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10.03.2010 | 12.57 Uhr

Allgemein

Interview mit DDR-Nationalspieler Heiko Scholz

"West-Scouts statt Stasi-Mitarbeiter"

Sechs Tage nach dem Mauerfall musste die Fußball-Nationalelf der DDR in Österreich zum letzten Qualifikationsspiel für die Weltmeisterschaft 1990 antreten. Rund ums Spiel lauerten bereits die Spielervermittler und Beobachter aus der Bundesliga. Das Wettrennen um die Oststars hatte begonnen. Im Interview mit sportschau.de erinnert sich Ex-Nationalspieler Heiko Scholz.

Herr Scholz – der 9. November 1989 hat das Leben der meisten DDR-Bürger auf einen Schlag verändert. Galt das auch für Fußball-Nationalspieler?

Heiko Scholz: "Wir Nationalspieler wurden an jenem 9. November in der Sportschule Abtnaundorf bei Leipzig zusammengezogen, um uns auf das WM-Qualifikationsspiel eine Woche später in Wien gegen Österreich vorzubereiten. Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag, weil ich mir morgens noch einen neuen Wartburg gekauft hatte und mit dem dann die paar Kilometer von meinem Wohnort Leipzig zur Sportschule gefahren bin. Wir haben tagsüber normal trainiert und abends natürlich stundenlang vor dem Fernseher gehockt. Wir konnten das mit der Grenzöffnung natürlich kaum glauben."

Warum? Die Lockerungen hatten sich doch schon Tage und Wochen zuvor angekündigt.

Scholz: "Ich lebte in Leipzig und habe die Entwicklungen bei den Demonstrationen an der Nikolaikirche zwar hautnah mitbekommen. Wie es zuerst 10.000, dann 20.000, später 100.000 Teilnehmer waren. Auch wir Fußballer waren trotz eines Verbots dabei. Aber dass die Grenze geöffnet werden würde, war trotzdem unglaublich. Es ging ja erst einmal nur um das Thema Reisefreiheit. Und für mich bestand das Symbol der Wende sowieso die ganze Zeit darin, dass bei den Leipziger Montagsdemonstrationen nicht geschossen wurde. Das war für mich der Beweis dafür, dass sich etwas Entscheidendes geändert hatte."

Sammer/Scholz; Rechte: dpa Lupe groß

Mit Matthias Sammer in Nationaltrikot der DDR

Hatten Sie im Vorfeld je mit Fluchtgedanken gespielt? Als international eingesetzter Fußballer hätten sie die Möglichkeit dazu gehabt.

Scholz: "Für mich war Flucht nie ein Thema. Ich hatte – wie so viele andere Sportler in der DDR – früh Familie. Hatte mit 17 meine Freundin, mit 20 bekamen wir das erste Kind. Die Familie hätte ich nie im Stich gelassen. Diese frühe familiäre Bindung war ja auch Masche des Systems – man bekam damit einige Vergünstigungen wie Kredite, eine Wohnung, ein Auto."

Aber westlicher Fußball war auch für Sie reizvoll?

Scholz: "Na klar, wir haben natürlich samstags vor dem Fernseher gesessen und nach unserer Sendung "sport aktuell" ab 18.00 Uhr die "Sportschau" geguckt. Ich will nicht sagen, dass im Westen unbedingt der bessere Fußball gespielt wurde. Aber er wurde attraktiver verkauft. Die Berichterstattung, das Zuschauerpotenzial, das ganze Drumherum. Das war eine andere Welt. An der wir natürlich gern beteiligt gewesen wären."

Es kam der Mauerfall, sie waren genau vom 9. November an sechs Tage lang im Trainingslager. Konnte sich das Team überhaupt auf Fußball konzentrieren?

Scholz: "Eigentlich ist es ja aus heutiger Sicht verwunderlich, dass wir uns damals in der Situation überhaupt auf so ein wichtiges Spiel vorbereiten konnten. Die Ereignisse rund um den Mauerfall überstrahlten ja schließlich alle anderen Geschehnisse. Es war wohl nur möglich, weil wir als Kaderathleten im damaligen System gelernt hatten, uns ausschließlich auf Fußball zu konzentrieren und keine kritischen Fragen zu stellen. Man muss auch sagen, dass den meisten von uns mit ihren 24 oder 25 Jahren ganz einfach der Horizont fehlte, um die Geschehnisse alle richtig einzuordnen. Wir haben den Mauerfall und die Folgen daher natürlich immer nach dem Training im TV angeschaut, uns aber noch nicht wirklich Gedanken um unsere Zukunft gemacht. Wir waren tatsächlich auf das Qualifikationsspiel fixiert."

Haben Sie in den Tagen nicht dauernd am Telefon gehangen, um die neue Lebenssituation mit ihren Familien zu besprechen?

Scholz: "Klar haben wir telefoniert. Aber es wurde nicht besprochen 'Jetzt gehen wir in den Westen' oder so etwas. Ich weiß nicht, wie ich es Außenstehenden erklären soll, aber selbst am Telefon war unser bevorstehendes Quali-Spiel wichtigeres Thema als der Mauerfall."

Wie sind Trainer und Funktionäre mit der seltsamen Situation umgegangen?

Scholz: "Es muss für die Trainer schwer gewesen sein. Denen war schließlich viel stärker bewusst als uns Spielern, dass unser Team vielleicht gerade seine endgültige Abschiedsvorstellung gibt. Sie haben uns zwar nicht verboten, über die neue politische Situation zu sprechen, aber selbst haben sie das Thema völlig außen vor gehalten. Die haben nur über das Fußballspiel mit uns gesprochen."

Es geht das Gerücht, westliche Spielervermittler hätten das Team tagelang im Hotel belagert, um Kontakte zu den Spielern herzustellen ...

Scholz: "Ja, tatsächlich waren wir im Teamhotel von unbekannten Gesichtern umzingelt. Das war für uns zwar nichts Ungewöhnliches, wir waren meist an anonyme Stasi-Beobachter gewöhnt. Aber diese ganzen Spielerbeobachter, Scouts - da waren viele windige Typen darunter. Kerle, die sich stundenlang in den Sofas im Foyer herumgedrückt und auf die Spieler gewartet haben. Mich haben sie nicht so angesprochen, ich war damals kein schillernder Star. Aber meinen Kumpels wie Andy Thom und Ulf Kirsten sind die mit ihrer Anmache schon mächtig auf die Nerven gegangen. Wir haben versucht, uns nicht so viel zu zeigen. Aber auf dem Weg zum Training, bei der Rückkehr ins Hotel - ständig haben sie die Jungs angequatscht. Auch wenn die Spieler die Gespräche abgelehnt haben, hat das natürlich die Konzentration gestört."

Das Qualifikationsspiel wurde dann ja auch 0:3 verloren.

Scholz: "An das Spiel kann ich mich heute gar nicht mehr richtig erinnern. Ich weiß nur noch, dass ziemlich früh alles gegen uns entschieden war. Unsere Leistungsträger konnten damals nicht alles abrufen, im Grunde haben wir die Partie hergeschenkt."

Gleich nach dem Mauerfall wurden viele der DDR-Nationalspieler zu Westklubs transferiert. Sie landeten bei Dynamo Dresden. Warum das?

Scholz: "Ich war ganz einfach als Dresdner Junge auf Dynamo fixiert. Hatte meine ganze Jugendzeit dort verbracht, wurde dann mit 16 nach vier Jahren Sportschule als 'nicht gut genug' weggeschickt. Danach habe ich mich mühsam als Querseinsteiger über Leipzig zum Nationalspieler hochgearbeitet. Und als Dynamo dann kam, mich unbedingt wieder verpflichten wollte und eine Million Mark Ablöse dafür an Leipzig bot - da war ich doch sehr geschmeichelt. Ich hatte damals auch nur ein West-Angebot aus Karlsruhe vorliegen. Also habe ich mir das Ziel gesetzt, die Bundesliga mit einem Ost-Klub zu erreichen. Was ja dann auch geklappt hat."

Das Gespräch führte Olaf Jansen.

Das WDR-Magazin "Sport Inside" bringt ab 22.45 Uhr einen Beitrag zum WM-Qualifikationsspiel der DDR in Österreich im November 1989.

Stand: 09.11.2009, 08:00

 

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