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16.03.2010 | 23.12 Uhr

Bundesliga

Nachwuchsleistungszentren in der Bundesliga

Harte Schule für den Nachwuchs

Von Chaled Nahar

Auch wenn viele Vereine ihren jungen Spielern die Reise zu der am Donnerstag (24.09.09) beginnenden Fußball-WM der U 20-Junioren verweigern, geht Deutschland immer noch mit einem starken Kader in das Turnier. Bei der U 21, der U 19 und der U 17 feierte der DFB (Deutscher Fußball-Bund) zuletzt jeweils den Gewinn der Europameisterschaft. So erfolgreich waren die deutschen Mannschaften längst nicht immer. Im Jahr 2000, als es schlechter um den deutschen Fußball bestellt war, verpflichtete der DFB seine Bundesligisten per Lizenzauflage zum Aufbau von Nachwuchsleistungszentren. Und diese haben sich zu echten Talentschmieden entwickelt.

Aufgeben? Nein, Aufgeben kam für Sebastian Jung nie in Frage. Auch nicht, wenn er sich um drei Uhr in der Nacht aus dem Bett schälen musste, um in die Backstube zu gehen. Auch nicht, wenn er dann nach einem kurzen Mittagsschlaf schon wieder im Training bei Eintracht Frankfurt alles geben musste. Dieses Programm zog er zweieinhalb Jahre lang nahezu täglich durch. Aber Jung hat das geschafft, wovon so viele Jungen träumen: Der 19-Järige hat einen Vertrag als Profifußballer bei einem Bundesligisten unterschrieben. Und nebenbei, eher ziemlich vernünftig als traumhaft, hat der Rechtsverteidiger auch noch seine Bäckerlehre erfolgreich abgeschlossen. "Das wollte ich unbedingt beenden, ich brauche doch ein zweites Standbein."

"Spieler mit so viel Ehrgeiz und Disziplin haben die besten Chancen, es zu schaffen", sagt Armin Kraaz. Der 44-Jährige ist sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums von Eintracht Frankfurt, in dem A-Jugendliche für gewöhnlich eine Sechs-Tage-Woche haben. "Sebastian ist ein ruhiger Typ, der nicht alles nach außen trägt. Aber er ist selbstbewusst und hat es zumindest für wahrscheinlich gehalten, dass er eine Chance bekommt", erzählt Kraaz. Doch Jung, der bereits seine ersten Bundesliga-Spiele hinter sich hat, ist nur ein Beispiel von vielen. Spieler wie er wurden lange vermisst.

Gelsdorf: "Wir sind in Rückstand geraten"

Jürgen Gelsdorf; Rechte: imago Lupe groß

Jürgen Gelsdorf leitet das Nachwuchsleistungszentrum von Bayer 04 Leverkusen

Im Jahr 2000 lag der deutsche Fußball am Boden. Die Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden wurde zum spielerischen Offenbarungseid, Vorrunden-Aus inklusive. Der DFB erkannte, dass er umdenken musste und verpflichtete seine Bundesligisten zu den Nachwuchsleistungszentren. "Es wäre wohl besser gewesen, wenn wir schon 1996 nichts gewonnen hätten", sagt Jürgen Gelsdorf und lacht laut. Der 56-Jährige leitet seit 2005 das Leistungszentrum von Bayer 04 Leverkusen. "Wir haben uns lange auf alte Dinge verlassen. Doch im Ausland waren die Spieler körperlich, technisch und taktisch besser ausgebildet. Wir sind damals in Rückstand geraten", sagt Gelsdorf: "Aber wir haben es hinbekommen. In der Bundesliga herrschen heute Top-Bedingungen."

Acht hauptamtliche und 20 nebenberufliche Trainer arbeiten alleine in Leverkusen für 160 Spieler. Vereine wie Bayern München, 1899 Hoffenheim, VfB Stuttgart, Hertha BSC, Hamburger SV, Werder Bremen oder der VfL Wolfsburg investieren pro Saison Schätzungen zufolge fünf Millionen Euro und mehr in ihre Nachwuchsarbeit, der Großteil der anderen Vereine bewegt sich unterhalb der Zwei-Millionen-Grenze. Die Investitionen lohnen sich, wie ein Blick in fast jeden Verein zeigt. Beim VfB Stuttgart reiften Serdar Tasci und Sami Khedira zu Nationalspielern, Mario Gomez hat mit der Ablöse von mehr als 30 Millionen Euro das Stuttgarter Nachwuchszentrum theoretisch auf Jahre refinanziert.

Harte Konkurrenz um jedes talentierte Kind

Die Konkurrenz um die Talente ist entsprechend groß, in Nordrhein-Westfalen ist sie bisweilen riesig. Dort hat Bayer 04 Leverkusen mit dem 1. FC Köln, Borussia Mönchengladbach, Schalke 04, Borussia Dortmund und dem VfL Bochum viele Nebenbuhler um jedes Talent. Hier ist jeder starke junge Spieler bei jedem Verein bekannt.

"Wenn wir in unserer Gegend so alleine wären wie der VfB Stuttgart in seiner, würden Mesut Özil, Lukas Podolski und Christian Pander bei uns spielen", sagt Gelsdorf. Bei Podolski sei man sogar in dessen jungen Jahren vorstellig geworden, "aber der hatte längst einen FC-Schal um".

Abwerbungen keine Seltenheit

Doch auch im Süden gibt es einen Kampf um die Talente. Armin Kraaz erinnert sich, wie die U 15 der Eintracht in diesem Sommer Süddeutscher Meister wurde. "Wir sind zwar mit Mainz 05 relativ alleine hier", sagt Kraaz, "aber nach dem Titelgewinn hat Bayern München den Spieler Emre Can abgeworben, der VfB Stuttgart hat sich Timo Cecen geschnappt."

Immerhin zahlten die Bayern freiwillig eine Ausbildungsentschädigung. Früher habe es mal ein Abkommen zwischen den Bundesligisten gegeben, sich nicht gegenseitig die Kinder abzuwerben. "Doch irgendwann haben sich einige dagegengestellt und so ist das auseinander gebrochen", sagt Kraaz.

Jung: "Klar hatte ich manchmal keine Lust"

Das Ziel eines Nachwuchsleistungszentrums ist es jedoch nicht, jedes Jahr auf Biegen und Brechen zahllose Profis auszubilden, sagt Gelsdorf. "Es gibt eben starke und weniger starke Jahrgänge." Die Kaderplätze 18 bis 24 seien sein Ziel: "So viel Qualität sollen unsere Spieler haben." Früher galt oft das Vorurteil, dass ausländische Spieler den deutschen Talenten den Weg in die erste Mannschaft versperren. "Doch damals waren die Ausländer meistens einfach besser. Und sie haben zudem oft weniger Geld verlangt", sagt Gelsdorf. "Dass die jungen deutschen Spieler keine Chance bekommen haben, ist nur die halbe Wahrheit."

Nun aber gibt es mehr gut ausgebildete deutsche Nachwuchsspieler. U 20-Nationalspieler Sebastian Jung blickt zufrieden auf seine Jugendjahre bei Eintracht Frankfurt zurück. "Klar gab es gerade während meiner Bäcker-Lehre Tage, an denen ich überhaupt keine Lust hatte", gibt er zu. Bierdurchtränkte Nächte in Diskotheken, wie sie die meisten anderen Teenager erleben, waren für ihn tabu. "Natürlich habe ich was verpasst. Aber da bin ich eh nicht der Typ für." Nun ist bei ihm die Vorfreude auf das erste wichtige Turnier seiner jungen Karriere groß. Und so stellt Jung fest: "Es hat sich ja gelohnt, wie man sieht."

Stand: 23.09.2009, 09:13

 

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