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16.03.2010 | 03.16 Uhr

Nachrichten

Paul Biedermann ist Weltmeister - auch im Bluffen

"Niemals dran geglaubt"

Von Christian Hornung

Am Montagmorgen (27.07.09) überschlugen sich die italienischen Zeitungen mit Lobeshymnen für "Biedermann, den neuen Phelps" und feierten den "deutschen Helden". Wer den Weltmeister über 400 Meter Freistil googelte, fand Biedermann tatsächlich mal vor Jeanette und vor den Brandstiftern.

Paul Biedermann in Siegerpose; Rechte: dpa Lupe groß

"Wahnsinns-Gefühl", Teil 1: Paul Biedermann in Siegerpose.

Dass er etwas Besonderes vorhatte, war schon vor dem Start zu sehen. Als der Stadionsprecher den Athleten auf Bahn 4 mit "Pohl Biedermän" vorstellte, verzog der keine Miene. Er winkte nicht wie die anderen sieben, er saß einfach nur ruhig da und blickte geradeaus. Total konzentriert, total fokussiert. Aber worauf? Auf Gold natürlich nicht, das hatte er auch nach dem morgendlichen Vorlauf mehrfach betont. Da war er auch schon der Schnellste gewesen, schwamm Europarekord, obwohl der Hallenser diese Strecke angeblich nur "zum Warmschwimmen für die 200" in Angriff genommen hatte. Angeblich. Das Finale wollte er natürlich ernst nehmen. "Aber", so sagte er: "Da werden schon ein paar andere schneller sein."

Letzter beim Start

Ein Blick auf die aktuelle Weltrangliste reichte, um schon die Vorlaufzeit etwas realistischer einzuordnen. Nur der Chinese Lin Zhang tauchte da knapp vor Biedermanns 3:43,01 Minuten auf. Und Michael Phelps war auch nicht am Start. Biedermann wollte nur keinen Stress haben, die Sache ganz locker angehen, ohne zu überdrehen. Das zeigte sich schon beim Startsprung. Als Letzter verließ er den Block, und bis vor die allerletzte Wende lag er nicht ein einziges Mal in Führung. Doch sein Endspurt war grandios. Über eine Sekunde nahm er auf der Schlussbahn dem bis dahin führenden Tunesier Oussama Mellouli ab. "Ich wollte eigentlich schneller angehen. Aber dafür bin ich dann am Ende schneller geworden", erklärte er. "Das hat gepasst." Wann er wirklich geglaubt hatte, die Sache im Griff zu haben, erklärte er sport.ARD.de: "Wirklich erst auf den letzten 20 Metern. Da wusste ich, den Mellouli pack ich noch."

"Ian ist ein Idol"

Paul Biedermann; Rechte: dpa Lupe groß

"Wahnsinns-Gefühl", Teil 2: Paul Biedermann mit Goldmedaille.

Biedermann mit verschmitztem Lächeln: "Aber auch da habe noch nicht geglaubt, dass das zu Gold reichen würde." Natürlich nicht. Erst als er sich nach dem Anschlag umdrehte, sich auf die Wellenkiller-Leine setzte und mit zwei Daumen auf sich zeigte, habe er es begriffen: "Einfach nur ein Wahnsinns-Gefühl", schilderte er den Moment. "Unfassbar. Ich liebe diese großen Wettkämpfe." Mit allem, was dazu gehört. Auch der anschließenden internationalen Medienrunde. Dem chinesischen Fernsehen übermittelte er höflich seinen Respekt vor Zhang, der am Ende Dritter wurde. Und den australischen Kollegen versicherte er größte Achtung vor Ian Thorpe, dem er kurz vorher den Weltrekord entrissen hatte: "Ian ist ein Idol. Ich bin stolz, dass ich seine Bestmarke gebrochen habe."

"Ich bin absolut sauber"

Dass er sich kurzer Zeit so überdimensonal verbessert hat, ruft natürlich unweigerlich Doping-Verdächtigungen hervor. Doch Biedermann versichert: "Ich bin absolut sauber. Ich bin allein in diesem Jahr mehr als 20-mal kontrolliert worden." Er könne aber verstehen, dass diese Diskussionen aufkämen, sagte Biedermann nach seinem persönlichen Quantensprung. Der 23-Jährige hat sich seit seiner Bestmarke von den Deutschen Meisterschaften im Juni dieses Jahres in Berlin um unglaubliche 6,6 Sekunden gesteigert.

Erstmal ins Finale

Ob er sich nun schon auf das Duell mit Michael Phelps auf den 200 Metern Freistil freue, wurde Biedermann am Ende auch noch gefragt. Reflexartig, aber wieder mit diesem verschmitzten Lächeln im Gesicht, antwortete der Weltmeister: "Mein Ziel bleibt ein Platz unter den besten fünf. Aber vorher geht es erstmal darum, ins Finale einzuziehen." Hört sich ganz danach an, als peile der Deutsche mit seiner ganz eigenen Art auf direktem Weg die zweite Goldmedaille an.

Stand: 27.07.2009, 11:09

 

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