Interview mit dem deutschen Sprinter

Marcel Kittel - Entscheidung über Grün erst auf den Champs Élysées

Marcel Kittel hat den zweiten Ruhetag bei der Tour de France im gleichen Hotel verbracht wie Michael Matthews, sein einzig verbliebener Rivale im Kampf um das Grüne Trikot. Der Australier winkt hinüber, als Kittel mit den Journalisten über die Jagd nach den Punkten, die Sprints in der dritten Woche und das Leben im Grupetto spricht.

Herr Kittel, haben Sie sich hier schon mit Michael Matthews unterhalten?

Marcel Kittel: Man sagt sich Hallo, mehr nicht. Jeder macht jetzt natürlich auch sein Ding, weil er einfach seine Ruhe haben will. Jeder ist kaputt. Nach zwei Wochen Tour tut alles weh.

Haben Sie damit gerechnet, dass die Situation im Kampf um Grün noch einmal so eng werden könnte?

Kittel: Für mich ist das nicht überraschend. Es gab jetzt einige Etappen, in denen Michael Punkte holen musste und es kommen auch noch welche, wo er den Unterschied wett machen kann. So wie am Sonntag, wo er über den ersten Berg mit attackiert und in der Gruppe sitzt. Das ist etwas, was er kann. Ich kann da einfach nur hintendrin hängen und versuchen, zu überleben. Das ist es, was uns als Rennfahrer unterscheidet. Jetzt muss man sehen, wie sich das weiter entwickelt in den nächsten Tagen. Ich hatte ja schon in der ersten Tourwoche gesagt, dass es auf die Champs Élysées ankommen kann. Am Ende wird es vielleicht genau so werden.

Beunruhigt Sie das?

Kittel: Ich in da entspannt. Am Ende kann ich es eh nicht ändern. Was soll ich denn machen, wenn er mich am Berg abhängt? Deswegen muss ich versuchen, zusammen mit meinem Team clever zu fahren und keine Chancen wegzugeben, selber nochmal Punkte zu holen. Das ist das Allerwichtigste und dann wird man sehen, wo man am Ende steht.

Welche Bedeutung hätte es für Sie, das Grüne Trikot nach Paris zu tragen?

Kittel: Das wäre schon was Besonderes. Ich persönlich hätte mich zwar nicht damit abgefunden, mich für das Grüne Trikot nicht mal wenigstens in einer aussichtsreichen Position zu befinden. Aber mit einem Sagan (Weltmeister Peter Sagan, Anm. d. Red.) als Konkurrenten war es natürlich extrem schwer. Jetzt bin ich in der Position, um die Chance nutzen zu können.

Welche Rolle spielt die Etappe am Dienstag? Matthews wird ja eher kein Interesse daran haben, dass die Fluchtgruppe kontrolliert wird.

Kittel: Ja, da muss man dann eben so ein bisschen Interessengruppen bilden, mit Teams, die hoffentlich die gleichen Interessen haben wie wir. Es wird auf jeden Fall schwierig. Der Start ist nicht einfach mit dem 3.-Kategorie-Berg am Anfang. Wir müssen uns dort auf jeden Fall als Mannschaft gleich zeigen, um den anderen bewusst zu machen, dass wir das Rennen gerne kontrollieren möchten und den Sprint wollen. Es wird viel Arbeit anfallen.

Verändern sich die Sprints in der dritten Tourwoche?

Kittel: Das hat man schon in der zweiten Woche gesehen, dass viele Teams gerade beim Anfahren zwar immer noch das Tempo hochgehalten haben, aber dann doch nicht mehr ganz so lange vorne im Wind fahren konnten, weil die Beine schon schwer waren. Und das wird sich auf jeden Fall fortsetzen in der dritten Woche. Das merkt man auch bei den Zwischensprints, etwa auf der Etappe, die Matthews gewinnt, wo Sunweb den ganzen Tag kontrolliert. Da sind wir bei einem Kilometer losgefahren mit 35 km/h und sind dann irgendwie gesprintet. Das ist dann nur noch mit Auge. Es geht um Energie sparen, Energie sparen, Energie sparen.

Diese Energie werden Sie vor allem auf den beiden schweren Alpenetappen am Mittwoch und Donnerstag brauchen. Haben Sie einen Horror vor der Fahrt über diese Berge?

Kittel: Horror nicht. Ich kann mich noch an den Croix de Fer erinnern, ich glaube 2013 war das. Das war nicht so schön, aber wir sind da kontrolliert hoch gefahren. Ich hoffe, das wird dieses Jahr wieder so werden. Ich glaube, wenn alles gut geht, sollte sich rechtzeitig eine gute Gruppe bilden und man kann gut durchfahren. Vorausgesetzt, dass nichts Extremes passiert, schlechtes Wetter oder man einfach selber einen schlechten Tag hat. Ich habe davor Respekt, aber es ist die letzte große Hürde vor den Champs Élysées. Und dieses Ziel trägt mich hoffentlich auch über die Berge.

Wie funktioniert die Gruppe der Sprinter, das Grupetto? Wie kommt man da zusammen, spricht man da miteinander und arrangiert sich?

Kittel: Ja klar, wir quatschen schon. Aber da sollte man sich nicht immer drauf verlassen, weil sich dann doch noch einer über den Berg quält und auf einmal sitzt man hinten. Aber grundsätzlich klappt das eigentlich immer. Man hat ja auch ein Gefühl dafür, wie das Feld fährt. Wir Sprinter, die sich eigentlich regelmäßig dahinten treffen, sind ja alle auf einem Level. Wenn da einer denkt, er müsste unbedingt noch einen Berg mehr schaffen, muss er sehr tief gehen. Das macht keinen Sinn. Deswegen ist das Grupetto eigentlich immer die einfachere Wahl.

Gibt es so eine Art Chef im Grupetto, der die Ansagen macht?

Bernie, also Bernhard Eisel (Team Dimension Data, Anm. d. Red.) ist derjenige, der da oft das Zepter in die Hand nimmt und die Jungs ein bisschen beruhigt, falls sie zu schnell fahren. Manchmal sind eben doch ein, zwei Jungs dabei, die noch nicht so oft im Grupetto waren, kalte Füße kriegen und einen richtigen Streifen von vorne fahren, der allen richtig weh tut. Aber eigentlich ist das gar nicht nötig, weil wir Zeit haben. Deswegen ist es ganz gut, wenn jemand die Verantwortung übernimmt.

Ist Bernhard Eisel dann auch derjenige, der rechnet?

Kittel: Da rechnet jeder und jeder rechnet was anderes aus. Vielleicht sollte man die Rennfahrer in der dritten Tourwoche generell nicht mehr rechnen lassen. Da kommt sowieso nur noch Mist raus. Unsere sportlichen Leiter haben hinten ja auch eine Tabelle, in die sie reingucken. Je nach Schnitt weiß man dann so ungefähr, plus minus zwei, drei Minuten, wo man landen wird.

Aufgezeichnet von Michael Ostermann (St. Etienne)