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23.02.2012 | 02.59 Uhr

Radsport

Depressionen zwingen Radprofi zur Aufgabe

David Kopp - dem Druck nicht standgehalten

Von Olaf Jansen

Nicht erst seit dem Tod von Robert Enke ist bekannt: Depressionen sind bei Leistungssportlern durchaus weit verbreitet. Jetzt stieg Radsprofi David Kopp vom Rad. Er konnte einfach nicht mehr.

David Kopp; Rechte: dpa Nichts geht mehr - David Kopp

Es war in der letzten Aprilwoche – da konnte David Kopp nicht mehr. "Ich saß beim Training auf dem Rad und jeder Kilometer war eine Qual für mich", erinnert sich der ehemalige Radprofi. Ehemalig – diese Formulierung ist dem 32-Jährigen wichtig. "Ich habe abgeschlossen mit dem Leben als Radprofi. Ich werde nie mehr Radrennen fahren", sagt Kopp, der viele Jahre lang zu den besten deutschen Profis zählte. Doch das war einmal – Kopp kann nicht mehr. "Burn-out-Syndrom sagen manche dazu, ich sage es, wie ich es empfinde: Ich habe Depressionen. Es ist eine Krankheit. Und ich glaube, dass ich schneller wieder geheilt bin, wenn ich nicht mehr zurück auf’s Rad steige."

Depressionen bei Leistungssportlern – seit dem Tod von Robert Enke im November 2009 ist dieses Phänomen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Und es wird immer deutlicher: Die Erkrankungen Enkes oder nun Kopps sind offenbar keine Einzelfälle. "So wie andere Berufe, die stark in der Öffentlichkeit stehen, sind auch Profisportler von der Gefahr eines ‚Burn-out-Syndroms’ oder einer Depression betroffen", sagt Prof. Dr. Jens Kleinert, Sportpsychologe an der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Profisportler sind extremem körperlichem und psychischem Leistungsdruck ausgesetzt. Sie können nicht einfach aufhören, wenn's ihnen keinen Spaß mehr macht, weil sie damit ihre Existenzgrundlage zerstören. Also sind sie in ihren Augen gezwungen, weiterzumachen. Das fördert Burn-out-Prozesse", sagt Kleinert.

Radsport als Existenzfrage

David Kopp spürte diesen Druck, den er sich mit seinem Sport machte, seit langem: "Für mich ging es seit vielen Jahren immer darum, irgendwie einen neuen Vertrag bei einem Profiteam zu ergattern. Radsport war für mich immer auch eine Existenzfrage. Zumindest habe ich es so wahrgenommen", beschreibt der Meckenheimer. Eine Existenz, die auch an der zunehmenden Dopingproblematik des Radsports zu zerschellen drohte: "Auf einen Platz in einem Profiteam kommen heute zehn Fahrer. Da kann sich jeder seine Chancen ausrechnen", beschreibt Kopp das Dilemma. Um die Chancen zu verbessern, greifen einige zu verbotenen Mitteln. Kopp hatte keinen klassischen Dopingfall, wurde 2008 aber wegen eines positiven Kokaintests für zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen. Wenngleich Depressionen oder Burn-out-Syndrome keinesfalls als Folgen von Dopingmißbrauch zu sehen sind, wie Jens Kleinert betont: "Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Allerdings - und dann gibt doch wieder einen Zusammenhang - je höher eine Sportart professionalisiert und je höher der Leistungsdruck für die Athleten ist - desto höher ist auch die Bereitschaft bei den Athleten, zu unerlaubten Mitteln zu greifen."

Schon 2009 ergab eine Studie Tübinger Sportwissenschaftler: Jeder zweite Leistungssportler fühlt sich gelegentlich ausgebrannt oder leidet unter depressiven Phasen. Für Jens Kleinert sind Radsportler ganz besonders gefährdet: "Radsportler stehen ähnlich wie Tennisspieler oder Golfer unter besonderem Druck. Das sind alles Sportarten, die hochprofessionalisiert sind, wo außergewöhnliche mentale und körperliche Fähigkeiten vonnöten sind. Und weil Profiradteams höchstens Zweckgemeinschaften sind, fällt das Teamdenken weitgehend weg. Man macht vieles mit sich allein aus."

Mit Stress allein gelassen

Stress – mit dem man ganz allein klarkommen muss. Schwierig, vor allem, wenn nicht alles rund läuft. In Kopps Karriere ging’s eben auch nicht immer nach oben: Ende der 90er als Riesen-Talent in Nachwuchsteam des Team Telekom gestartet, bekam er einen Vertrag bei den Profis, musste nach zwei eher enttäuschenden Jahren aber gehen. Nach drei Jahren in der Zweit- und Drittklassigkeit bekam er 2006 noch einmal eine Chance beim Team Gerolsteiner, bekam aber auch dort trotz sportlich guter Resultate keinen Anschlussvertrag.

Also wieder runter in die Niederungen des Profisports. Zuletzt fuhr Kopp für das drittklassige Team Eddy Merckx Indeland. Mit mäßigem Erfolg, mit mäßigem Verdienst. Wie ausgebrannt er am Ende war, spürte der Tour-de-France-Teilnehmer von 2006 Ostermontag diesen Jahres bei "Rund um Köln": "Ich hatte mich total auf dieses Rennen fixiert, es ist ja sozusagen mein Heimrennen. Ich wollte es um alles in der Welt gewinnen. Am Ende wurde ich Vierter – eigentlich ein Super-Resultat. Aber ich habe mich im Ziel niedergeschlagen gefühlt, wie noch nie zuvor", erinnert er sich an die Tage, die sein Leben verändern sollte.

Jede Minute auf dem Rad eine Qual

Denn es war nicht einfach so eine Niederlage, die man abhakt – es blieb etwas hängen. "Ich bin dann wieder zum Training gefahren, eine Woche später war ja der Henninger Turm. Aber ich wurde dieses miese Gefühl nicht mehr los. Jede Minute auf dem Rad war eine Qual für mich." Kopp hielt sich noch zwei Wochen so gerade eben über Wasser, dann ging nichts mehr: "Ich kam nicht mehr aus dem Bett. Zum Glück hat mich meine damalige Freundin dann im Gedanken unterstützt, in die Klinik zu gehen."

Vier Wochen wurde der Radprofi in der Uniklinik Köln stationär behandelt, bekam Antidepressiva, Therapien. Jetzt wohnt Kopp bei seinem Onkel in seiner Heimatstadt Meckenheim – übergangsweise. "Ich muss erst einmal gesund werden. Danach kann ich mich so langsam um eine neue berufliche Existenz kümmern", sagt er. Eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann habe er, sagt er, vielleicht würde auch ein Job im Umfeld eines Radteams gut zu ihm passen. Um aber auch eine Art Schlusspunkt auch auf dem Rad setzen zu können, wird Kopp aber noch einmal starten. Beim Charity Bike Cup in Stuttgart am 2./3. Oktober, einem Benefiz-Rennen mit vielen Prominenten. "Dort gehen die Einnahmen an einen guten Zweck. Das finde ich für mich einen gelungen Abschluss", findet Kopp.

Stand: 17.08.2011, 08:30

 

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