Buchmann steht als Helfer im Fokus

Emanuel Buchmann

Tour de France erreicht die Berge

Buchmann steht als Helfer im Fokus

Von Michael Ostermann

Die Tage der Sprinter sind fürs Erste vorbei. Am Wochenende erreicht die Tour de France im Jura die Berge und damit das Terrain der Kletterer. Auch Emanuel Buchmann fühlt sich dort am wohlsten.

Die Tour de France folgt einem Jahr für Jahr wiederkehrenden Rhythmus. Der Anfang auf meist flachem Terrain ist nervös und hektisch, weil sich alle Teams vorne positionieren, um Risiken zu vermeiden. Danach kommen die ersten Berge, wo sich alles etwas beruhigt. Dieser Punkt ist jetzt erreicht.

Hohe Erwartungen

Am Wochenende stehen die beiden ersten Bergetappen im Jura an. Für die Kletterspezialisten ist das trotz der anstehenden Schinderei eine erleichternde Aussicht. Das gilt auch für Emanuel Buchmann aus Ravensburg. "Ich bin sehr, sehr froh, dass die erste Woche vorbei ist. Es war wieder stressig, aber ich hab's ganz gut überstanden", sagt Buchmann. Nachdem bislang die deutschen Sprinter - allen voran Marcel Kittel - im Fokus standen, rückt nun er ins Rampenlicht.

Buchmann ist der einzige deutsche Kletterer von Format. Die Erwartungen an ihn sind hoch, manchmal vielleicht ein bisschen zu hoch. Sie entstammen der Sehnsucht danach, dass mal wieder ein Radprofi aus Deutschland in der Gesamtwertung vorne mitmischt. Buchmann, 24 Jahre jung, 61 Kilo leicht, geht damit auf seine Art um. Er ist kein Mann großer Worte. Die wenigen, knappen Sätze formuliert er im oberschwäbischen Dialekt, bei dem die Buchstabenkombination "st" immer zu einem sanften sch verläuft.

Auf einem Level mit den Allerbesten

Dass man ihn als den Hoffnungsträger für die Rundfahrer betrachtet? "Es gibt in Deutschland halt keinen anderen Rundfahrer", sagt Buchmann. "Da lastet die Hoffnung wohl auf mir. Aber Ich kann auch nur meinen eigenen Weg gehen und schauen, dass ich mich gut weiter entwickle."

Diese Entwicklung hat ihn zuletzt auf Rang sieben der Dauphiné-Rundfahrt geführt. Damit sicherte er sich das Weiße Trikot des besten Jungprofis bei diesem prestigeträchtigen Rennen über eine Woche, das den Topfavoriten der Tour de France als wichtigstes Vorbereitungsrennen gilt.

"Da war ich auf dem Level mit den Allerbesten, das hat schon Klick gemacht", sagt Buchmann. "Sonst haben die attackiert und ich bin gar nicht erst mitgefahren, sondern bin lieber mein eigenes Tempo weitergefahren. Jetzt wusste ich, dass ich dranbleiben kann." Mehr als das: Auf der letzten Etappe dort ließ er am Berg sogar die dreimaligen Toursieger Christopher Froome und Alberto Contador und den Mitfavoriten Richie Porte hinter sich.

Lange oder kurze Leine?

Buchmann überraschte damit sogar seinen eigenen Teamchef bei Bora-hansgrohe. "Ich hätte nicht gedacht, dass er dieses Jahr noch mal so einen Sprung macht", sagt Ralph Denk. Im vergangenen Jahr beendete Buchmann die Tour auf Rang 21. Ein respektables Ergebnis. Und dennoch haben Denk und die sportlichen Leiter des Teams entschieden, dass Buchmann diesmal als Helfer für den Polen Rafal Majka agieren soll, der eine Top-Ten-Platzierung in Paris anpeilt.

Das soll dem jungen Deutschen vor allem ein bisschen den Druck nehmen. Denk will Buchmann behutsam aufbauen und auf größere Aufgaben vorbereiten. Im kommenden Jahr soll "Emu" das Team als Kapitän in eine der beiden anderen großen Landesrundfahrten, der Vuelta a Espana oder den Giro d'Italia führen. Dann soll er den nächsten Schritt machen.

Buchmann hat die ihm zugewiesene Rolle ohne Widerspruch akzeptiert. "Ich muss noch viel lernen", sagt er selbst. Bei der ersten Bergankunft der diesjährigen Tour in La Planche des Belles Filles verloren Majka und Buchmann ein wenig den Anschluss zur Spitze. Er habe nicht die besten Beine gehabt, berichtete Buchmann danach. Ihm liegen aber ohnehin die gleichmäßigen Anstiege besser als solche mit vielen Rhythmuswechseln.

Realistische Ziele

Es hängt von Majka ab, wieviel Freiraum Buchmann in den verbleibenden zwei Wochen bei der Tour bekommen wird. "Geht es für Rafal Richtung Platz zwölf, wird die Leine länger, geht es Richtung Podium wird die Leine kürzer", sagt Denk und kann sich dann einen gewagten Vergleich doch nicht verkneifen. "Auch ein Jan Ullrich musste für Bjarne Riis fahren und ist Zweiter geworden."

Der Vergleich mit Jan Ullrich ist nicht so sehr wegen dessen Verwicklung in die Dopingmachenschaften des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes fragwürdig. Denn unabhängig davon war Ullrich ein außergewöhnliches Talent, wie es sie nur selten gibt. Man tut Buchmann deshalb keinen Gefallen damit, ihn als kommenden deutschen Toursieger auszurufen.

Was solch überzogene Erwartungen bewirken können, zeigt das Beispiel Frankreich. Dort wartet man seit 32 Jahren auf einen Nachfolger von Bernard Hinault, dem letzten französischen Toursieger. Viele talentierte, französische Radprofis sind an der Rolle des Hoffnungsträgers gescheitert. Buchmann setzt sich selbst realistische Ziele. Ein Platz unter den ersten zehn soll es irgendwann einmal werden. "In den nächsten zwei, drei Jahren werde ich das versuchen", sagt er. Sollte er es schaffen, wäre das ein Riesenerfolg.

Stand: 08.07.2017, 08:33

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