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09.09.2010 | 18.51 Uhr

Aktuell

Ein Kommentar von Holger Gerska

Der Radsport braucht neue Helden - und noch viel mehr

Kaum ein Fahrer, der nicht in irgendeiner Weise mit Doping in Verbindung gebracht wird. Während hierzulande die Medien den Radsport mit der Lupe untersuchen, sieht man in anderen Sportarten konsequent weg. Mit dem Ergebnis, dass der Nachwuchs auf der Strecke bleibt.

Massensprint; Rechte: dpa

"Endstrong" titelte die französische Sporttageszeitung L'Equipe ihre "Bye, Bye Armstrong"-Geschichte. Na hoffentlich stimmt es diesmal - schließlich wurden all diese Lieder schon vor fünf Jahren hier in Paris gesungen. Und Mister "ich will Gouverneur von Texas werden" möge all die zwielichtigen Geister seiner Ära mitnehmen. Seinen maulfaulen Edelhelfer Andreas Klöden, der immer noch als bester Deutscher in der Gesamtwertung firmiert. Den Doper Alexandre Vinokourov, der wieder mitfahren durfte und genau wie zu Hochdopingzeiten eine Etappe gewann. Oder den Sprinter Alessandro Petacchi, gegen den in Italien ermittelt wird. Und all die Teamchefs und Sportdirektoren aus der EPO- und Blutdoping-Ära des Radsports - alle mit Dreck am Stecken.

Aber - geben wir uns keinen Illusionen hin - sie alle (hoffentlich mit Ausnahme Armstrong) werden am 2. Juli 2011 in der Bretagne wieder fröhlich am Start zur 98. Tour de France stehen. Und wahrscheinlich fährt dann auch wieder der skrupellose Doper Stefan Schumacher nach abgesessener Sperre mit. Im Gegensatz zum Team Milram - einer Mannschaft mit gutem Leumund und schlechten Ergebnissen. Klar, deutsche Radprofis wird es auch im nächsten Jahr bei der Tour geben, vielleicht sogar mehr als diesmal. Sie sind begehrt als Helfer für Stars und Sternchen italienischer, belgischer, amerikanischer, dänischer und demnächst auch luxemburger Teams. Nur der zweifellos gute Radsport-Nachwuchs bleibt auf der Strecke.

Potentielle deutsche Sport-Sponsoren bleiben defensiv, solange die Sünden der Altlasten Armstrong und Ullrich für die heimischen Medien wichtiger sind als der Sport der Gegenwart. Es ist gut und richtig, das Thema Doping im Sport nicht auszublenden, aber das deutsche Bild bleibt schräg: Während im Radsport das Problem der Leistungsmanipulation mit der Lupe, maßlosen Übertreibungen und zynischer Wortwahl begleitet wird, schaut man in anderen Ausdauersportarten genauso konsequent weg. Dabei wird im Wintersport, Fußball, im Schwimmen oder in der Leichtathletik wahrscheinlich nicht weniger, womöglich sogar mehr gedopt - aber hier gibts ja deutsche Helden - und damit Sponsoren. Während Milram-Teamchef Gerry van Gerwen immer noch händeringend einen Geldgeber suchen muss.

Und diejenigen, die dem Radsport die Misere eingebrockt haben, sind fein raus: Jan Ullrich genießt das Leben, Alexandre Vinokourov gewinnt Etappen, Lance Armstrong trifft sich mit dem französischen Präsidenten. Dass der vom Publikum in Frankreich freundlich verabschiedete ehemalige Tour-Dominator wirklich vor der US-Justiz die Hosen herunterlassen muss, hoffen viele, aber glauben wenige. Zuviele starke Freunde hat er in den Jahren gewonnen, da er den Radsport amerikanisiert und den Weltverband untertänig gemacht hat. Es ist wie mit der Präsidentschaft von George Bush - die Welt ist nicht mehr die alte, und keiner hat es so richtig gewollt. Nur ist im Radsport kein Barack Obama in Sicht.

Ein Kommentar von Holger Gerska.

Stand: 25.07.2010, 18:30

 

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