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15.03.2010 | 01.16 Uhr

Allgemein

Viele geflüchtete DDR-Sportler wurden nicht glücklich

Die Welt-Karriere blieb ein Traum

Von Olaf Jansen

Fußballer Frank Lippmann kehrte im März 1986 nach dem 3:7-Europacup-Debakel seines Klubs Dynamo Dresden in Uerdingen nicht in den Osten zurück. Doch aus der erhofften Welt-Karriere wurde für den kleinen Dribbler nichts. Ein Schicksal, das Lippmann mit vielen DDR-Flüchtlingen teilt.

Frank Lippmann 1990; Rechte: dpa Frank Lippmann (re.) im Trikot des 1. FC Nürnberg 1990

An den 9. November 1989 kann sich Frank Lippmann nur noch nebulös erinnern. Zu sehr stürzten den einstigen Top-Angreifer Dynamo Dresdens seinerzeit die Ereignisse rund um den Mauerfall emotional in Verwirrung. "Ich war beim Training bei meinem damaligen Klub Vorwärts Steyr in Österreich und hörte dann von dieser für mich unglaublichen Nachricht. Was danach kam, weiß ich gar nicht genau. Ich erinnere mich nur, dass ich dann wohl stundenlang vor dem Fernseher gesessen und mir das ganze Geschehen aus der sicheren Entfernung angeschaut habe", so der heute 48-jährige Ex-Profi.

Dass die Mauer einmal fallen würde, war für "Lippe", wie Lippmann in Fußballerkreisen stets gerufen wurde, unvorstellbar. "Es gab ja vorher von politischer Seite keinerlei Anzeichen für eine solche Entwicklung, von daher war das Ganze für mich überhaupt nicht nachvollziehbar", erinnert sich der Fußballer, dessen Leben vielleicht ganz anders verlaufen wäre, hätte er die Möglichkeit der Grenzöffnung auch nur erahnt. Lippmann war einer derjenigen Sportler, die aus der DDR in den Westen flüchteten. Besser gesagt: Von einer Westreise nicht in den Osten zurückkehrten. Der damals 24-jährige Außenstürmer aus Dresden verließ im März 1986 das Mannschaftshotel seines Klubs, nachdem dieser gerade das historische 3:7-Europacup-Debakel bei Bayer Uerdingen erlitten hatte.

Schwere Knieverletzung nach der Flucht

"Für mich begann damals keine einfache Zeit", erinnert sich Lippmann heute. Den FIFA-Regeln entsprechend wurde er zunächst ein Jahr gesperrt, bevor er im Westen Fußball spielen durfte. Er begann seine "West-Karriere" beim 1. FC Nürnberg, ging anschließend zum SV Waldhof Mannheim. Aus der erhofften Welt-Karriere wurde nichts. "Ich erlitt gleich in meiner Anfangszeit in Nürnberg eine schwere Knieverletzung, von der ich mich im Grunde nie wieder so recht erholt habe", so Lippmann. Der wendige, technisch starke Dribbler ging nach Österreich – und hatte nicht nur mit seiner sportlichen Misere zu kämpfen. "Für mich aus dem Osten war es nicht einfach, mit der kalten zwischenmenschlichen Atmosphäre im Westen klar zu kommen. Von meinem früheren Leben her war ich gewohnt, dass die Menschen alle gleich waren und absolut loyal miteinander umgingen. Im Westen musste ich lernen, mich gegen andere durchzusetzen. Damit hatte ich anfangs so meine Schwierigkeiten."

Freundin war "nachgeflüchtet"

Zumindest war Lippmann auf dem Weg nach Österreich nicht mehr so ganz allein. Inzwischen war seine Freundin aus Dresden mit der gemeinsamen Tochter "nachgeflüchtet" und generell sah er sich damals noch als Begünstigter: "Mir als Profifußballer wurde von Vereinsseite natürlich bei vielen Dingen unter die Arme gegriffen, und ich verdiente auch ganz gut. Ganz anders ging es doch jenen Flüchtlingen, die ganz allein zurechtkommen mussten. Von denen schlugen im Westen viele doch ganz hart auf", so Lippmann.

Lippmann bekam letztlich die Kurve, kehrte schon ein Jahr nach der Wende gemeinsam mit seiner Partnerin, die er zwischenzeitlich während seiner letzten Karrierestation in der Schweiz geheiratet hatte, nach Dresden zurück. "Uns war klar, dass meine besten beruflichen Perspektiven im Osten liegen würden. Ich wollte ja im Fußballgeschäft bleiben, und im Osten hatte ich einfach einen höheren Bekanntheitsgrad", so Lippmann, der heute als Fußballtrainer an einer Schule in Bischofswerda unterrichtet und nebenbei als Trainer eines kleinen Amateurklubs arbeitet. Wenngleich er mit dem Fußball im Westen nicht die erhofften Reichtümer ansammeln konnte, wirkt Lippmann doch in sich ruhend und zufrieden.

"Es ist alles gesagt"

Ganz anders als andere - ebenfalls geflüchtete - Sportler. Jürgen Pahl beispielsweise, der Torhüter, der sich 1976 gemeinsam mit seinem Kumpel Norbert Nachtweih bei einem U21-Spiel der DDR-Auswahl in der Türkei absetzte, kam mit dem kalten Kapitalismus in Deutschland-West irgendwann gar nicht mehr klar. Nach neun Jahren im Tor Eintracht Frankfurts beendete Pahl seine Karriere und verließ das Land Richtung Südamerika. In Paraguay baute er sich eine neue Existenz als Obstbauer und später als Immobilienmakler auf - vom Westen reichlich enttäuscht: "Ich habe keine Lust mehr Teil einer Welt zu sein, in der sich wenige auf Kosten der Allgemeinheit die Taschen vollmachen", schrieb der Ex-Keeper vor ein paar Jahren an die Tageszeitung "taz" und lehnte eine Interviewanfrage ab.

Desillusioniert scheint auch sein damaliger Fluchtkollege Norbert Nachtweih zu sein. Auch er lehnt seit Jahren Interviews zu seiner Lebensgeschichte ab, auch mit sportschau.de wollte er nicht reden. Vielleicht liegt das daran, dass Nachtweih, der immerhin mit Bayern München viermal Deutscher Meister wurde, sein fußballerisches Glück auch nie richtig versilbern konnte. Weil er während seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt wie Pahl Opfer eines betrügerischen Bauherren-Projektes wurde, gelang ihm später nur mit viel Mühe eine langfristige Entschuldung. Heute arbeitet Nachtweih als Jugendtrainer in der Jugendfußballschule Eintracht Frankfurts. Über seinen Lebensweg zu sprechen, dazu hat er keine Lust mehr: "Ich denke, darüber ist schon lange alles gesagt."

Stand: 05.11.2009, 08:30

 

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