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18.03.2010 | 03.10 Uhr

Skispringen

Skispringer gehen in die Olympia-Saison

"Raus aus der Komfortzone"

Von Christian Mixa

Sportchef Horst Hüttel und Bundestrainer Werner Schuster haben die deutschen Skispringer wieder aus der Talsohle geführt. Zu Beginn der Olympia-Saison müssen die Ski-Adler deshalb mit den neu geweckten Erwartungen umgehen.

Martin Schmitt; Rechte: dpa Skispringer Martin Schmitt

Wenn Horst Hüttel übers Skispringen spricht, dann kann aus dem geplanten Kurz-Interview zum Saisonstart schnell mal ein längeres Gespräch werden. Der sportliche Leiter der Skispringer beim Deutschen Ski-Verband (DSV) hat eine genaue Vorstellung davon, wie er seine Athleten zum Erfolg führt, und er kann sie auch mit viel Überzeugungskraft darlegen: Ausführlich spricht Hüttel über seine Trainingsphilosphie, bei der auch die Trainer an den Stützpunkten mitziehen müssen. Über Maßnahmen fürs Teambuilding wie die Mountainbike-Tour mit der Mannschaft im Vorjahr von Oberstdorf nach Garmisch. Über psychologische Lernprozesse, ausgelöst durch klare Ansagen, die die Springer auch an der Schanze umsetzen können. Dass sich das alles nicht nur in der Theorie gut anhört, lässt sich seit dem vergangenen Winter bei den deutschen Skispringern besichtigen.

Zurück zu alten Stärken

Gemeinsam mit Bundestrainer Werner Schuster hat Hüttel die Skispringer aus der längsten Talsohle ihrer Geschichte geführt. Die Ski-Adler, einst das stolze Aushängeschild des Verbands, hatten den Anschluss an die Weltspitze verloren. Einstige Seriensieger und Teenie-Idole wie Martin Schmitt waren in der Sinnkrise. Die sportliche Leitung war zerstritten, die Springer wurden aufgerieben im Kompetenzgerangel zwischen Kadertrainern und Stützpunkten.

Sportdirektor Horst Hüttel; Rechte: dpa Lupe groß

Sportdirektor Hüttel: "Steiniger Weg"

Hüttel und Schuster haben nicht nur das Trainingssystem entrümpelt und zentralisiert. Früher hatte manch ein Stützpunkttrainer seine eigene Vorstellung davon, was gut für die Springer ist. Nun ziehen wieder alle an einem Strang. Das neue Führungsduo hat auch den Springern den Glauben an die eigene Stärke zurückgegeben. Die lieferten prompt Ergebnisse, die man schon nicht mehr für möglich gehalten hatte: Bei der Vierschanzentournee landeten mit Martin Schmitt (4.) und Michael Neumayer (10.) zwei DSV-Springer in den Top Ten. Das langjährige Sorgenkind Schmitt flog bei der Nordischen Ski-WM in Liberec sogar zum Vizeweltmeister.

Loch hinter den Altstars

Die guten Ergebnisse haben gewisse Erwartungen für die neue Saison geweckt. Doch Sportchef Hüttel warnt vor allzu hohen Ansprüchen, die bei den Ski-Adlern, zumal in einem Olympia-Jahr, schnell wieder in den Himmel wachsen können: "Wir können das sehr realistisch einschätzen. Martin Schmitt war im letzten Winter überragend, das hat uns selber überrascht. Aber der Erfolg hat auch verdeckt, dass es dahinter viel Schatten gab." Hüttel verweist auf die schwachen Ergebnisse gegen Ende der Saison, den enttäuschenden zehnten WM-Platz im Teamspringen, und bittet um Geduld beim Neuaufbau: "Hinter der Generation mit Martin Schmitt und Michael Uhrmann tut sich ein großes Loch auf", sagt Hüttel und spielt auf die Versäumnisse der Vergangenheit an: "Wir haben noch einen steinigen Weg vor uns."

Mit Andreas Wank und dem erst 18 Jahre alten Pascal Bodmer, beide im Vorjahr Mannschafts-Weltmeister mit den Junioren, haben allerdings schon zwei junge Athleten den Sprung in den A-Kader geschafft. Beiden traut Sportdirektor Hüttel in diesem Jahr auch gute Ergebnisse im Weltcup zu. Im Hinblick auf die Spiele in Vancouver sieht er aber vor allem die Etablierten in der Pflicht. Neben Schmitt sind dies vor allem Uhrmann und Neumayer, für die es wohl die letzten Olympischen Spiele sein werden: "Sie wollen noch zulegen und in die Top Ten springen. Insgesamt müssen wir mit der Mannschaft besser werden, wenn wir unser Ziel verwirklichen wollen: eine Medaille im Teamwettbewerb."

Vorbereitung ohne Schnee

Die Vorbereitung auf die Saison verlief allerdings etwas schleppend. "Die Ergebnisse im Sommer waren nicht berauschend", sagt Hüttel. Dies führt er aber auch darauf zurück, dass die Mannschaft vor der langen Saison zunächst vor allem an der Athletik gearbeitet hat. "In der Vorsaison fehlte uns hinten heraus auch die Kraft." Vor dem ersten Weltcup am Freitag (27.11.09) im finnischen Kuusamo hat die sportliche Leitung die Springer deshalb noch einmal in Klingenthal zusammen gezogen und in Ruhe auf das erste Springen vorbereitet: "In Skandinavien waren nur zwei Schanzen sprungbar, da tummelten sich alle Mannschaften. Dem wollten wir aus dem Weg gehen", erläutert Hüttel. Zudem biete die mechanische Eisspur in Klingenthal "ideale Voraussetzungen", so Hüttl, um am Absprung zu feilen: "Der Anlauf ist absolut identisch mit den Winterspuren. Und für den technischen Ablauf des Sprungs ist die Landung sekundär."

So gehen die Ski-Adler erstmals ohne einen einzigen Schneesprung in die Weltcup-Saison. "Ich will die Jungs raus aus der Komfortzone holen und neue Reize setzen", erklärte Bundestrainer Schuster vor dem Auftaktspringen. Martin Schmitt, der zu Beginn der Vorbereitung Probleme mit seiner Sprungtechnik hatte, zeigte sich begeistert von der Maßnahme: "In den letzten Wochen ging es Schritt für Schritt nach oben. Ich freue mich darauf, endlich in die Wettkampfsaison einzusteigen."

Stand: 26.11.2009, 08:00

 

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