Kommentar

Das falsche Strafmaß - Kommentar zum Ausschluss Sagans

Michael Ostermann (Vittel)

Weltmeister Peter Sagan wird wegen seines Verhaltens im Sprintfinale der 4. Etappe von der Tour de France ausgeschlossen. Eine zu harte Strafe, findet Tour-Reporter Michael Ostermann. Ein Kommentar.

Ein Sprint ist eine raue Angelegenheit. Wer mit Tempo 70 Richtung Ziellinie rast, um als Erster dort anzukommen, darf nicht zimperlich sein. Der Einsatz der Ellenbogen gehört da zum Standardrepertoire, um sich durchzusetzen. Jeder Sprinter weiß und akzeptiert das.

Peter Sagan hat nun auf der 4. Etappe der Tour de France seinen Ellenbogen so eingesetzt, dass die Rennjury zu dem Schluss kam, der Weltmeister müsse aus dem Rennen genommen werden. Das ist eine harte, eine sehr harte Entscheidung.

Der Sprint in Vittel war schon chaotisch vor der entscheidenden Szene, bei der der Brite Mark Cavendish von Sagan in die Bande gedrängt wurde und zu Fall kam. Wenige hundert Meter vorher hatte ein anderer Sturz bereits den Großteil des Feldes aus dem Rennen genommen. Um den Sieg kämpften deshalb nur noch acht Fahrer. 

Der Ablauf im Rückblick: 200 Meter vor dem Ziel führt der Kampf um die beste Position zu einer Kettenreaktion, an deren Ende der fatale Crash steht: André Greipel springt ans Hinterrad des Franzosen Nacer Bouhanni und gerät dabei ins Straucheln. Sagan, zunächst hinter Greipel, weicht nach rechts aus und schneidet Cavendish dadurch den Weg ab. Der Brite gibt jedoch nicht nach, berührt Sagan und verliert das Gleichgewicht. 

Peter Sagan zu hart bestraft? | Sportschau | 05.07.2017 | 00:53 Min. | Verfügbar bis 05.07.2018 | Das Erste

Bis hierhin sind sich alle Beobachter einig. Danach scheiden sich die Geister. Sagan fährt den Ellenbogen aus, auch das ist unstrittig. Aber warum? Der Weltmeister macht zwei Bewegungen. Die erste dient offenbar der Balance nachdem Cavendish ihn berührt hat. Und die zweite? Die  Jury wertete diese als tätlichen Angriff. Das kann man so sehen, aber je nach Kameraperspektive kann man auch zu dem Ergebnis kommen, dass Sagan Cavendish mit dem Ellenbogen gar nicht berührt und Sagan erneut versucht, sein Gleichgewicht zu halten. Cavendish wäre auch ohne Sagans Ellenbogeneinsatz gestürzt.

Alternative Strafen: Rücksetzung und Punktabzug

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Fahrer wegen der Gefährdung eines Konkurrenten von der Tour ausgeschlossen wird. Nach der 11. Etappe 2010 wurde Cavendishs Sprintanfahrer Mark Renshaw nach einem Kopfstoß disqualifiziert. Rolf Aldag, damals wie heute sportlicher Leiter von Cavendish und Renshaw, kritisierte das Urteil damals mit den Worten, ein Sprint sei kein Kindergeburtstag. Diesmal spricht Aldag von Gewalt. Das ist übertrieben und mag dem Frust über das Tour-Aus seines Sprinters geschuldet sein, der sich bei dem Sturz das Schulterblatt brach. 

Bei Renshaw damals war die Sache eindeutig, diesmal ist sie das nicht. Die Rennkommissäre haben die Sprinter vor der Tour gewarnt, dass man diesmal sehr strikt sein werde, was das Verhalten bei den Sprintankünften betrifft. Doch mit der Entscheidung, Sagan von der Tour zu verbannen, sind sie über das Ziel hinausgeschossen. Ein Rücksetzung ans Ende des Feldes und ein gravierender Punktabzug in der Wertung für das Grüne Trikot hätte Sagan ebenfalls empfindlich getroffen. Den Weltmeister zu bestrafen, mag richtig gewesen sein. Das Strafmaß ist es definitiv nicht.