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Pferdesport
Interview mit Prof. Wilhelm Schänzer
"Gedopt wird, wo Geld fließt"
Unerlaubte Methoden im Pferdesport sind derzeit in der Diskussion. Im Interview mit sport.ARD.de erläutert Prof. Wilhelm Schänzer vom Biochemischen Institut der Sporthochschule Köln, wie Doping im Pferdesport funktioniert.
Prof. Wilhelm Schänzer
sport.ARD.de: Herr Schänzer, seit wann testen Sie in ihrem Labor Pferde-Doping-Proben?
Prof. Wilhelm Schänzer: "Im Grunde immer schon, zumindest seit ich hier arbeite. Es gab schon in den 80er Jahren Vereinbarungen auf Dopingtests mit der Direktion für Vollblutzucht, die für den Galoppsport verantwortlich ist, oder dem Verband der Traber und auch mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, die für die Olympischen Disziplinen Vielseitigkeit, Springreiten und Dressur zuständig ist."
Welche Medikation ist bei Sportpferden unumgänglich und auch erlaubt?
Schänzer: "Man muss da im Pferdesport differenzieren zwischen dem Wettkampf und den Phasen außerhalb. Während im Wettkampf bei Pferden alles verboten ist, was irgendeine Wirkung auf den Organismus des Tieres hat, ist Medikation außerhalb des Wettkampfes natürlich erlaubt. Wenn ein Pferd zum Beispiel verletzt oder nicht ganz auf der Höhe ist. Die Schwierigkeit ist dann, dass viele Substanzen lange im Körper des Tieres verbleiben und die Tierärzte immer vor der Frage stehen: Wie lange vor einem Wettkampf muss ich die Substanz wieder absetzen?"
Schnelligkeit und Schnellkraft werden verbessert
Doping-gefährdet: Galoppsport.
Wie wird im Pferdesport klassischerweise gedopt?
Schänzer: "In erster Linie mit anabolen Wirkstoffen, die Schnelligkeit und Schnellkraft der Tiere verbessern. Dann natürlich mit Schmerzmitteln, die es dem Pferd erlauben, trotz einer Verletzung zu starten. Es wird viel mit Kortikosteroiden gearbeitet, die gegen Entzündungen eingesetzt werden."
Welche gesundheitlichen Folgen drohen den Pferden bei diesen Dopingpraktiken?
Schänzer: "In erster Linie erreichen die behandelnden Menschen, dass Verschleißerscheinungen ignoriert werden können. Ein Tier kann dann trotz Verletzung, die eigentlich eine Ruhepause nötig machen würde, im Wettkampf starten. Dem Pferd wird also nicht die nötige Zeit gegeben, beispielsweise eine Gelenk-Verletzung auszukurieren. Was dazu führen kann, dass langfristige, chronische Schäden am Bewegungsapparat entstehen."
Sind auch organische Langzeitschäden bei den Tieren bekannt geworden?
Schänzer: "Sind mir eher nicht bekannt."
Arbeiten Sie mit den Tierärzten zusammen? Geben Sie aufgrund ihrer Erfahrung Tipps, wann Medikamente vor Wettkämpfen abgesetzt werden sollten?
Schänzer: "Wir Analytiker geben natürlich keine Tipps, grundsätzlich betreffen uns Fragestellungen nach Wirksamkeit von Medikamenten und deren Verweildauer im Körper der Tiere nur sekundär. Das ist das Feld für die Ärzte und Verbände. Aber in der Praxis gibt es schon mitunter Zusammenarbeit zwischen unserem Institut und verschiedenen Verbänden. Für einige unserer Studenten bieten ja gerade solche Forschungsfelder einige potenzielle Themen für eine wissenschaftliche Arbeit. Grundsätzlich würden wir uns aber wünschen - und das möchten die Pferdesport-Verbände auch - dass im Pferdesport Medikationsbücher sorgfältig und lückenlos geführt werden."
Klärung vor der Behandlung
Im "Fall Ahlmann" war das Springreiten betroffen.
Was sollte in Medikationsbüchern stehen, welchen Sinn haben sie?
Schänzer: "Die Reitsportverbände bestehen mittlerweile darauf, dass für jedes Pferd sollte ein solches Buch geführt wird, in dem steht, welches Medikament ein Tier wann, wie lange und in welcher Menge bekommen hat. Würde diese Bücher sorgfältiger geführt, würden die Missverständnisse aufhören, die sich nach positiven Tests häufig ergeben. Die Verbände könnten anhand der Bücher genau nachvollziehen, warum welche Substanz im Körper des Tieres war oder warum eine gefundene Substanz da eigentlich aus medizinischer Sicht überhaupt nicht hingehört hätte."
Beim Olympia-Pferd des Reiters Ahlmann gab es viele Diskussionen - war es Doping oder nicht?
Schänzer: "Den Fall Ahlmann kann ich selber nicht bewerten. Grundsätzlich gilt aber, wenn reizwirkende Gels oder Salben oberhalb der Hufe (in Fachkreisen auch als "blistern" bezeichnet) aufgetragen werden, die die Durchblutung fördern und das Pferd empfindlich für Stöße oder Berührungen machen, muss man eindeutig von einem Dopingdelikt sprechen. Auch hier kommt wieder die Forderung nach einem Medikationsbuch ins Spiel, denn dann könnten anschließend keine Ausreden versucht werden wie: 'Haben wir nicht gewusst, dass das verboten ist' oder 'wir dachten, es sei rechtzeitig vor dem Wettkampf wieder aus dem Körper des Tieres verschwunden'. Grundsätzlich meinen wir auch, dass es Aufgabe der Reiter und Tierärzte ist, vor jeder Behandlung eindeutig zu klären, ob eine Substanz verboten oder erlaubt ist."
In welcher Disziplin des Pferdesports wird eigentlich am meisten gedopt? Im Galopp-, Spring- oder Dressursport?
Schänzer: "Im Trab- und Galoppsport werden international teilweise Millionenbeträge durch Wetten umgesetzt. Wir hatten in der Vergangenheit ja nicht nur die Fälle, dass Tiere leistungssteigernd gedopt wurden. Es gab immer auch sogenanntes 'Negativ-Doping'. Es wurden Mittel verabreicht, die Tiere langsamer gemacht haben, um ein bestimmtes Wett-Ergebnis zu beeinflussen. Der Grundsatz ist wie beim menschlichen Sport: Dort, wo die meisten wirtschaftlichen Gewinne gemacht werden, ist die Gefahr des Dopings am größten."
Das Gespräch führte Olaf Jansen
Stand: 17.11.2008, 07:59
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