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Tischtennis
Interview mit Tischtennis-Bundestrainer Jörg Rosskopf
"Einer muss den Hut aufhaben"
Jörg Rosskopf sammelt bei der Tischtennis-EM in St. Petersburg gerade erste Erfahrungen als Bundestrainer. Der noch aktive Spieler des TTC Jülich ist eine Art Lehrling in der Chefrolle neben Richard Prause. Ob ihm die Rolle als Trainer liegt, welchen Einfluss er bereits auf die Spieler nehmen konnte und welche Ratschläge er niemals seinen Spielern geben würde, verrät der 39-Jährige im Interview mit sport.ARD.de.
Jörg Roßkopf ist mit seiner neuen Rolle als Bundestrainer zufrieden.
Herr Roßkopf, wie erleben Sie die Zeit in St. Petersburg in Ihrer neuen Trainerrolle?
Roßkopf: Ich fühle mich eigentlich ganz gut. Ich habe mir diese Rolle schließlich auch ausgesucht. Sie kam also nicht überraschend auf mich zu. Ich hatte bisher jedenfalls noch nie das Gefühl, dass ich hier auch mitspielen will und kann.
Die deutsche Mannschaft ist Europameister geworden. Inwieweit haben Sie als Bundestrainer dazu beigetragen?
Roßkopf: Ich habe zumindest versucht, meine Erfahrungen weiter zu geben. 2003 stand ich auch im EM-Finale und habe taktisch nicht so gut gespielt. Man darf dort nicht nur so,Hau drauf' spielen, muss auch mal abwarten können. Dass habe ich in der Mannschaftssitzung angesprochen. Und ich denke, die Spieler haben den Rat auch angenommen.
Bei den Mannschaftswettbewerben stand Ihr Kollege Richard Prause ehr als Sie im Mittelpunkt. Halten Sie sich absichtlich zurück?
Roßkopf: Ich halte mich in der Tat etwas im Hintergrund. Das ist aber auch so abgesprochen. Einer muss den Hut aufhaben. Und das ist Richard Prause, mit dem ich hervorragend zusammenarbeite. Aber als Spieler hätte ich es auch nicht leiden können, wenn mir zwei, drei oder vier Leute reinquatschen würden. Das ist alles in Ordnung so.
Begreifen Sie dieses Turnier für sich auch als Lernprozess?
Roßkopf: Natürlich ist das eine Lernphase für mich. Ich habe zwar meine Prüfung abgelegt, aber das das ist ja noch nicht alles. Als Trainer muss man sich ganz anders vorbereiten. Diese Erfahrungen sammele ich gerade. Aber das macht mir viel Spaß.
Sie haben mal mit Timo Boll zusammengespielt. Gab es ein Akzeptanzproblem?
Roßkopf: Zu Timo hatte ich immer ein sehr gutes Verhältnis. Insgesamt bringen mir die Spieler, aufgrund meiner sportlichen Karriere, recht großen Respekt entgegen. Aber diesen Respekt muss man sich auch als Trainer erarbeiten. Damit bin ich beschäftigt.
Und, ist das was für Sie?
Roßkopf: Ich habe mir schon als Spieler immer vorgestellt, Trainer zu werden. In dieser Position kann man einfach was bewegen. Ein Beispiel: Wir haben zehn Spieler, die für die Nationalmannschaft in Frage kommen. Da kann man Druck auf die vorderen Spieler ausüben und sie auch dadurch zu Höchstleistungen antreiben. Ein wenig muss man sich daran gewöhnen, nun die Entscheidungen treffen zu müssen, die man als Spieler einfach hinnehmen und akzeptieren musste. Dann steht man ziemlich alleine damit da.
Timo Boll ist Favorit für die EM-Einzelwettbewerbe.
Am Mittwochnachmittag beginnen die Einzelwettbewerbe. Was trauen Sie den deutschen Spielern zu?
Roßkopf: Es ist gerade für die Olympiafahrer keine leichte Situation. Timo ist sicher ein Topfavorit. Aber nach Olympia kann es auch zu leichten Motivationsproblemen kommen. Sollte er also in der ersten Runde im Einzel ausscheiden, wäre das schade, aber die Welt ginge auch nicht unter. Allerdings wird er noch einmal alles geben, da bin ich sicher. Im Doppel haben wir mit Christian Süß und Timo Boll ein heißes Eisen im Feuer. Gerade Christian dürfte mit Wut im Bauch antreten, da er im Mannschaftswettbewerb nicht so zum Zug gekommen ist. Wenn die anderen an ihre Leistungsgrenze kämen, wäre das hervorragend. Warten wir mal ab.
Weltweit sind die Chinesen, wie die Olympischen Spiele gezeigt haben, deutlich vorne. Worin sehen Sie die markantesten Unterschiede?
Roßkopf: Im Tischtennis liegt der Schwerpunkt mittlerweile auf dem ersten Ball. Der muss einfach gut sein. Unsere Spieler sind zwar in langen Ballwechseln gut ausgebildet, aber beim Aufschlag und Rückschlag haben sie noch Defizite, gerade gegenüber den Asiaten. Man muss also aggressiver auf den ersten Ball gehen. Das wird auch bei Timo bemängelt, dass er das nicht so gut kann. Daran versuchen wir zu arbeiten.
Ihr Vertrag ist befristet für ein Jahr. Können Sie sich bereits eine Verlängerung vorstellen?
Roßkopf: Das würde ich nicht nach dieser Meisterschaft entscheiden wollen. Ich werde mir erstmal anschauen, wie die Spieler im Training reagieren und was sie zu meiner Arbeit sagen. Denn in der Trainingshalle wird die Hauptarbeit geleistet. Wenn ich da meine Vorstellungen umsetzen kann, dann wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich eine positive Entscheidung fälle. Oder eben auch nicht. Aber das dauert noch.
Als Aktiver haben Sie sich schon viele Ratschläge von Trainern anhören müssen. Welchen würden Sie niemals an die Spieler weitergeben?
Roßkopf: Ich habe gemerkt, dass man als Trainer auch gerne mal in die Vergangenheit zurückfällt. Aber nur in der Vergangenheit zu leben, ist nicht richtig. Ich versuche das abzuschalten, ohne auf meine Erfahrungen zu verzichten. Das ist nicht ganz leicht.
Das Gespräch führte Jörg Strohschein.
Stand: 08.10.2008, 13:31
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