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18.03.2010 | 07.24 Uhr

Tennis

Tennis in der DDR

Thomas Emmrich - der übergangene Star

17 Jahre lang war Thomas Emmrich in der DDR ungeschlagen, holte 17 nationale Meistertitel im Einzel und 31 im Doppel und Mixed. International ließ ihn der Staat aber nur im Ostblock antreten, die Weltrangliste und damit eine lukrative Karriere waren tabu. Im Interview erzählt der 56-Jährige, wie er sein Preisgeld schmuggeln musste und warum der Mauerfall für ihn trotz allem zu früh kam.

Thomas Emmrich; Rechte: imago Thomas Emmrich im Jahr 2002

sportschau.de: Herr Emmrich, wenn Sie als junger Spieler in einem freien Land gelebt hätten, wo wären Sie dann in der Weltrangliste gelandet?

Thomas Emmrich: "Das kann ich selber nicht korrekt beantworten, aber einige Trainer mit internationaler Erfahrung haben mir damals gesagt, dass ich es etwa auf Position 20 schaffen könnte. Martina Navratilova meinte sogar unter die ersten Fünf."

War Ihnen bewusst, welche Chance Sie verpassten?

Emmrich: "Ja, viele meiner Gegner aus Osteuropa zogen später in den Westen und stiegen in die Weltspitze auf. Unter anderem habe ich zweimal gegen Ivan Lendl gespielt. Als er noch jung war, habe ich gewonnen, und ein Jahr bevor er 1985 die Nummer eins der Welt wurde, habe ich 2:6, 2:6 verloren. Wojtek Fibak schlug ich einmal 6:0, 6:0, und ein Jahr später war er unter den Top 20."

DDR-Star Emmrich (li.) und BRD-Star Becker bei einem Schaukampf 2002; Rechte: dpa Lupe groß

DDR-Star Emmrich (li.) und BRD-Star Becker bei einem Schauturnier 2002

Woran lag es, dass Tennis in der DDR nicht gefördert wurde?

Emmrich: "Hauptsächlich daran, dass es nicht olympisch war. Und als der Becker-Boom in Westdeutschland begann, war Tennis erst recht verpönt. Die Funktionäre argumentierten, dass eine Sportart, in der Spieler so viel Geld verdienen, mit dem Sozialismus nicht vereinbar sei. Als es weltweit mit dem Tennis vorwärts ging, machte die DDR einige Schritte zurück. Das Sportfördersystem war für viele super, aber für genauso viele sehr schlecht."

Haben Sie um mehr Anerkennung für den Tennissport gekämpft?

Emmrich: "Ja, aber selbst mein Vater, der im Wirtschaftsministerium eine hohe Position hatte, konnte nichts ausrichten. Manche SED-Politiker haben mir Hilfe versprochen, sobald ich der Partei beitreten würde. Das habe ich aber nie getan, und das hätte auch nichts gebracht."

Haben Sie nie an Flucht gedacht?

Emmrich: "Als Jugendlicher hatte ich sogar die Chance dazu, als ich für die DDR beim Galea-Cup spielte, einer Art Davis-Cup für Junioren. Für die Spiele durften wir in westliche Länder fahren, aber weil sich jedes Mal ein Spieler absetzte, verboten die Funktionäre diese Reisen später. Ich war damals noch zu jung, um abzusehen, dass sich meine Freiheiten als Tennisspieler nicht verbessern, sondern noch verschlechtern würden. Später habe ich einige Male über eine Flucht nachgedacht, aber für meine Familie wäre das Leben in der DDR danach unerträglich geworden. Außerdem sind ja auch viele Fluchtversuche böse geendet."

Also blieben Sie und gewannen einen DDR-Titel nach dem anderen. Waren Sie ein Profi?

Emmrich: "Im DDR-Sinne schon. Offiziell war ich bei einem Großbetrieb in Magdeburg angestellt. Der Geschäftsführer war aber so sportbegeistert, dass er mir alle Freiheiten gab. Vier bis sechs Stunden täglich verbrachte ich mit Sport, hatte allerdings schon als 24-Jähriger keinen Trainer mehr. Zudem musste ich im Winter in kleinen Allzweckhallen spielen, weil es bis zur Wende keine einzige Tennishalle in der DDR gab. Das hatte allerdings auch einen Vorteil: Durch die Trainingsstunden auf dem glatten Parkettboden bekam ich gute Reaktionen und einen schnellen Arm, wovon ich heute noch profitiere."

Gab es im sozialistischen Tennissport auch Preisgelder?

Emmrich: "Wenn es im Ausland mal Prämien gab, meist umgerechnet 500 bis 1000 DDR-Mark für den Sieger, musste ich diese verheimlichen. Weil ich zudem keine ausländische Währung einführen durfte, habe ich manchmal Wildleder-Mäntel gekauft, sie versteckt in die DDR gebracht und dort mit Gewinn verkauft. Ein Mantel brachte damals rund 1500 DDR-Mark - das war das 1,5-fache eines durchschnittlichen Monatslohns."

Thomas Emmrich; Rechte: dpa Lupe groß

Emmrich: "Das Fördersystem war für viele sehr schlecht."

Wie erlebten Sie den Mauerfall?

Emmrich: "Auch wenn es sich seltsam anhört, für mich kam er zu früh. Zum einen führte ich ein tolles Leben, spielte etwa 20 Turniere im Jahr und reiste immer wieder ohne Probleme und auf Kosten des Tennisverbands in befreundete Länder. Außerdem riss 1988 mein Kreuzband. Als dann die Mauer fiel, war ich an Krücken gefesselt und hatte mit 35 Jahren meinen Leistungszenit hinter mir. Ohne die Verletzung wäre ich auf Anhieb einer der besten Spieler in Westdeutschland geworden. Stattdessen fiel ich in ein tiefes Motivationsloch. Erst später packte mich der Ehrgeiz, auch dem Westen zu beweisen, dass ich Tennis spielen kann."

Mit durchschlagendem Erfolg. Sie sind mehrfacher deutscher Meister in verschiedenen Altersklassen und die amtierende Nummer eins bei den Herren 55+. Auch bei den Europameisterschaften haben Sie Titel im Einzel, Doppel und Mixed geholt. Holen Sie heute nach, was Sie als junger Spieler verpasst haben?

Emmrich: "Das kann sein. Dass ich auch im vereinigten Deutschland Titel gewinnen konnte, macht mich stolz. Und auch wenn ich niemandem mehr etwas beweisen muss und meist nur mit Schmerztabletten spielen kann, machen mir der Sport und das Drumherum immer noch sehr viel Spaß. Außerdem helfen mir die internationalen Turniere dabei, neue Länder kennenzulernen."

Wie hat sich der Tennissport in Ostdeutschland seit der Wende entwickelt?

Emmrich: "Leider nicht so gut, wie viele gehofft hatten. Auch ich habe nach 1989 kaum noch im Osten gespielt, weil es im Westen mehr Geld und bessere Bedingungen gab. Ein gutes Beispiel ist mein ehemaliger Verein Motor Mitte Magdeburg: Zu DDR-Zeiten hatte er 450 Mitglieder - heute nur noch knapp 200."

Das Gespräch führte Volker Schulte.

Stand: 03.11.2009, 08:30

 

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