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09.02.2010 | 16.32 Uhr

Allgemein

32 Spiele in Deutschland offenbar verschoben

"Größter Betrugsfall der Fußballgeschichte"

Vom neuen Wettskandal im europäischen Fußball ist wohl auch Deutschland betroffen.

Geld in Fußballschuhen; Rechte: imago Offenbar neuer Wettskandal im Fußball

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bochum besteht konkreter Verdacht, dass vier Spiele der Zweiten Bundesliga, drei Spiele der 3. Liga, 18 Partien der Regionalligen, fünf Spiele der Oberligen sowie zwei U19-Begegnungen manipuliert wurden.

Insgesamt sollen etwa 200 Spiele in neun Ländern betroffen sein. Neben Deutschland sind dies Belgien, die Schweiz, Kroatien, Slowenien, die Türkei, Ungarn, Bosnien-Herzegowina und Österreich. Hinzu kommen mindestens drei Champions-League- und zwölf Europa-League-Spiele sowie ein Qualifikationsspiel zur U21-EM. Alle betroffenen Spiele stammen aus dem Jahr 2009. Da auch Spiele aus der Europapokalsaison 2009/2010 betroffen sind, sind Konsequenzen für den laufenden Spielbetrieb möglich.

"Größter Betrugsskandal im europäischen Fußball"

"Das ist zweifellos der größte Betrugsskandal, den es im europäischen Fußball jemals gegeben hat", sagte Peter Limacher, Leiter der Disziplinarabteilung bei der Europäischen Fußball-Union (UEFA) am Freitag (20.11.09). Limacher zeigte sich zufrieden mit den Resultaten der seit neun Monaten laufenden Ermittlungen. "Andererseits sind wir aber auch zutiefst betroffen vom Ausmaß abgesprochener Spielmanipulationen internationaler Banden", erklärte Limacher.

Die Tätergruppe mit insgesamt über 200 Verdächtigen soll seit Beginn des Jahres Sportler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle bestochen und Wettgewinne in Höhe von mehreren Millionen Euro bei europäischen und asiatischen Wettanbietern erzielt haben.

15 Verdächtige festgenommen

Chefermittler Andreas Bachmann; Rechte: ap Lupe groß

Chefermittler Bachmann: "Spitze des Eisbergs"

15 Verdächtige wurden in Deutschland verhaftet, darunter auch Ante Sapina. Sapina sei am Donnerstag in Berlin festgenommen worden, erklärte Rechtsanwalt Stefan Conen. Der 33-jährige Sapina war als mutmaßlicher Drahtzieher des Manipulationsskandals um Schiedsrichter Hoyzer 2005 vom Landgericht Berlin zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden.

Im Zuge der Ermittlungen ist mittlerweile auch erstmals die Verhaftung eines Spielers bekannt geworden. Wie der Landesligist Würzburger Kickers auf seiner Internetseite mitteilte, habe die Staatsanwaltschaft Bochum einen Spieler des Vereins in Untersuchungshaft genommen. Wie der Verein weiter bekannt gab, war der Spieler bereits in einen früheren Wettskandal verwickelt. Der Akteur habe auf Bitten eines asiatischen Wettbetrügers einen anderen Spieler gebeten, bewusst schlecht zu spielen. Der Spieler war daraufhin zu einer Geldstrafe von 8.400 Euro verurteilt worden.

"Nur die Spitze des Eisbergs"

Mehr als 50 Durchsuchungsbeschlüsse in sechs deutschen Bundesländern sowie der Schweiz, Österreich und Großbritannien wurden vollzogen. Zwei weitere Festnahmen erfolgten in der Schweiz. Es wurden Bargeld und Vermögenswerte in Höhe von mehr als einer Million Euro gesichert. Insgesamt wurden Wettgewinne in Höhe von zehn Millionen Euro ausgezahlt. "Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs", sagte Andreas Bachmann, der Leiter der Ermittlungen.

Laut Staatsanwaltschaft ist davon auszugehen, dass sich sowohl die Zahl der Tatverdächtigen als auch die Anzahl der betroffenen Spiele durch weitere Ermittlungen erhöhen wird. Aus ermittlungstaktischen Gründen werden zur Identität der beteiligten Personen sowie der betroffenen Mannschaften derzeit keine Auskünfte erteilt. In Deutschland lagen die Schwerpunkte der Festnahmen in Berlin, Nürnberg und im Ruhrgebiet.

Deutsche Funktionäre nicht informiert

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) waren bis zur Pressekonferenz offensichtlich nicht informiert worden. "Wir haben lange überlegt, ob wir mit dem DFB Kontakt aufnehmen. Da die Tätergruppe aber europaweit agiert, war es am Effektivsten, mit der UEFA zusammenzuarbeiten", sagte Bachmann. DFB und Ligaverband haben den Ermittlungsbehörden bei der lückenlosen Aufklärung ihre "uneingeschränkte Unterstützung" zugesichert.

Die UEFA hatte erst in den vergangenen Monaten den Kampf gegen Manipulationen von Sportwetten forciert und seine Überwachungen ausgeweitet. "Es ist einfach nicht hinnehmbar, dass manche Vereine, die nicht darauf hoffen können, ganz oben mitzuspielen, versuchen, aus ihrer Teilnahme an den europäischen Wettbewerben mittels illegaler Wetten und Spielabsprachen Profit zu schlagen", sagte UEFA-Präsident Michel Platini.

Frühwarnsystem versagte

Zu Beginn dieses Jahres hatte die UEFA das Frühwarnsystem gegen Wettbetrug (BFDS) eingeführt. Die UEFA hatte zuletzt 40 Spiele auf mögliche Manipulationen untersucht und Sportgerichtsverfahren eingeleitet. Dabei handelte es sich ebenfalls um Begegnungen der Champions League sowie des damaligen UEFA-Pokals.

Zudem bewirkte Platini, dass seit dieser Saison europaweit auch die Begegnungen der beiden höchsten Ligen sowie die Pokalspiele beobacht werden. Zudem wurde eine Datenbank aufgebaut, die Spiel- und Wettdaten mit dem Ziel verknüpft, Profile für Spieler, Trainer und Klubs zu erstellen. "Die Frühwarnsysteme können nicht jeder Form von Wettbetrug aufdecken", musste UEFA-Experte Limacher jetzt aber einräumen.

sid/dpa | Stand: 20.11.2009, 14:45

Kommentare 1 bis 5 von 133

  • Gerhard Dieter schrieb am 28.11.2009 14.28 Uhr: Nachdem 1971 beim ersten Skandal es nur um ein Taschengeld für einige Bundesligaspieler ging, sind es heute zum Teil 3 Ligaspieler die sich noch ein zubrot verdienen wollen. Jeder der sich an Sportwetten beteiligt sollte dran denken, er setzt aufs falsche Pferd, den nichst ist unmöglich.

  • Ignorant schrieb am 25.11.2009 05.04 Uhr: Ich bin kein Fußballfan. Das interessiert mich nicht. Das Wetten mag durch Betrug unfair sein. Durch das Schmiergeld wird aber alles unvorhersehbarer und unkalkulierbarer und dadurch spannender. Auch Nicht-Experten haben eine Chance, das Ergebnis zu erraten. Ist doch ein Spiel! Dann sind die Fragen: Wer kauft die beste Mannschaft, den besten Trainer, die besten Spieler, das beste Doping, hat den effektivsten Schmiergeldeinsatz und die naivsten Fans?

  • letzterfan schrieb am 22.11.2009 18.09 Uhr: Solange es in irgendeinem System möglich ist Mitmenschen zu betrügen, wird dies getan.Es werden sogar Tiere manipuliert.Es liegt nur an uns dieses zu ändern.Wie? Totaler Boykott aller Sportveranstaltungen auch in den Medien.Dann diese Träumer wie Rauball oder Zwanziger u.A. dringend in Rente schicken und knallharte Aufklärer,die nicht von dem jeweiligen System abhängig sind, an ihre Stelle installieren.Oder alles machbare freigeben.So wird vielleicht eine Selbstreigungs einsetzen und das Ganze fängt wieder bei 0 an.

  • Kanzler schrieb am 22.11.2009 14.45 Uhr: @Robby Jr. Wenn es nur ums Geld gehen würde... Menschen wie Sie halten alle Zustände wie "gottgegeben". Menschen wie Sie haben Diktaturen ermöglicht, weil Sie einfach mitgemacht haben. Je größer die Anzahl der Opportunisten um so größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich solche Zustände als systemimmanent etablieren. Beleidigen Sie nicht die Leute, welche für viel Leistung, vmtl. zu wenig Lohn erhalten.

  • Robby Jr. schrieb am 22.11.2009 13.25 Uhr: Ich finde das alles okay. Es ist systemimmanent, Teil unseres Wirtschaftssystems. Wir ziehen doch alle ab; je mehr Gehalt desto größer der Beschiss... Dran sind immer die Kleinen; das ist auch gut so, denn dadurch bleibt es wie es ist, ein Land, in dem man wunderbar abzocken kann. Ich tue das, ihr tut es, na und. Erwischen darf man sich nicht lassen. Die Leute, die Spiele manipulieren, sind schlau, kreativ und gut. Also lasst sie, ihr Neider!

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