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10.02.2012 | 11.16 Uhr

11. Juni bis 11. Juli FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010 TM

Deutsches Team

Neues Image für das DFB-Team

Nicht Weltmeister, aber die Welt begeistert

Von Frank Menke (DFB-Quartier Erasmia)

Weltmeister ist das DFB-Team in Südafrika zwar nicht geworden. Doch augenscheinlich hat es etwas erreicht, was genauso nachhaltig wie ein Titel ist. Die Mannschaft hat mit einer neuen Spielkultur gezeigt, dass sie große Perspektiven hat. Und sie hat ein sympathisches Bild von Deutschland in der Welt hinterlassen.

Oliver Bierhoff, Per Mertesacker, Joachim Löw; Rechte: dpa Feiern ein tolles Turnier (v.l.): Bierhoff, Mertesacker, Löw

"Aus tiefstem Herzen" bedankte sich Joachim Löw bei seinen Spielern dafür, auch ohne Titelgewinn "ein weltmeisterliches Turnier" gespielt zu haben. Er zog ein in jeder Hinsicht positives Fazit: "Was ich besonders schätzen gelernt habe, war, dass die Mannschaft nicht nur auf dem Platz, sondern auch neben dem Platz ein hervorragendes Bild abgegeben hat. Man hat irgendwie immer gespürt, dass sie auch Charakterwerte darstellt." Tatsächlich hat eine deutsche Nationalmannschaft wohl noch nie ein derart geschlossenes Bild der Harmonie vermittelt wie das jüngste WM-Team seit 1934. Löw nennt in diesem Zusammenhang Aspekte wie "seriöses Arbeiten, Mut im Spiel, Risikofreude, Teamwork, Respekt untereinander". Fast gerührt stellt er fest, dass seine WM-Akteure "nicht nur miteinander" gespielt hätten, "sondern füreinander". Man fahre "mit einem unglaublich guten Gefühl nach Hause".

Im kollektiven Gedächtnis verankert

Das DFB-Team hat in den vergangenen vier Wochen viele Klischees über den deutschen Fußball in der Welt zerstört. Es hat Spielkultur, Spielwitz und Spielverständnis demonstriert wie selten eine deutsche Mannschaft zuvor. Es hat Offensivfußball zelebriert wie keine andere Nation bei diesem Weltturnier, die meisten Tore aller Teilnehmer geschossen. Nicht einmal die WM-Finalisten Spanien und Holland können in dieser Hinsicht mithalten. Die Siege über England und Argentinien waren Inszenierungen reiner Fußballlust und sind auf ewig im kollektiven Gedächtnis Deutschlands verankert. Dass es nicht zum ganz großen Wurf gereicht hat, mag schmerzlich sein, ist aber zu verschmerzen.

Maßstäbe in Sachen Fußball-Ästhetik

Die kulturelle Revolution im deutschen Fußball hat die ganze Welt verzückt. Laurens Boven von Radio Nederland blickte sogar ein bisschen wehmütig auf jene Zeiten zurück, als das Oranje-Team zwar weniger effizient als das deutsche agierte, dafür aber Maßstäbe in Sachen Fußball-Ästhetik setzte: "Man hat in Holland wie in Deutschland den Eindruck, dass die holländische und deutsche Mannschaft dieses Mal die Rollen getauscht haben."

Vergleiche mit der legendären deutschen EM-Elf von 1972 um Günter Netzer und Franz Beckenbauer machen die Runde. Sie galt bis zum WM-Beginn 2010 als das Nonplusultra deutscher Spielkunst. Nun hat sich eine neue Generation deutscher Spieler mit Multi-Kulti-Charakter, mit Typen wie Khedira, Mesut Özil, Cacau oder Jerome Boateng daran gemacht, in die Fußstapfen der Helden von einst zu treten. Auch der gern grantelnde Beckenbauer sang im Turnierverlauf nur noch Hohelieder: "Ich bin begeistert - und ich hätte nie gedacht, dass die Mannschaft so beeindruckend auftreten würde. Es macht unheimlich viel Spaß, ihr zuzusehen."

Demokratischere Strukturen etabliert

Durch das verletzungsbedingte WM-Aus ihres Leitwolfs Michael Ballack war das Team gezwungen, sich anders aufzustellen, neu zu definieren. Ersatz-Kapitän Philipp Lahm gelang es, demokratischere Strukturen im täglichen Miteinander zu etablieren. Die flache Hierarchie bot jenen Nährboden, auf dem Jungspunde wie Thomas Müller oder Mesut Özil sich freier entfalten konnten und dies mit Leistung zurückzahlten. Für Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff war dieses Zusammenrücken, die Bildung einer echten Gemeinschaft "der eigentliche Aspekt" für das beeindruckende Auftreten von Müller & Co in Südafrika - insbesondere vor dem Hintergrund des schon bizarr anmutenden Verletzungspechs im Vorfeld des Turniers.

Angesichts dieses Mannschaftsgefüges ließ sich der Bundestrainer zu einer Art Liebeserklärung an sein Team hinreißen: "Die Mannschaft ist sympathisch, die Mannschaft ist dynamisch, die Mannschaft ist lernwillig, die Mannschaft ist hoch motiviert. Das ist nicht aufgesetzt."

Was wird mit Ballack?

Es stellt sich nun die Frage, wie es mit Ballack weitergeht, wenn er demnächst zur Nationalmannschaft zurückkehrt. Seine Person birgt das einzige Konfliktpotenzial dieses verschworenen Haufens. Die jungen Spieler haben sich im südafrikanischen Winter von ihm emanzipiert. Bei seiner Stippvisite in Kapstadt wirkte die Atmosphäre zwischen Altvorderem und Jungspunden denn auch ein wenig frostig. Der 33-Jährige kam daher wie ein Fremdkörper, mehr Auslaufmodell als Anführer. Als sein natürlicher Nachfolger hat sich längst Bastian Schweinsteiger etabliert. Während Lahm inzwischen dauerhafte Ansprüche auf das Kapitänsamt angemeldet hat, bricht Schweinsteiger eine Lanze für den Veteranen: "Zwei Kapitäne, das wäre einer zu viel auf dem Platz. Für mich ist Ballack der Kapitän dieser Mannschaft. Philipp hat nur wegen Michaels Verletzung das Amt übernommen und seine Sache gut gemacht." Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich dieser Konflikt auflöst.

Schweinsteiger: "Das hat soviel Spaß gemacht"

Zu den Gewinnern dieser WM gehört neben Überflieger Thomas Müller auch Schweinsteiger. Der von Löw ausgerufene "emotionale Leader" übernahm die von ihm geforderte Mehr-Verantwortung, setzte spielerische Glanzlichter, ging als Kämpfer stets voran, riss die ganze Mannschaft mit und harmonierte obendrein prächtig mit Khedira, seinem neuen Partner auf der Doppel-Sechs. Was er zeigte, verdiente häufig genug das Prädikat Weltklasse. Auch sein Resumee fällt fast uneingeschränkt positiv aus. Sehr stolz sei er, dass er mit dieser Truppe die WM habe spielen dürfen: "Das hat soviel Spaß gemacht hier. Man hat zwar immer noch ein kleines weinendes Auge, wenn man das Halbfinale sieht, aber sonst haben wir ein sehr gutes Turnier gemacht."

Löw braucht ein paar Tage Ruhe

Joachim Löw (vorne), DFB-Präsident Theo Zwanziger; Rechte: dpa Lupe groß

Löw, Zwanziger: Geht's gemeinsam weiter?

Die einzig offene Frage nach dieser WM aus deutscher Sicht ist die nach dem Verbleib des Bundestrainers. Er betonte noch einmal, dass in Südafrika zu diesem Thema keine Gespräche zwischen ihm und der DFB-Spitze stattgefunden haben. Alles sei offen. Er brauche ein bisschen Zeit und Ruhe, um seine Gedanken zu ordnen. Was das DFB-Präsidium will, ist klar. Verbandspräsident Theo Zwanziger hat Löw mehrfach den roten Teppich ausgerollt und klargestellt, dass er mit ihm weiterarbeiten möchte: "Ich denke, dass der Bundestrainer und ich uns in der nächsten Zeit einmal treffen werden und einmal ausloten, wie die Vorstellungen sind", sagt er.

Bleibenden Wert geschaffen

Die deutsche Mannschaft, die ganz klar Löws Handschrift trägt, hat in Südafrika gezeigt, was mit Spielfreude, Kreativität und Teamgeist möglich ist. Und sie hat mit ihrem Auftreten die Herzen der Fans nachhaltig erobert. Der Bundestrainer spricht von einem "bemerkenswerten Turnier" seiner Mannschaft, die "unglaublich viel investiert" habe. Sportlich wurde sie dafür mit dem dritten Platz belohnt. Doch der Ertrag geht weit über das Fußballerische hinaus: "Die Mannschaft hat ein hervorragendes Bild von Deutschland abgegeben", bedankte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich am Telefon bei Löw und Bierhoff. Bundespräsident Christian Wulff sah die Nationalmannschaft als "besten Botschafter im Sinne unseres Landes in der Welt." Dies wird zwar keinen Spieler für den entgangenen WM-Titel entschädigen. Aber diese Aussagen haben einen bleibenden Wert.

Stand: 11.07.2010, 14:30

 
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