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18.03.2010 | 15.43 Uhr

Tennis

Marat Safin beendet seine wechselhafte Karriere

Die Tour verliert eine Attraktion

Von Volker Schulte

New York im Jahr 2000: Der Entertainer David Letterman hat einen besonderen jungen Mann in seiner Late-Night-Show zu Gast, Marat Safin. Seit dem Vortag, als der damals 20-Jährige die Tennis-Legende Pete Sampras im US-Open-Finale abgeschossen hat, kennt ihn die Welt als herausragenden Tennisspieler. Und nach der Letterman-Show, in der der Russe scherzt, lacht und tosenden Beifall erhält, auch als sympathischen und intelligenten Menschen.

Safin mit dem US-Open-Pokal 2000; Rechte: dpa Der neue Stern am Tennishimmel: Marat Safin bei den US Open 2000.

Damals sind sich alle Experten inklusive Sampras einig, dass Safin die Tennis-Weltspitze in den kommenden Jahren aufmischen, vielleicht sogar dominieren wird. Doch neun Jahre später bleibt festzuhalten: Sie haben sich geirrt. Marat Safin wird nach dem ATP-Masters in Paris-Bercy (8.-15.11.09), wo er immerhin dreimal gewonnen hat, mit nur 29 Jahren seine Karriere beenden. Er geht mit einer Wildcard und als Nummer 65 der Weltrangliste ins Rennen.

Der Hauptgrund, warum Safin insgesamt nur neun Wochen lang die Weltrangliste anführt, deutet sich schon in der Letterman-Show an. Der Showmaster und sein schlagfertiger Gast plaudern über die feuchtfröhlichen Feierlichkeiten nach dem sensationellen Dreisatz-Sieg im US-Open-Finale. Was er denn getrunken habe? "Wodka", sagt Safin mit einem schelmischen Grinsen, das Publikum johlt. Das Witzeln über Feiern und Alkohol geht noch ein wenig weiter, und zwischendurch fragt Letterman: "Als angehende Nummer eins der Welt - sollten Sie da überhaupt trinken?"

Partynächte und Frauengeschichten

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Wer langfristig zu den Besten gehören will, muss auf vieles verzichten - und dazu ist Safin nicht bereit. "Ich bin kein Typ, der in eine Schablone passt. Und Tennis konnte nie mein ganzes Leben sein." Safin feiert ausgiebig, ist mit seinen Frauengeschichten Dauergast in der Regenbogenpresse und geht 2007 statt im Davis-Cup-Halbfinale gegen Deutschland zu spielen lieber bergsteigen im Himalaya. "Da hatte ich eben Lust drauf." Zudem bremsen langwierige Verletzungen Safin oft dann, wenn er gerade wieder in Form gekommen ist.

Rückblickend glaubt Safin auch, dass der Erfolg bei den US Open zu früh gekommen ist. "Ich war damals noch nicht bereit dafür. Es war wie 'Game over'. Ich habe alles erreicht, was ich wollte. Was kommt jetzt?" Zunächst kommt nicht mehr viel. Er war 2002 zwar drei Monate lang die Nummer zwei der Welt, verpasst das Jahr 2003 aber fast komplett wegen einer Verletzung. 2002 und 2004 zieht er bei den Australian Open ins Finale ein, aber erst 2005 gewinnt er dort seinen zweiten Grand-Slam-Titel. Im Halbfinale beendet er Roger Federers Siegesserie mit einem legendären Fünf-Satz-Sieg, und im Finale schlägt er Lokalmatador Lleyton Hewitt in vier Sätzen. "Der zweite Grand-Slam-Titel war noch wichtiger und befriedigender als der erste", sagt Safin.

Zertrümmerte Schläger und ein blaues Auge

Doch seit jenem Titel in Australien hat der gebürtige Moskauer kein einziges Turnier mehr gewonnen. Nach einer Knieverletzung findet er nie wieder zu alter Stärke zurück, was sicher auch mit der fehlenden Motivation zu tun hat. Doch obwohl Safin seit Jahren von den Centercourts verschwunden ist, werden ihn viele Fans sehr vermissen. In der Damenwelt gilt der 1,93 Meter große, athletische Russe, der gerne mit auffälligen Halsketten aufläuft, als einer der attraktivsten Männer im Tenniszirkus. Vor allem aber ist Safin einer der wenigen Spieler, die das Besondere haben. Wenn Safin den Platz betritt, passiert etwas. Entweder er legt sich mit dem Schiedsrichter an, zertrümmert seinen Schläger (er soll mehr als 300 Rackets auf dem Gewissen haben) oder er lässt wie 2004 nach einem gewonnenen Punkt die Hose runter. Beim Hopman-Cup 2009 läuft Safin mit einem blauen Auge auf, dem Resultat einer Disco-Nacht. Details dazu verrät er nicht, nur, dass er gewonnen habe.

Der Hitzkopf zeigt jedoch auch oft seine einfühlsame Seite. Ebenfalls beim Hopman-Cup trifft er versehentlich die Netzrichterin mit einer Rückhand und entschuldigt sich mit einem Kuss auf ihre Wange. Und für seine jüngere Schwester Dinara Safina, die in diesem Jahr in der Kritik stand, weil sie ohne Grand-Slam-Titel zwischenzeitlich die Nummer eins der Welt war, setzt er sich rührend ein. "Ich muss sie beschützen. Sie verdient mehr Anerkennung, als sie derzeit bekommt. Ich glaube nicht, dass es weltweit jemanden gibt, der so professionell ist wie sie."

"Ich muss raus aus dem Tenniszirkus"

Safin; Rechte: dpa Lupe groß

Marat Safin: "Ich bin kein Typ, der in eine Schablone passt."

Marat war es jedenfalls nie. Er ist zwar dankbar für die Möglichkeiten, die ihm sein Leben und vor allem seine Einnahmen als Profi gebracht haben, aber der Rücktritt ist für ihn offenbar eine Befreiung. "Ich muss raus aus dem Tenniszirkus, es bringt mich langsam um. Ich habe die Nase voll von allem, was mit Schlägern und Bällen zu tun hat." Schade.

Stand: 06.11.2009, 08:30

 

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