe, vor der es den meisten Fahrern schon vor dem Start gegraut hatte. Zum einen wegen der sieben kategorisierten Anstiege mit insgesamt 4.600 Höhenmetern und drei Bergen der höchsten Kategorie, zum anderen wegen eben jener Abfahrt vom Mont du Chat. Doch schon bei der Abfahrt vom Col de la Biche erwischte es Geraint Thomas, bis dahin Zweiter der Gesamtwertung und wichtiger Helfer für Froome beim Team Sky. Thomas musste mit gebrochenem Schlüsselbein aufgeben. "Das ist ein großer Schlag für unser Team", sagte Froome.

Auch der Kapitän des deutschen Teams Bora-hansgrohe, Rafael Majka, war in den Sturz verwickelt. Der Pole konnte zwar weiterfahren, kam aber mit mehr als einer halben Stunde Rückstand ins Ziel, nachdem er auf der Abfahrt vom Mont du Chat noch ein zweites Mal zu Fall kam. Seine Ambitionen in der Gesamtwertung muss der Pole ad acta legen. Es ist fraglich, ob er überhaupt weiterfahren wird. Damit rückt Emanuel Buchmann in die Rolle des Teamleaders. Nachdem er am letzten Anstieg des Tages den Anschluss an die Favoriten verlor, liegt er nun aber bereits 8:46 Minuten hinter dem Gelben Trikot zurück.

Hohes Risiko

In Chambéry blieb unterdessen die Frage zurück, ob die Strecke nicht zu riskant gewesen sei. Den Kampf um das Gelbe Trikot auf schmalen, technisch anspruchsvollen Abfahrten austragen zu lassen, ruft diese Art von Debatte fast jedes Mal hervor. Letztlich aber sind es die Fahrer, die das Rennen machen. "Wir sind es, die das Risiko bestimmen", gab der Ire Daniel Martin zu bedenken. Martin war bei Portes Sturz in der Favoritengruppe ebenfalls zu Fall gekommen, weil das Rad des Australiers vor ihm auf der Straße gelandet war. Er kam mit ein paar Schürfwunden und einem Zeitverlust von 1:15 Minuten davon.

"Natürlich hat die Route ihren Teil dazu beigetragen, es war rutschig und es gab eine Menge Rollsplitt", berichtete Martin. "Wenn man da nicht unter den ersten fünf Fahrern ist, wird es schwierig." Portes Sturz sorgte auch nicht dafür, dass in der Gruppe um Froome weniger riskant durch die Kurven gefahren wurde. Der Franzose Romain Bardet attackierte kurze Zeit später und wurde erst kurz vor dem Ziel wieder gestellt.

Umstrittene Attacke

Die Gesamtwertung war nach diesem Tag dennoch ordentlich durcheinander gewirbelt worden. Froome verteidigte vor dem Ruhetag das Gelbe Trikot und hat mit Porte nun einen Hauptkonkurrenten weniger. Das dürfte die Dynamik des Rennens verändern, weil der Australier vor seinem Sturz zu jenen Fahrern gehörte, die durch einige Attacken Froome von seinen Teamkollegen isoliert hatten. Als wichtigster Herausforder muss nun neben dem 18 Sekunden zurückliegenden Italiener Fabio Aru der Franzose Bardet gelten (+0'51 Min.).

Mit Aru trug Froome an diesem nervenaufreibenden Tag zudem eine private Fehde aus. Der Kapitän des Astana-Teams hatte am Mont du Chat just in jenem Moment attackiert, als Froome einen Defekt anzeigte. "Das ist nicht der Moment, das Gelbe Trikot zu attackieren", bemängelte der Brite und dankte den anderen Konkurrenten, allen voran Porte, dass sie Aru zurückgepfiffen hätten. Tatsächlich war Arus Angriff an der Grenze des Fairplays, zumal er direkt neben Froome fuhr, als dieser den Arm hob.

Buchmann - "Hatte heute den ganzen Tag zu kämpfen" | Sportschau | 09.07.2017 | 01:12 Min. | Verfügbar bis 09.07.2018 | Das Erste

Froome behauptete, die Attacke selbst gar nicht mit bekommen zu haben. Ihm sei erst klar geworden, was passiert sei, nachdem er sein Rad gewechselt und den Anschluss wiedergefunden habe. Warum er Aru dann später in einer Kehre fast von der Straße gedrängt hatte, wollte Froome nicht erklären. Nach der dritten Frage dazu beendete er kurzerhand die Pressekonferenz. Am Montag nun legt die Tour ihren ersten Ruhetag ein. Danach wird es wieder weitergehen. Mit dem üblichen Getöse.