Vor dem Finale in den Alpen

Die Chancen der Favoriten beim Showdown der Tour de France

Michael Ostermann (St. Etienne)

Hochspannung bei der Tour de France: Die ersten Fünf der Gesamtwertung sind nur 1'12 Minuten auseinander. Die ersten Vier sogar nur 29 Sekunden. Wer hat vor dem Finale in den Alpen die besten Chancen?

Wer gewinnt die Tour de France? In den vergangenen Jahren war diese Frage meist schon nach der ersten Woche so gut wie beantwortet. Doch diesmal liegen die ersten Fünf der Gesamtwertung sehr eng beieinander. Titelverteidiger Christopher Froome hält die Trümpfe in der Hand, aber seine Herausforder haben auch noch das ein oder andere Ass im Ärmel.

Christopher Froome: Defensive bis zum Zeitfahren

Die Chancen auf einen vierten Toursieg des Briten stehen gut. Froome trägt nach einer kurzen Unterbrechung wieder Gelb und er hat das stärkste Team an seiner Seite. Gut zu sehen war das am Sonntag (16.07.2017) im Zentralmassiv. Als das Rennen in die entscheidende Phase ging vor dem Col de Peyra Taillade fand sich Froome plötzlich mit einer gebrochenen Speiche am Straßenrand wieder.

Doch seine Mannschaft reagierte glänzend. Der Pole Michal Kwiatkowski borgte sein Hinterrad, Sergio Henao und Mikel Nieve spannten sich vor ihren Kapitän, und schließlich ließ sich auch Mikel Landa zurückfallen, um Froome vor dem Gipfel zurück in die Gruppe der Favoriten zu bringen. "Ich musste bis zum Gipfel wieder dran sein, sonst hätte es 'Game over' geheißen für mich", sagt Froome.

So aber bleibt der 32-Jährige trotz der knappen 18 Sekunden Vorsprung in der Gesamtwertung in der besten Ausgangsposition. Er muss nur auf das Zeitfahren am vorletzten Tag der Tour in Marseille setzen. Im Kampf gegen die Uhr ist Froome den Konkurrenten überlegen. Auf den beiden schweren Alpenetappen am Mittwoch und Donnerstag wird das Team Sky deshalb eine defensive Taktik wählen. Das heißt, die Mannschaft wird sich vor das Feld spannen und das Tempo hochhalten, um Attacken unmöglich zu machen.

Fabio Aru (+0'18 Min.): Attacke als einziger Weg

Der Italiener ist auf sich alleine gestellt und das bedeutet, Fehler sind nur sehr schwer zu korrigieren. Dass Aru das Gelbe Trikot in Rodez, das er sich in den Pyrenäen geschnappt hatte, überraschend wieder abgeben musste, lag daran, dass er im Etappenfinale schlecht positioniert war. Der 27-Jährige lächelte das Malheur anschließend einfach weg. Was soll er auch tun? Astana kann Aru nicht unterstützen. Sein Team ist durch den Ausfall von Dario Cataldo und Jakob Fuglsang erheblich geschwächt.

Fabio Aru | Bildquelle: afp

Aru bleibt nur die Flucht nach vorne. Er muss alleine attackieren, um sich vor dem Zeitfahren in eine bessere Position zu bringen. Zwei Möglichkeiten bieten sich dafür in den verbleibenden vier Tagen vor Marseille: am Galibier am Mittwoch und am Col d'Izoard am Donnerstag. Dass er in der dritten Woche einer großen Rundfahrt noch Reserven dafür hat, hat er schon bei seinem Vuelta-Sieg 2015 und seiner Fahrt auf den zweiten Gesamtrang beim Giro d'Italia im selben Jahr unter Beweis gestellt. Gelingt ihm ein Angriff in den Alpen, kann er das Rennen tatsächlich noch einmal auf den Kopf stellen.

Romain Bardet (+0'23 Min.): Großangriff auf Sky

Die Franzosen sind angesichts der Aussicht, dass einer der ihren tatsächlich um den Gesamtsieg mitfährt, völlig aus dem Häuschen. Im Ziel der 15. Etappe in Le Puy En Velay feierten die Fans den in dieser Gegend lebenden Bardet mit Sprechchören wie im Fußballstadion. Froome dagegen wurde unterwegs mit Buhrufen bedacht, wofür sich Bardet am Ruhetag explizit entschuldigte

Romain Bardet | Bildquelle: afp

Der 26-Jährige geht erstaunlich gelassen um mit dem Wirbel, den er mit seinen Leistungen verursacht. Er selbst macht auch keinen Hehl mehr daraus, dass er das Gelbe Trikot anvisiert. Dass Bardet beim Kampf um die Podiumsplätze eine Rolle spielen würde, war vor dem Start der Tour in Düsseldorf schon klar. Überraschend ist allerdings, wie sehr sein Team Ag2R die taktischen Möglichkeiten ausnutzt, ausnutzen kann. Bardets Equipe ist neben Sky die stärkste Mannschaft.

Egal ob auf der Königsetappe im Jura, wo Bardet mehrere Teamkollegen vorfahren ließ, die ihm später noch wichtige Dienste leisten konnten. Und auch im Zentralmassiv blies Ag2R zum Großangriff. "Das Rennen ist so eng, dass wir jede Gelegenheit nutzen müssen", sagt Bardet und gibt damit die Marschrichtung für die kommenden Tage vor. Bardet ist bereit, Risiken einzugehen. Auf der Abfahrt vom Galibier hinunter nach Serre Chevalier wird er genauso zu attackieren versuchen wie am Schlussanstieg zum Izoard einen Tag später.

Rigoberto Uran (+0'29): Unauffällig ganz nach vorne

Rigoberto Uran | Bildquelle: ap

Für Drama ist Rigoberto Uran nicht zuständig. Sollen doch die anderen attackieren, hinterher fahren, sich aufreiben, Etappen gewinnen. Der Kolumbianer im Trikot des Teams Cannondale fährt einfach immer mit und hat darum beste Chancen auf das Podium in Paris. Er kann so weitermachen wie bisher und muss nur auf das Zeitfahren in Marseille warten, wo er dann gute Chancen hat, zumindest Aru und Bardet hinter sich zu lassen.

Und Gelb? Dafür müsste Uran dann doch mal selbst aktiv werden. "Es wird so eng bleiben, bis einem der K.o.-Schlag gelingt", sagt Cannondales Sportdirektor Charles Wegelius. Eine gute Gelegenheit, diesen selbst zu setzen, bietet sich Uran vielleicht auf der 17. Etappe nach Serre Chevalier. Wenn er dort einen Etappensieg landen und sich Bonussekunden sichern kann, ist der zweimalige Giro-Zweite durchaus auch in der Verlosung um das Maillot Jaune.

Daniel Martin (+1'12 Minuten): Nichts zu verlieren

Daniel Martin | Bildquelle: ap

Der Ire vom Team Quick Step Floors hat die schlechtesten Karten im Kampf um einen Platz auf dem Podium in Paris - zumindest auf dem Papier. Das liegt nicht allein daran, dass Martins Rückstand auf die Spitze nicht mehr im Sekundenbereich liegt, sondern auch daran, dass er wie Aru auf sich alleine gestellt ist. Sein Team arbeitet in erster Linie für Marcel Kittel und das Grüne Trikot des besten Sprinters.

Dennoch hat der 30-Jährige in der vergangenen Woche jede Gelegenheit genutzt, um ein wenig Zeit gut zu machen. Und er wird genau das weiter machen. Wäre er auf der 9. Etappe beim Sturz von Richie Porte nicht ebenfalls zu Fall gekommen, seine Chancen stünden deutlich besser, es in Paris aufs Gruppenbild vor dem Arc de Triomphe zu schaffen. "Es gewinnt am Ende der, der den besten schlechten Tag hat", sagt Martin. In seinem Fall müssten die anderen allerdings alle auf einmal einen schlechten Tag erwischen.

Die Streckenanimation der 16. Etappe | Sportschau | 26.06.2017 | 01:18 Min. | Verfügbar bis 26.06.2018 | Das Erste