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15.03.2010 | 09.42 Uhr

Allgemein

20 Jahre Mauerfall - eine Serie aus der Welt des Sports

Leipzig - gefangen in der Vergangenheit

Von Ronny Blaschke

Lepzig war in der DDR eine der erfolgreichsten Sportstädte. Doch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall steht die sächsische Metropole eher für etwas anderes: Finanzielle Probleme bei Vereinen, Sanierungsstau und Athletenschwund. Von den Stadtoberhäuptern sind viele Funkionäre enttäuscht.

Leipziger Zentralstadion; Rechte: imago Kaum genutzt: Leipziger Zentralstadion.

Es waren viele Worte gewechselt und viele Briefe geschrieben worden, aber einen Schritt voran kam Uwe Gasch nicht. Und so ging er auf die Straße. An einem Vormittag im März 2009 kletterte er auf eine kleine Mauer vor dem Neuen Rathaus in Leipzig, umklammerte ein Megafon und verlas einen kritischen Brief an die Stadtoberhäupter. Vor ihm standen dreihundert Athleten, Trainer und Funktionäre. Sie applaudierten, einige von ihnen entrollten ein Transparent, darauf stand: "Ex-Sportstadt Leipzig". Gasch ist Präsident des Stadtsportbundes Leipzig und sagt: "Viele Leipziger trauern der Vergangenheit nach, damit muss Schluss sein. Wir wollen auch in der Gegenwart erfolgreich sein."

Zwanzig Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen. Zwanzig Jahre, in denen sich der ostdeutsche Sport gewandelt hat. Aus dem staatlich gelenkten Apparat wurde in vielen Städten eine geduldete Beschäftigungsmaßnahme, Synonym für diese Entwicklung ist Leipzig. "Die Politiker haben sich nach der Wende lange nicht um den Sport gekümmert", klagt Uwe Gasch. Er hat als Ruderer einst viele Medaillen gewonnen - in einer Zeit, in der Leipzig zu den bekanntesten Sportstandorten Europas gehörte.

Bis zur Wiedervereinigung hatten Athleten des SC DHfK Leipzig, des Klubs der Deutschen Hochschule für Körperkultur, 93 olympische Medaillen und 136 WM-Goldmedaillen gewonnen. Ein anderer Werbeträger war der 1. FC Lokomotive, der im Zentralstadion vor 100.000 Zuschauern spielte und 1987 im Europapokalfinale der Pokalsieger stand. Triumphe aus einer fernen Zeit - heute spielt Lok in der fünftklassigen Oberliga vor durchschnittlich 3.000 Fans.

Viel Konkurrenz für den Sport

Warum ist ausgerechnet Leipzig ein Symbol für den Niedergang? Diese kulturell blühende und wirtschaftlich vergleichsweise gut aufgestellte Metropole? Vielleicht ist der Überfluss eine Ursache. In Leipzig fällt den Sponsoren die Entscheidung schwer; der Sport konkurriert hier mit Wissenschaft, Kultur und Bildung. Geldgeber überlegen es sich, ob sie in Amateurfußball, Leichtathletik oder in die Messe, Museen, Theater oder Oper investieren.

Anders sieht es in den kleineren Städten aus. In Rostock, Cottbus oder Aue konzentrieren sich die wenigen Förderer auf Fußball, in Magdeburg auf Handball, in Neubrandenburg auf Leichtathletik, in Frankfurt/Oder auf Boxen. Alternativen sind dort rar. Uwe Gasch will das für Leipzig aber nicht als einziges Argument gelten lassen. Denn auch die wenigen vorhandenen Mittel wurden aus seiner Sicht von den Sportfunktionären in der Stadt nur selten sinnvoll eingesetzt. Symbol dafür ist der FC Sachsen, den die Politik zunächst intensiv protegierte. Alternde Profis erhielten stattliche Gehälter, ein langfristiges Konzept war jedoch nie zu erkennen. Die Konsequenz: Der FC Sachsen musste im vergangenen Frühjahr zum zweiten Mal Insolvenz anmelden, er versucht nun in der Oberliga einen Neustart.

Finanznot bei vielen Vereinen

Auch anderswo gibt es immense Probleme: So mussten vor wenigen Monaten der Eishockeyverein Blue Lions in der Oberliga und die Bundesliga-Volleyballer des VC Leipzig gravierende finanzielle Probleme einräumen. Der einzige Lichtblick sind die Handballerinnen des HC Leipzig, ein Spitzenteam der Bundesliga. Auf größere Unterstützung aus dem Rathaus durften sich die Klubs nicht verlassen: Mit Bürgschaften könne die Stadt laut Sportbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) nicht helfen.

"Die Politiker gehen lieber zu Ausstellungen oder ins Theater, da gibt es mehr Häppchen zu holen als im Leipziger Sport", schimpft Gasch. Seiner Meinung nach hat der Sport mehr Geld verdient. Von den rund achtzig Millionen Euro, die Leipzig aus dem Konjunkturpaket II bezieht, erhalten Schul- und Vereinssport etwa vierzehn, geplant waren vor der Demonstration am Rathaus sogar weniger als zehn.

"Immer weniger Athleten"

77.700 Leipziger sind in 370 Vereinen aktiv - doch auch der Breitensport leidet. "Es werden immer weniger Athleten", sagt Heike Fischer. Bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 hat sie im Wasserspringen Bronze gewonnen, eine von vier Leipziger Medaillen. Zu wenig für eine Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern? Im Zehnjahresvergleich stünden dem Olympiastützpunkt laut dessen Leiter Winfried Nowack nun 23 Prozent weniger Nachwuchsathleten zur Verfügung. Die Leipziger müssen den Mangel verwalten, das gilt auch für die Infrastruktur: "Wir haben einen riesigen Sanierungsstau, was Sporthallen betrifft", sagt Uwe Gasch.

Leipziger Zentralstadion; Rechte: dpa Lupe groß

Das Zentralstadion in Leipzig

Es ist die Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Prunkbau des sächsischen Sports so gut wie leer steht. Das Leipziger Zentralstadion, vor der Fußball-WM 2006 für viele Steuermillionen von Grund auf saniert, fristet ein trauriges Dasein. Demnächst könnte in der schmucken Arena allerdings Rasenballsport Leipzig spielen. Der Oberligist wird von Red Bull mit Millionen gefüttert und hat durchaus Potential für mehr. Und so könnte am Ende ein österreichischer Brausehersteller den Dornröschenschlaf des Leipziger Sports beenden.

Stand: 02.11.2009, 10:38

 

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