Daniel Martin sucht nach den Sekunden

Daniel Martin auf der 12. Etappe

Tour de France, 15. Etappe - Sonntag, 16. Juli

Daniel Martin sucht nach den Sekunden

Von Michael Ostermann (Le Puy En Valey)

Der Ire Daniel Martin rückt Stück für Stück näher an das Podium in Paris heran. Bei seinem Kampf um Sekunden profitiert er davon, dass die besten Fahrer in der Gesamtwertung ganz dicht beisammen liegen.

Französischer kann Frankreich kaum sein als in der Avenue de Saint Pierre in Le Puy En Velay, dem Zielort der 15. Etappe der Tour de France. Die Farbe der Häuser mit den kleinen Läden und Restaurants ist etwas verblasst. Von den Fensterläden blättert sie ab. Aber der strahlende Sonnenschein lässt trotzdem alles freundlich erscheinen.

Private Pressekonferenz

Daniel Martin ist am Sonntag (16.07.2017) nicht durchgefahren zum Mannschaftsbus, der irgendwo weiter die Straße hoch steht. Er steht im Trubel zwischen den Häusern hinter dem Ziel. Dort, wo nicht mehr abgesperrt ist und die Fahrer durch ein Spalier von Fans müssen, die die Namen ihrer Idole rufen, klatschen und versuchen, eine Trinkflasche als Souvenir abzugreifen. In diesem Durcheinander gibt Martin eine kleine, private Pressekonferenz.

"Es war eine brutale Woche", sagt er nach 189,5 Kilometern Auf und Ab durch das Zentralmassiv. "Jetzt kommt der Ruhetag und dann sind es noch fünf Tage bis nach Paris." Theoretisch könnte Martin das alles auch hinter dem Podium sagen, dort wo die offiziellen Medientermine stattfinden, wo der Etappensieger Bauke Mollema seine Glücksgefühle zusammenfasst und Christopher Froome, der Träger des Gelben Trikots, diesmal gar nicht erst auftaucht. Froome spricht erst wieder am Ruhetag.

Theoretisch in Gelb

Martin könnte selbst das Maillot Jaune tragen, wäre er nicht zu Fall gekommen am Ende der 9. Etappe auf der Abfahrt vom Mont du Chat hinunter nach Chambery. Der Australier Richie Porte hatte die Kontrolle über sein Rad verloren, war vor Martin über die Straße gerutscht und hatte den Iren mitgerissen. Anders als Porte konnte Martin weiterfahren, verlor aber 1’15 Minuten auf die Gruppe der Favoriten. Jetzt fehlen ihm auf Gelb 1’12 Minuten.

Natürlich ist eine solche Rechnung nicht zulässig. "Was wäre, wenn…, zählt nicht", sagt Martin. "Ich hätte in Gelb sein können, aber dann hätten sie vielleicht von allen Seiten attackiert und ich hätte jetzt fünf Minuten Rückstand." Nun aber versucht der 30 Jahre alte Profi jede Sekunde gutzumachen, die er kriegen kann.

Wechselseitige Attacken

Schon auf der 13. Etappe setzte er sich auf den letzten Kilometern ab und fuhr neun Sekunden auf. In Le Puy En Velay waren es 14 Sekunden, die er vor den anderen Favoriten ins Ziel kam. Damit hat er sich nun auf den fünften Rang in der Gesamtwertung vorgeschoben. "Jede Sekunde zählt", sagt Martin. Das gilt nicht nur für ihn. Die ersten sieben Fahrer in der Gesamtwertung sind nur 2’02 Minuten auseinander. Die ersten Vier sogar nur 29 Sekunden.

So eng war es lange nicht mehr. Und so vergeht kein Tag, an dem nicht wechselseitig attackiert wird. Bardet, Uran und auch Simon Yates versuchten es auf dem schweren Teilstück durch das Zentralmassiv mit insgesamt 3.045 Höhenmetern. Absetzen konnte sich keiner von ihnen.

Ein Angriff zu viel

Erst Martin riss knapp 12 Kilometer vor dem Ziel eine Lücke. "Alle sahen sehr müde aus und mussten tief gehen, deshalb habe ich es probiert. Und als das Loch dann auf war, haben sich die anderen nur angeschaut", schilderte Martin hinterher die Situation. Es war der eine Angriff zu viel, den niemand mehr kontern wollte oder konnte.

Das ist es, was das Rennen so aufregend macht. Eben weil so viele Fahrer noch in Reichweite des Gelben Trikots sind, ist es schwieriger das Rennen zu kontrollieren. Deshalb kann jemand wie Martin trotz seines geringen Rückstands auf die Spitze Zeit gutmachen.

Einzelkämpfer neben Kittel

Er ist dabei auch noch weitgehend auf sich alleine gestellt. Sein Team Quick Step Floors hat divergierende Interessen. Denn mit Marcel Kittel stellt die belgische Equipe auch noch den schnellsten Sprinter im Peloton. Der Deutsche trägt das Grüne Trikot des Sprintbesten und sein Team ist gewillt, dafür zu sorgen, dass er es bis Paris behält. "Daniel ist ein Einzelkämpfer hier", sagt Kittel. "Umso krasser ist es, wie der das vom Kopf her hinbekommt."

In der Avenue de Saint Pierre wird der 1,72 Meter große und 62 Kilo leichte Martin dann noch gefragt, wie er seine Chancen auf einen Platz auf dem Podium in Paris einschätzt. "Ach", sagt er. "Ich nehme es von Tag zu Tag." Es stehe noch eine harte dritte Woche bevor, vor allem in den Alpen. "Vielleicht bricht einer von denen vor mir noch ein. Vielleicht alle." Dann hätte er nicht nur theoretisch Gelb.

Stand: 16.07.2017, 21:08

Wertung 21. Etappe

Name h
1. Dylan Groenewegen 2:25:39
2. André Greipel + 0
3. Edvald Boasson Hagen + 0
4. Nacer Bouhanni + 0
5. Alexander Kristoff + 0
6. Borut Bozic + 0
7. Davide Cimolai + 0
8. Pierre-Luc Périchon + 0
9. Rüdiger Selig + 0
10. Daniele Bennati + 0

Gesamtwertung

Name h
1. Christopher Froome 86:20:55
2. Rigoberto Urán + 54
3. Romain Bardet + 2:20
4. Mikel Landa Meana + 2:21
5. Fabio Aru + 3:05
6. Daniel Martin + 4:42
7. Simon Yates + 6:14
8. Louis Meintjes + 8:20
9. Alberto Contador + 8:49
10. Warren Barguil + 9:25
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