Düsseldorf schwankt zwischen Begeisterung und Skepsis

Marcel Kittel

Vor dem Auftakt der Tour de France

Düsseldorf schwankt zwischen Begeisterung und Skepsis

Von Michael Ostermann, Düsseldorf

Bei der Teampräsentation in Düsseldorf werden die Radprofis mit freundlicher Begeisterung empfangen. Die Stimmung in der Stadt gegenüber der Tour ist wohlwollend, aber auch skeptisch.

Es reicht mit dem Taxi durch Düsseldorf zu fahren in diesen Tagen vor dem Start der Tour de France, um die zwiegespaltene Stimmung einzufangen. Der Fahrer erkennt an der Plastikkarte, die jedem, der mit der Tour zu tun hat, um den Hals baumelt, dass man wegen dieses Radrennens in der Stadt ist. Ob die Tour denn tatsächlich das schwierigste Fahrradrennen der Welt sei, will er wissen.

Rund eine Millionen Fans erwartet

Ja, das ist es. Und dazu das größte Spektakel, das dieser Sport zu bieten hat. Rund eine Millionen Menschen werden zu dem 13,8 Kilometer langen Einzelzeitfahren durch die Düsseldorfer Innenstadt zum Auftakt am Samstag erwartet. Ungläubiges Staunen des Mannes am Steuer. "Wirklich?" Ja, wirklich. Die Düsseldorfer haben ihre Stadt dezent herausgeputzt für das Ereignis. Gelbe Fahrräder ragen aus Blumenbeeten, Busse und Bahnen werben für den Grand Départ. Aber so richtig scheinen sie noch nicht zu wissen, was da am Wochenende genau auf sie zukommt.

Die Tour ist ein großes Sportereignis, das größte jährlich stattfindende Sportevent um genau zu sein. In Frankreich bestimmt die Tour den Sommer und es ist noch nicht allzu lange her, da saß auch Deutschland nahezu geschlossen vor dem Fernseher, um die Jagd nach dem Gelben Trikot zu verfolgen. Es war die Zeit als Jan Ullrich mit Lance Armstrong um den Gesamtsieg stritt. Bevor der eine früher, der andere später als Dopingbetrüger entlarvt wurden.

Warmer Applaus für alle

Ein anderes Taxi, ein anderer Fahrer. Jedes Jahr habe er vor dem Bildschirm mit Jan Ullrich mitgefiebert und sich dafür extra Urlaub genommen. Aber nach den ganzen Doping-Enthüllungen habe er den Spaß daran verloren. "Die Tour interessiert mich nicht mehr", sagt der Mann. Er steht damit nicht alleine. Die Skepsis ist weiterhin groß, aber es gibt inzwischen auch wieder eine gewisse Neugier auf die Tour.

Rund 15.000 Menschen pilgerten am Donnerstagabend auf den Burgplatz in der Düsseldorfer Altstadt, um dort die Präsentation der Teams mitzuerleben. Die Stimmung war freundlich begeistert. Der Spanier Alberto Contador, dem sein Toursieg 2010 wegen eines positiven Tests auf Clenbuterol aberkannt wurde, erhielt ebenso warmen Applaus wie sein Landsmann Alejandro Valverde, der wie Ullrich in den Fuentes-Skandal verstrickt und dafür zwei Jahre gesperrt war.

"Erwachsene Beziehung"

"Die Deutschen haben eine erwachsene Beziehung zur Tour entwickelt", findet der Direktor des Rennens, Christian Prudhomme. Nach der stürmischen Verliebtheit und all den Enttäuschungen begegnet man dem Spektakel nun mit respektvoller Zuneigung, soll das heißen. Und stellt sich dabei auch die Frage, wie sehr man den Protagonisten denn über den Weg trauen kann. Oder ob nicht doch weiterhin die Gleichung Radsport gleich Doping gilt.

Der Radsport sei zu 98 Prozent sauber, hat der deutsche Radprofi Tony Martin in diesen Tagen erklärt. Anti-Doping-Experten wie der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel halten das jedoch für eine gewagte These. "Die Öffentlichkeit liebt Zahlen, die eine Genauigkeit vortäuschen. Sie haben Beruhigendes, umso größer ist der Schreck, wenn man aus diesem Beruhigungsschlaf gerissen wird", sagt Sörgel.

Schärfere Kontrollen

Der Radsportweltverband UCI hat nach den Skandalen von 2006 und 2007 sein Anti-Doping-System angepasst. Vor allem die Einführung des biologischen Passes, mit dessen Hilfe Auffälligkeiten im Blutbild erkannt werden können, gilt den Beteiligten als wirksame Maßnahme, die den Betrug wirksam eindämmen kann. Die Kontrollen im Radsport sind tatsächlich schärfer als in anderen Sportarten. Aber lückenlos sind sie nicht, können sie gar nicht sein, weil die Betrüger den Kontrolleuren weiterhin immer einen Schritt voraus sind. "Wer einen optimalen Berater hat, der wird natürlich immer genau die Zehntelprozent hinkriegen, die heute im Hochleistungssport entscheiden. Dafür braucht man noch nicht die leicht nachweisbaren Megadosen", sagt Sörgel.

Dass der portugiesische Radprofi André Cardoso kurz vor der Tour bei einer Trainingskontrolle mit EPO erwischt worden ist, halten deshalb viele für ein Zeichen von mangelnder Intelligenz. Cardoso ist im gleichen Team angestellt wie Contador und der deutsche Radprofi John Degenkolb. "Ich war sehr enttäuscht und erschüttert von der Nachricht. Ich hätte niemals gedacht, dass das möglich sein könnte", sagt der 28-Jährige.

Höhepunkt der Werbekampagne

Degenkolb ist wie Tony Martin und Marcel Kittel ein Teil jener Fahrergeneration, die in den vergangenen Jahren in der deutschen Öffentlichkeit stets um Vertrauen in ihre Leistung und den Radsport allgemein geworben haben. Sie beteuern, dass sie ihren Sport sauber betreiben und dennoch erfolgreich sind. Dass die Tour nun in Deutschland startet, empfinden sie deshalb als großes Glück. "Ich bin stolz ein Teil dieser Entwicklung gewesen zu sein", sagt Kittel. "Der Grand Départ ist ein großer Schritt, um unseren Sport zu bewerben."

Am Samstag beim Zeitfahren durch Düsseldorf soll diese Werbekampagne in eigener Sache nun ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen. Das Drehbuch sieht vor, dass Tony Martin, viermaliger Weltmeister in dieser Disziplin, sich danach das erste Gelbe Trikot der Tour de France 2017 überstreift. Die Begeisterung wäre in diesem Fall sicher groß und die Skepsis für einen Moment zumindest beiseite geschoben.

Stand: 30.06.2017, 08:54

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