Christopher Froome - der kompletteste Fahrer gewinnt

Christopher Froome - der kompletteste Fahrer gewinnt

Von Michael Ostermann (Marseille)

Christopher Froome gewinnt zum vierten Mal die Tour de France, obwohl er diesmal in den Bergen nicht der Schnellste ist. 36,5 Kilometer Zeitfahren reichen ihm, um den Konkurrenten zu zeigen, was ihnen zum Erfolg fehlt.

Christopher Froome

Christopher Froome steht vor seinem vierten Tour-Sieg.

Es war ein letzter verzweifelter Versuch. Das Publikum pfiff sich die Seele aus dem Leib, als am Samstag (22.07.2017) der Mann in dem gelben Zeitfahranzug von der Rampe rollte. In Marseille, im Stade Veéodrome, einem Fußballstadion, das nach einer Radrennbahn benannt ist. Doch natürlich hielten auch die Pfiffe Christopher Froome nicht davon ab, seinen vierten Sieg bei der Tour de France unter Dach und Fach zu bringen.

Miserabler Bardet

Als der Brite knapp 28 Minuten später wieder einbog in das imposante Stadion, hatte er den zwei Minuten vor ihm gestarteten Romain Bardet schon eine Weile vor sich gesehen. "Da wusste ich, dass ich nur noch sicher um die beiden letzten Kurven kommen musste", sagte Froome. Über die Pfiffe konnte er deshalb anschließend auch nonchalant hinwegsehen. "Das nehme ich nicht persönlich."

Warum auch? Natürlich hätte Frankreich am liebsten den eigenen Mann ins Maillot Jaune gebrüllt. Doch Bardet, der mit 23 Sekunden Rückstand auf Froome nach Marseille gekommen war, verspielte von einer Erkältung geplagt mit einem miserablen Zeitfahren sogar fast noch seinen Platz auf dem Podium in Paris. Eine mickrige Sekunde trennte ihn danach noch von Froomes Teamkollegen Mikel Landa auf Rang vier. Bardets Rückstand auf Froome beträgt nun 2:20 Minuten.

Auf Siegkurs schon in Düsseldorf

Der Zweitplatzierte Rigoberto Uran, der mit 54 Sekunden Rückstand auf den Briten nach Paris kommt, erklärte, Froome habe die Tour wohl schon ganz zu Beginn in Düsseldorf gewonnen. Die Argumentation des Kolumbinaners ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn auch in Düsseldorf hatte es zum Auftakt der Tour ein Zeitfahren gegeben und auch dort hatte Froome den Konkurrenten schon Zeit abgenommen.

Nur 36,5 Kilometer hatten die Architekten des Kurses in diesem Jahr dem Kampf gegen die Uhr gewidmet. 14 Kilometer zum Grand Depart am Rhein und 22,5 Kilometer in Marseille zum Abschluss. Auch sonst hatten die Streckendesigner alles getan, um es Froome schwer zu machen. Nur drei Bergankünfte, dafür einige Abfahrten hinunter ins Ziel, die Bardet eher liegen.

Auf 3.517,5 Kilometern langsamer

Der Franzose nutzte das Angebot und attackierte, wo es ging, während Uran als Schattenmann immer nur mitfuhr. "Es war mein engster Sieg bisher", stellte Froome korrekt fest. 2015 war er mit 1:12 Minuten Vorprung auf den diesmal kraftlosen Kolumbianer Nairo Quintana nach Paris gekommen. Und ohne die Zeitfahren hätte er dieses Mal möglicherweise sogar verloren. Uran kosteten die Zeitfahren insgesamt 1:16 Minuten im Vergleich zu Froome, Bardet gar 2:36 Minuten. Die restlichen 3.517,5 Kilometer bewältigten sie 22 Sekunden (Uran) beziehungsweise 16 Sekunden (Bardet) schneller als der Brite.

Mit Froome hat deshalb der kompletteste Fahrer gewonnen. Der 32-Jährige hat seit seinem ersten Toursieg 2013 viel dazu gelernt. Damals galten das Abfahren und sein taktisches Verhalten im Feld als Schwächen. Diese Zeiten sind längst vorbei. Der Brite fährt fast fehlerfrei. "Ich lerne jedes Jahr dazu, ich entwickle mich als Radfahrer immer noch weiter und kann mich immer noch verbessern", sagte er in Marseille.

Nur zwei Mal in Schwierigkeiten

Am Ende waren es auch die Erfahrungen seiner drei vorangegangenen Siege, die ihm halfen, auch diese Tour am Ende recht souverän zu kontrollieren. Bei seinen bisherigen Siegen hatte Froome stets die erste Bergankunft genutzt, um die Konkurrenten frühzeitig zu demoralisieren. Diesmal konnte er dem Rennen in den Bergen nicht den Stempel aufdrücken. "Angesichts des Kurses war es von Anfang an die Taktik, ein Drei-Wochen-Rennen zu fahren und nicht an einem Tag das Rennen zu zerschlagen", sagte Froome. "Es ging nur darum, die einzelnen Etappen abzuarbeiten und sicherzustellen, nicht an einem Tag massiv Zeit zu verlieren."

Nur zwei Mal geriet Froome bei dieser Tour ernsthaft in Gefahr. Einmal in den Pyrenäen am Ende der 12. Etappe, als er auf der steilen Schlussrampe hinauf nach Peyraguedes eine echte Schwäche zeigte, 20 Sekunden verlor und das Gelbe Trikot an den Italiener Fabio Aru verlor. "Da habe ich gelitten", sagte Froome in der Rückschau. Das andere Mal ereilte ihn ein Defekt im Finale der 15. Etappe im Zentralmassiv, als Bardets Team Ag2R gerade begonnen hatte auf Angriff zu fahren. Fast eine Minute lag der Brite da zwischenzeitlich zurück. Doch seine Mannschaft führte ihn wieder zurück in die Gruppe der Favoriten.

Mit Hilfe des Teams

Die Stärke seines Teams ist ein weiterer Grund dafür, dass Froome zum vierten Mal ganz oben steht auf dem Podium in Paris. Das Team Sky hat mit 30 Millionen Euro den mit Abstand höchsten Etat im Radsport. Das Team Canondale-Drapac des Zweitplatzierten Uran muss dagegen mit knapp 12 Millionen Euro klarkommen. Auch deshalb kann es sich Sky leisten, einen Mann wie den Gesamtvierten Mikel Landa in seinen Reihen zu halten. Der Spanier hätte selbst um Gelb mitfahren können, hätte er nicht seinem Kapitän zum vierten Triumph verhelfen müssen.

Dass Sky in den letzten Monaten wegen des fragwürdigen Umgangs mit medizinischen Ausnahmegenehmigungen ins Zwielicht geraten ist und sich einer Untersuchung der britischen Anti-Dopingbehörde UKAD ausgesetzt sieht, ficht Froome nicht an. "Ich bin darin nicht involviert", sagte er. "Deshalb habe ich mich ganz auf die Tour konzentrieren können"

Mit seinem vierten Toursieg steht Froome nun nur noch eine Stufe unter den fünfmaligen Toursiegern Jaques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain. Es sei eine Ehre, in einem Atemzug mit diesen Tourlegenden genannt zu werden, erklärte Froome. "Ich weiß inzwischen viel besser zu würdigen, wie schwierig es gewesen sein muss, die Tour fünf Mal zu gewinnen", sagte er. "Es wird sicher nicht einfacher." Es sei denn, seine Konkurrenten vernachlässigen weiterhin die Zeitfahren.

Stand: 22.07.2017, 19:02

Gesamtwertung

Name h
1. Christopher Froome 86:20:55
2. Rigoberto Urán + 54
3. Romain Bardet + 2:20
4. Mikel Landa Meana + 2:21
5. Fabio Aru + 3:05
6. Daniel Martin + 4:42
7. Simon Yates + 6:14
8. Louis Meintjes + 8:20
9. Alberto Contador + 8:49
10. Warren Barguil + 9:25
Darstellung: