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Eisschnelllauf
Hämatologen auf Pechsteins Seite
Genetisches Erbe statt Doping?
Hochrangige deutsche Hämatologen haben der wegen Dopings gesperrten Eisschnellläuferin Claudia Pechstein eine genetisch bedingte Blutanomalie bescheinigt, die auch bei ihrem Vater auftrat. Diese Anomalie soll für die auffälligen Blutwerte der 38-Jährigen verantwortlich sein, für die Pechstein für zwei Jahre gesperrt worden war. Andere Experten halten die neuen Erkenntnisse allerdings nicht für entlastend.
Claudia Pechstein verfolgt die Pressekonferenz in Berlin
Eine milde Form der Kugelzellen-Anämie soll für die erhöhten Retikulozyten-Werte der 38-Jährigen verantwortlich sein, wurde am Montag (15.03.10) in Berlin auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) mitgeteilt. "Wir sind mit Hilfe neuer Messverfahren zu dem Ergebnis gekommen, dass Frau Pechstein an einer seltenen erblichen Störung des Blutaufbaus leidet, die zur Erhöhung der Retikulozytenwerte führt", erklärte DGHO-Vorsitzender Gerhard Ehninger. Pechstein hofft, durch diese Erkenntnisse erfolgreich gegen ihre zweijährige Sperre wegen erhöhter Blutwerte vorgehen zu können.
Knapp 800.000 Menschen in Deutschland würden Merkmale dieser Anomalie tragen, die auch Sphärozytose genannt wird. Untersuchungen hätten zudem ergeben, dass auch Pechsteins Vater unter dieser Anomalie leidet und die Athletin die Sphärozytose möglicherweise von ihm geerbt hat, erklärte Oberarzt Andreas Weimann von der Charité in Berlin.
"Pechsteins Sperre ist haltlos"
Gerhard Ehninger sagte in seinem Referat, dass nach diesen Erkenntnissen Pechsteins zweijährige Sperre aus medizinischer Sicht haltlos sei und ging mit den Sportgerichten im Fall Pechstein hart ins Gericht. Der Wissenschaftler meinte, dass das Urteil zur Bestätigung der zweijährigen Sperre für Pechstein des CAS "Käse" sei, weil Gutachten in "unerträglicher Form" missverstanden worden seien. "Ich vollziehe keine Rolle rückwärts. Wir wissen jetzt, was die Ursachen der erhöhten Retikulozyten sind, Zweifel sind ausgeräumt", bekräftigte Ehninger, der sich im vergangenen Sommer zunächst kritisch zu den erhöhten Werten von Pechstein geäußert hatte.
Professor Winfried Gassmann sagte, dass bei Pechstein auch deshalb kein Blutdoping anzunehmen sei, weil bei den Messungen kein ansteigender Hämoglobinwert erkannt worden ist. "Das ist aber ein wichtiger Indikator für Doping", sagte der Hämatologe aus Siegen.
Genugtuung und Erleichterung bei Pechstein
Claudia Pechstein hat mit Erleichterung und Genugtuung auf die Pressekonferenz reagiert. "Ich bin froh, dass die DGHO meine Befunde zusammengetragen hat und zu dem Ergebnis kommt, dass ich eine 'Blutmacke' habe und diese noch von meinem Vater geerbt habe", sagte die 38-Jährige. "Aber ich weiß auch: Das ist nur ein Schritt in die richtige Richtung. Jetzt sollten sich alle Zweifler meinen Fall noch einmal durch den Kopf gehenlassen und ihre Meinung revidieren", erklärte die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin.
"Ich hoffe jetzt, dass die Richter beim Schweizerischen Bundesgericht anhand dieser neuen Erkennisse umdenken", sagte Pechstein. Die Berlinerin hat die neuen medizinischen Erkenntnisse in den Revisionsantrag einfügen lassen, den sie Anfang vergangener Woche beim Schweizer Bundesgericht zur Neuverhandlung ihres Dopingfalles eingereicht hatte. Dort hat der Weltverband ISU noch bis zum 26. April Zeit, seinen Standpunkt zu erläutern. Dann wird über eine mögliche Wiederaufnahme des Verfahrens vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS entschieden
Sörgel glaubt nicht an Entlastung durch neuen Befund
Der Heidelberger Molekularbiologe und Doping-Experte Werner Franke kritisierte die Schlussfolgerung der Hämatologen. "Wer meint, rote Blutkörperchen und deren Vorläufer würden nur durch das Dopingmittel EPO erhöht, zeigt, dass ihm elementare Kenntnisse des blutbildenen Systems fehlen", sagte Franke. "Ich verlange schon von meinen Studenten im Vordiplom, dass sie wissen, welche anderen hormonellen Dopingmittel zu solchen Erscheinungen führen können."
Und der renommierte Pharmakologe Fritz Sörgel konterte die neuen Erkenntnisse: "Ich glaube nicht, dass der Befund Frau Pechstein in irgendeiner Form entlastet, weil die hohen Retikulozyten-Werte dadurch nicht erklärt werden. "Es kann gut sein, dass sie diese Anomalie hat, aber was ihren Dopingfall betrifft, ist dadurch überhaupt nichts geklärt."
Sportrechtler macht sich für neues Verfahren stark
Sportrechtler Michael Lehner machte sich unterdessen dafür stark, das Pechstein-Verfahren vor dem CAS neu aufzurollen. "Es gibt keine Alternative zu einem erneuten Verfahren", sagte der Anwalt. "Man muss offenbar auch das System der Sportgerichtsbarkeit neu überdenken. Der Schaden, der Frau Pechstein angetan wurde, ist so immens. Das ist mit Geld nicht mehr aufzuwiegen."
Ob die neuen Gutachten die juristischen Entscheidungen der Sportgerichtsbarkeit noch einmal kippen könnten, ist zumindest fragwürdig. Der Weltverband ISU hatte Pechstein für zwei Jahre gesperrt, der Internationale Sportgerichtshof CAS diese Sperre bestätigt. Für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) bleibt das CAS-Urteil jedenfalls bindend. Es sei ihr "gutes Recht, eine Wiederaufnahme des Verfahrens mit dem Ziel der Aufhebung ihrer Sperre" anzustreben, erklärte DOSB-Sprecher Christian Klaue.
dpa/sid | Stand: 15.03.2010, 16:23
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