Froome-Sieg dürfte kein Selbstläufer werden

Aru durchkreuzt den Sky-Plan

Michael Ostermann (La Planche des Belles Filles)

Nach der ersten Bergankunft trägt Titelverteidiger Christopher Froome wie in den Jahren zuvor das Gelbe Trikot des Gesamtführenden. Doch diesmal scheint der Toursieg kein Selbstläufer zu werden.

Es war das gewohnte Bild am Ende der ersten Herausforderung bei der Tour de France. Christopher Froome schritt nach der 5. Etappe in La Planche des Belles Filles auf das Podium, ließ sich das Gelbe Trikot überstreifen und blickte freundlich in die Menge. In den Jahren zuvor herrschte danach meist Ernüchterung im Tourtross, weil Froome da meist schon seinen Vorsprung zementiert hatte und er das Rennen danach lediglich noch von seinem Team kontrollieren lassen musste.

Attacke auf die Tempobolzer

Das Gelbe Trikot gab er danach nicht mehr her. Und Froome kündigte an, es auch diesmal bis Paris nicht wieder hergeben zu wollen. Die Sache scheint jedoch nicht ganz so einfach zu werden wie in den Jahren zuvor. "Das wird der härteste Kampf um die Gesamtwertung", vermutete Froome im Ziel. "Eine große Schlacht." Einen ersten Einblick in die Form der Konkurrenten hatte er selbst sich von dieser Etappe erwartet. Und der 32-Jährige bekam tatsächlich ein paar Hinweise darauf, mit wem er in den verbleibenden zweieinhalb Wochen rechnen muss beim Kampf um den Gesamtsieg.

Fabio Aru, den Etappensieger im italienischen Meistertrikot, darf er nun erstmal ganz oben auf der Liste der Herausforderer notieren. Dem 27-Jährigen vom Team Astana gelang in La Planche des Belles Filles etwas, das Froome in dieser Form bei der Tour de France noch nicht erlebt hat. Zumindest nicht in der ersten Woche. Aru attackierte die Bergauf-Tempobolzer des Teams Sky und stiefelte tatsächlich einfach davon. Das war ein neues Szenario für die britische Equipe.

"Zu viel Raum gelassen"

Fabio Aru lässt die Sky-Kollegen hinter sich | Bildquelle: Reuters/Hartmann

In den vergangenen Jahren hatten sie der Konkurrenz mit ihrem Tempo in den Anstiegen stets derartig die Luft zum Atmen genommen, dass diese nicht einmal an eine Attacke zu denken wagte. Auch diesmal sah es am Einstieg in den Aufstieg nach La Planche des Belles Filles nach dem vertrauten Muster aus. Sky, das die Kontrolle der achtköpfigen Ausreißergruppe über weite Strecken des Tages dem Team BMC überlassen konnte, formierte sich etwa zehn Kilometer vor dem Schlussanstieg und ging mit hohem Tempo und sechs Mann an der Spitze auf die ersten bis zu 13 Prozent steilen Kilometer.

"Kein anderes Team hatte noch so viele Leute vorne. Daraus können wir Selbstbewusstsein ziehen", verbuchte Froome auf der Habenseite. Doch als Mikel Nieve 2,5 Kilometer vor dem Ziel die Führungsarbeit für Froome und den noch in Gelb gekleideten Geraint Thomas hinter sich hatte, setzte Aru seinen Angriff. "Er hat den richtigen Moment erwischt, kurz bevor es flacher wurde", sagte Froome. "Das war vielleicht unser einziger Fehler heute, dass wir ihm danach zu viel Raum gegeben haben. Das darf uns nicht noch einmal passieren."

Aru in erstaunlicher Form

Aru erklärte später, seine Attacke habe vor allem dazu gedient, dem Publikum ein Spektakel zu bieten. Der Italiener war sehr darum bemüht, sich nicht in die Rolle des ersten Herausforderers drängen zu lassen. In der Pressekonferenz nach der Etappe leitete er fast jeden Satz mit einem herzhaften "Puh" ein und betonte mehrfach, dass er von Tag zu Tag denken wolle. "Das Team Sky ist sehr stark, keine andere Mannschaft war zahlenmäßig so gut vorne vertreten wie sie", erklärte Aru. "Drei Wochen gegen sie zu fahren, wird verdammt hart."

Arus großes Ziel in dieser Saison war ohnehin, den Giro d'Italia im Mai zu gewinnen. Die 100. Ausgabe der Italien-Rundfahrt startete auf Sardinien, dort wo Aru zuhause ist. Doch eine hartnäckige Knieverletzung verhinderte den Giro-Start. Zur Tour ist der Sieger der Vuelta von 2015 nun aber offenbar in einer erstaunlichen Form angereist. Aru kam mit 20 Sekunden Vorsprung auf Chris Froome ins Ziel und verringerte seinen Rückstand auf den Briten in der Gesamtwertung auf 14 Sekunden. Er liegt jetzt hinter dem Titelverteidiger und dessen Teamkollegen Thomas auf Rang drei.

Eng beieinander

Neben Aru hat Froome weiterhin auch noch ein paar andere Gegner zu beachten. Als er mit einem eigenen Angriff versuchte, den Schaden in Grenzen zu halten, blieben der Australier Richie Porte (BMC), der Ire Daniel Martin (Quick Step Floors) und der Franzose Romain Bardet an seinem Hinterrad. Lediglich Alberto Contador (Trek-Segafredo) und überraschend auch Nairo Quintana (Movistar) konnten nicht folgen, verloren aber am Ende auch nicht viel Zeit.

Die ersten zehn Fahrer der Gesamtwertung liegen nach dem ersten Schlussanstieg nur 1:01 Minuten auseinander. Die Strecke, die Tourdirektor Christian Prudhomme kreiert hat, bietet zudem wenig Möglichkeiten mit ingesamt nur drei Bergankünften, von denen nun schon eine erledigt ist. "Die Organisatoren wollten ein offeneres Rennen", sagte Froome. "Es sieht so aus, als würden sie bekommen, was sie wollten."