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23.02.2012 | 03.05 Uhr

Tennis

Ein Tennis-Linienrichter erzählt

Volle Konzentration auf eine simple Aufgabe

Timo Kranzusch ist einer von elf deutschen Linienrichtern beim diesjährigen Tennisturnier in Wimbledon. Im Interview mit sportschau.de verrät der 38 Jahre alte Berliner, warum er diesen Job so spannend findet. Er spricht über spannende Matches, Federers krumme Aufschläge und elektronische Konkurrenz.

Linienrichter in Wimbledon 2010; Rechte: dpa Linienrichter in Wimbledon 2010

sportschau.de: Herr Kranzusch, von außen betrachtet wirkt der Job eines Linienrichters ziemlich öde. Was reizt Sie daran, stundenlang eine einzige Linie zu überwachen?

Timo Kranzusch: Ich bin dadurch näher dran am Geschehen als jeder andere. Ich bekomme die Geschwindigkeit, die die Profis spielen, super mit. Für viele ist es etwas Besonderes, beispielsweise bei Roger Federer auf dem Platz zu stehen. Ich sehe als Linienrichter großartiges Tennis aus nächster Nähe.

Können Sie das Spiel überhaupt richtig verfolgen?

Kranzusch: Das muss ich sogar, auch um nicht einzuschlafen. Allerdings muss man trainiert sein, den Blick im letzten Moment auf die Linie zu werfen, wenn die Bälle knapp werden. Das hat man irgendwann im Gefühl. Man sollte die Augen schon auf der Linie haben, bevor der Ball dort auftickt.

Es wird Ihnen also nie langweilig?

Kranzusch: Nein, die Aufgabe ist psychisch sogar extrem anstrengend, weil ich mich sehr konzentrieren muss. Es passiert leicht, dass man einen Ball verpasst. Gerade wenn ich an der Grundlinie sitze und nur zwei knappe Bälle in einer Dreiviertelstunde habe. Da muss ich immer da sein. Die Zeit geht normalerweise wie im Fluge vorbei.

Wie lange am Stück sind Sie auf dem Platz? Nach einer gewissen Zeit werden die Linienrichter ja ausgetauscht.

Kranzusch: Genau, denn ab einer bestimmten Zeit geht die Konzentration rapide runter. Normalerweise bin ich zwischen 40 und 60 Minuten im Einsatz. Bei kleineren Turnieren können daraus aber auch bis zu eineinhalb Stunden werden. Dort teilen sich oft drei Linienrichter-Gespanne zwei Plätze. Bei größeren Turnieren kümmern sich meist zwei Gespanne um einen Platz.

Was machen Sie in den Pausen?

Kranzusch: Da hat jeder so seine eigenen Geschichten. Ich persönlich lese oder schreibe inzwischen sehr viel. Früher war ich noch nervös und bin immer über die Anlage gewandert, um ein bisschen runterzukommen. Manche gucken auch dem Spiel weiter zu, andere unterhalten sich oder spielen Karten. Man hat nicht viel Zeit, normalerweise zwischen 30 und 50 Minuten.

Haben Sie eine Lieblingslinie?

Kranzusch: Ich bin gerne an der Aufschlaglinie, obwohl die sehr stressig ist. Aber da muss ich mich nur kurz konzentrieren und kann dann entspannen und dem Spiel folgen. Die Aufschlagmittellinie habe ich dagegen nicht so gerne. Seit meine Knie Probleme bereiten, laufe ich dort durchaus Gefahr, abgeschossen zu werden. Bisher hatte ich aber Glück.

Ist es für einen Linienrichter ein großer Unterschied, ob auf Asche, Gras oder Hartplatz gespielt wird?

Kranzusch: Auch da hat jeder seine Vorlieben. Die französischen Linienrichter sind beispielsweise auf Sandplätzen unschlagbar, aber in der Halle nicht ganz so gut. Auch die Technik verändert sich je nach Belag. Auf Sand wartet man oft ein bisschen ab und versucht, sich den Abdruck anzugucken. Auf Hartplatz muss man dagegen sofort entscheiden. Zudem beeinflusst die Farbe des Platzes, wie gut man die Bälle sieht. Wenn es einen klaren Kontrast zwischen Ball und Platz gibt, macht es mehr Spaß.

Gibt es auch Spieler, bei denen die Bälle schwieriger zu sehen sind als bei anderen?

Kranzusch: Ja, denn die Spieler haben verschiedene Arten von Drall. Federer hat zum Beispiel einen ziemlich schwierigen Aufschlag, weil er sehr knapp an die Linien haut und einen Spin drin hat, der meinem persönlichen Gefühl nach den Auftreffpunkt des Balles schwerer erkennen lässt. Bei Andy Roddick sehe ich die Bälle dagegen relativ gut. Er schlägt zwar sehr hart auf, aber die Bälle gehen glatt über die Linie.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt als Linienrichter?

Nadal (li.) und Verdasco nach ihrem Fünf-Stunden-Match 2009; Rechte: dpa Lupe groß

Nadal (li.) und Verdasco nach ihrem Fünf-Stunden-Match 2009

Kranzusch: Das war das US-Open-Finale 2007 zwischen Roger Federer und Novak Djokovic. Da haben sie mich an die Aufschlaglinie gesetzt, das war ein ziemlicher Aufreger. Das beste Match, das ich jemals gesehen habe, war aber das Halbfinale der Australian Open 2009 zwischen Fernando Verdasco und Rafael Nadal. Die haben sich fünf Stunden die Bälle um die Ohren gehauen. Das war sehr intensiv.

Es gibt nur ganz wenige hauptberufliche Tennis-Schiedsrichter. Für alle anderen ist es ein Nebenjob. Ein lukrativer?

Kranzusch: Das kommt darauf an, wo man wohnt. In Westeuropa nicht unbedingt, in Indien oder Osteuropa schon eher. Was man dabei verdienen kann, ist nicht wirklich spannend. Aber man sieht die Welt, lernt viele Leute kennen und sieht gute Matches.

Gibt es eine offizielle Ausbildung für Linienrichter?

Kranzusch: In Deutschland nicht. Manchmal treffen sich die Leute vor einem Turnier zwei, drei Mal, um ein wenig zu üben und die Grundlagen reinzubekommen. Manchmal wird man auch einfach ins kalte Wasser geworfen, gerade bei kleinen Turnieren. In Grand-Slam-Ländern wie England gibt es dagegen eine Ausbildung.

Wer entscheidet, welche Linienrichter bei einem Turnier im Endspiel antreten dürfen?

Kranzusch: Zum einen der Chief of Officials. Das ist der Mensch, der die Linienrichter in Teams einteilt und den Linien zuordnet. Außerdem gibt der Stuhlschiedsrichter nach jedem Schichtwechsel eine Bewertung ab. Er achtet unter anderem darauf, ob die einzelnen Linienrichter ihre Entscheidungen mit lauten Rufen und klaren Handzeichen gut verkaufen. Diese Beurteilungen beeinflussen, wer am Ende eines Turniers noch dabei ist.

Seit fünf Jahren wird bei einigen großen Turnieren das sogenannte Hawk-Eye eingesetzt. Es berechnet mit Hilfe von Hochgeschwindigkeitskameras die Flugbahn und den Aufprallpunkt des Balles. Ist es Fluch oder Segen für die Linienrichter?

Kranzusch: Vor allem für die Schiedsrichter ist es ein Segen, weil es sehr viel Konfliktpotenzial rausnimmt. Die Spieler haben es inzwischen akzeptiert und sagen in der Regel auch nicht viel, wenn der Schiedsrichter daneben gelegen hat. Für die Linienrichter bedeutet das Hawk-Eye durchaus mehr Druck, weil wir wissen, dass wir noch einmal überprüft werden können. Aber ich mag es ganz gerne. Es gibt Entscheidungen, bei denen es um einen oder zwei Millimeter geht. Das hat dann mehr mit Gefühl als mit Sehen zu tun. Da ist es interessant, sich selbst überprüfen zu können.

Vertrauen Sie dem Hawk-Eye hundertprozentig?

Kranzusch: Es hat wohl gewisse Abweichungen. Aber es ist auf jeden Fall besser als das menschliche Auge. Und die Zuschauer lieben es.

Macht das Hawk-Eye die Linienrichter bald womöglich überflüssig? Netzrichter gibt es ja schon gar nicht mehr. Heute entscheidet das elektronische System Trinity darüber, ob ein Aufschlag das Netz berührt hat.

Kranzusch: Das ist eine gute Frage. Man könnte das System bestimmt so einstellen, dass es per Ton anzeigt, wenn ein Ball im Aus ist. Aber Systeme fallen auch gerne mal aus. Bisher habe ich jedenfalls noch nichts davon gehört, dass Linienrichter wegfallen könnten.

Das Gespräch führte Volker Schulte.

Stand: 01.07.2011, 08:00

 

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