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21.11.2009 | 03.18 Uhr

Sportphilosoph Gunter Gebauer im Interview

"Ausverkauf der olympischen Idee"

Gunter Gebauer ist Professor für Philosophie und Soziologie des Sports an der Freien Universität Berlin. Mit sport.ARD.de sprach er über die Vergabe der Olympischen Spiele, die Motive des IOC und die Kommerzialisierung von Olympia.

sport.ARD.de: Herr Gebauer, wie haben Sie die Vergabe der Olympischen Spiele aufgenommen?

Gebauer: "Ich war von Anfang an sehr skeptisch. Ich fand die Motive für die Vergabe unklar - beziehungsweise dort, wo man sie erkennen konnte, eher zweifelhafter Natur. Und ich muss sagen, dass mich von Anfang an so etwas wie Sorge ergriffen hat, ob die olympischen Gedanken aus so einem Massenereignis in China einigermaßen glücklich herauskommen."

Wie meinen Sie das?

Gebauer: "Ich denke, das IOC ist begeistert von der Möglichkeit, ein Land wie China für den westlichen Sport zu öffnen. China ist für das IOC ein idealer Partner. Einmal wegen der ungeheuren Größe und der Menschenmenge, die in diesem Land anzutreffen ist. Und zum Zweiten, weil es ein Land ist, das sich mit einem unglaublichen Tempo modernisiert. Das ist etwas, was westliche Wirtschaftsleute als Partner des IOC besonders interessiert. Verlässlichkeit, Schnelligkeit, Rücksichtslosigkeit, Niederwalzen von Traditionen und Aufbau von Neuem."

Was waren Ihrer Meinung nach die Motive des Internationalen Olympischen Komitees, die Spiele an Peking zu vergeben?

Gebauer: "Ich glaube das sind Motive, die man beim IOC schon in der Vergangenheit beobachten konnte. Nämlich die Spiele in Regionen zu vergeben, die sich wirtschaftlich gerade besonders stark entwickeln. Das heißt, die wirtschaftliche Dynamik, die in einer Region zu beobachten ist, zu verwenden, um Spiele zu organisieren, die wirtschaftlich sehr lukrativ sind."

Olympisches Feuer; Rechte: dpa

Olympisches Feuer

1,74 Milliarden Dollar hat das IOC an Fernsehrechten weltweit für Peking eingenommen. 866 Millionen Dollar durch ihr Top-Sponsoringprogramm von zwölf exklusiven Partner-Unternehmen. Mehr als jemals zuvor.

Gebauer: "Das IOC hat die Beziehung zu seinem ursprünglichen Produkt völlig verloren. Ich glaube, wenn man die IOC-Mitglieder fragen würde, was eigentlich Olympische Spiele sind, welche Geschichte sie haben, welcher Gedanke ihnen zu Grunde liegt - dann würde man wahrscheinlich erschreckende Antworten bekommen."

Das IOC hat immer wieder darauf verwiesen, die Spiele könnten auch zur politischen Öffnung Chinas beitragen?

Gebauer: "Da übernimmt sich das IOC gewaltig. Ich halte das für Rhetorik. Was auch immer an Vorverhandlungen zwischen dem IOC und China stattgefunden hat, hat entweder keine Geltung mehr oder es hat eben vorher keine ernsthaften Verhandlungen über Menschenrechte gegeben. Ich nehme an, das IOC wird froh sein, wenn es die Spiele in Peking nur irgendwie heil über die Bühne bringt, ohne dass neben den Diskussionen um Tibet und den Fackellauf etwas besonderes passiert. Und dass irgendwie in Erinnerung bleibt, dass es gewaltige Spiele waren. Was die Zuschauer angeht und das Geld in den Kassen der Beteiligten."

Ist die Kommerzialisierung der Olympischen Spiele noch zu stoppen?

Gebauer: "Ich würde sogar von einem Ausverkauf der olympischen Idee sprechen. Aber dann muss man auch sehen, dass dieser Ausverkauf schon vor langer Zeit begonnen hat. Und dass die olympische Idee zur Unkenntlichkeit verkommen ist. Es ist einfach so, dass die Idee inzwischen darin besteht, dass man riesenhafte Spiele mit einer ungeheuren Medienpräsenz und einem großen Widerhall organisiert. Und wenn dann auch noch Weltrekorde dabei rauskommen, dass man das für die olympische Idee hält."

Welche Lehre sollte man aus dieser Entwicklung ziehen?

Gebauer: "Man könnte sich überlegen, ob man vielleicht reflektiert, was das IOC in Zukunft überhaupt will. Ob sie nur als Geschäftspartner auftreten wollen, ob sie in erster Linie wirtschaftliche Großmacht sein wollen oder ob sie auch ihren Auftrag umsetzen wollen. Sie haben schließlich etwas zu verwalten wie das Erbe Coubertins. Das würde ich nicht auf die leichte Schulter nehmen."

Das Gespräch führte Florian Bauer.

INFO: Die verkauften Spiele Wie viel der Olympische Geist wirklich wert ist heute Abend (MONTAG, 26.5.), 22.45 Uhr, in der Sendung sport inside im WDR Fernsehen

Stand: 26.05.2008, 09:00

 

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