Para-Biathletin Anja Wicker - „Es ist schön, wenn man wahrgenommen wird“

Anja Wicker

Paralympics

Para-Biathletin Anja Wicker - „Es ist schön, wenn man wahrgenommen wird“

Para-Biathletin und -Langläuferin Anja Wicker steht in Pyeongchang vor ihren zweiten Paralympics. Dabei war der Winter eigentlich gar nicht ihre Lieblingsjahreszeit.

Die kalte Jahreszeit mochte die 26-Jährige lange nicht. Mit ihrer angeborenen Rückendeformation setzte sie zunächst aufs Handbike, um sich sportlich zu betätigen. 2006 probierte sie erstmals den Langlauf aus: "Ich habe mich sofort in die Sportart verliebt, sie hat mich sofort gefesselt. Jetzt kann ich etwas mit dem Winter anfangen."

Nebel und Regen kein Problem

Regelmäßig trainiert die Stuttgarterin mit ihrem Vater. Mit dem Luftgewehr geht es zum Schießen auf einen stillgelegten Bauernhof. Und die Arbeit zahlte sich schon vor vier Jahren aus. In Sotschi gewann sie bei Nebel und Regen Gold im Biathlon über zehn Kilometer und Silber über 12,5 Kilometer. Rückblickend gibt sie zu: "Ich habe nie damit gerechnet, was nach zwei Medaillen alles auf einen zukommen kann."

Ein Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Stuttgart, Medientermine, Einladungen zu Sportveranstaltungen – dieser Rummel könnte ab März erneut auf sie zukommen. Plötzlich meldeten sich ehemalige Klassenkameraden aus der Grund- und Realschule. Wicker erklärt: "Es ist ein schönes Gefühl, wenn man wahrgenommen wird. Wir sind es gewohnt, dass wir normalerweise vor ein paar Fotografen unsere Wettkämpfe austragen, und das war es dann."

Stürze nicht ausgeschlossen

Damit sie es auch dieses Mal ins Rampenlicht schafft, ist sie möglichst oft auf ihrem Schlitten unterwegs. Eine Rollstuhlfirma, die eigentlich keine Schlitten baut, machte eine Ausnahme und fertigte ihr den fahrbaren Untersatz. Wicker schildert: "Das Wichtige ist, dass man eins wird mit dem Schlitten, denn die Bewegung, die man selbst macht, muss der Schlitten sofort mitmachen. Ich bin glücklich mit ihm, und muss ihn als besten Freund ansehen." Mit fünf Gurten ist sie am Schlitten festgespannt, doch auch die verhindern manchmal nicht, dass sie bei rasanten Abfahrten auch einmal stürzt.

Anja Wicker

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Wenn der Schnee tief ist, kann sie sich nicht selbst aufrichten und muss einen Skistock in die Luft halten, damit ein Helfer kommt. Ansonsten ist aber vieles wie bei den Wintersportlern der Olympischen Spiele: "Ein guter Ski ist das A und O. Mit einem schlechten Ski hat man fast keine Chance, einen vorderen Platz zu erlaufen." Zudem sagt Wicker: "Ohne Wachser würde bei uns nichts gehen. Das sind die, die am meisten bei uns arbeiten, Sie haben am längsten zu tun."

Wicker und Hösch – ein perfektes Team

Das wird in Korea nicht anders sein. Und auch bei der Zimmervergabe könnte es beim Alten bleiben. Wicker und ihre beste Freundin Vivian Hösch (startet in der Konkurrenz der Sehbehinderten) sind ein eingespieltes Team. Wicker schwärmt über das nordische Para-Ski-Team: "Es ist wie eine zweite Familie. Bei uns ist immer gute Stimmung in der Mannschaft. Es ist mittlerweile eine schöne Truppe."

Anja Wicker

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Ganz anders ist aber ihre Gemütslage, wenn es um das Thema Doping geht. Vor allem russische Starter, die an den Weltcups in dieser Saison unter neutraler Flagge teilnehmen, stehen unter dem Verdacht, mit unerlaubten Mitteln nachzuhelfen. Schon 2014 hatte Wicker gesagt: "Ich würde meine Hand für keinen ins Feuer legen, denn im Leistungssport ist Doping immer ein Thema. Bei manchen Leistungen fragt man sich, wie sie zustande kommen."

Zum Thema Inklusion hat Wicker positive und negative Beispiele parat. Von Geburt an sitzt sie im Rollstuhl, ist aber in normalen Kindergärten und Schulen großgeworden. Über einige Ausflüge in der Stadt sagt sie: "Die Köpfe drehen sich nach mir um. Ich habe manchmal das Gefühl, man wird nicht so für voll genommen." Deswegen lautet ihr Tipp für Leute, die keine Erfahrungen mit Rollstuhlfahrern haben: "Das Beste ist, zu Fragen und seine Hilfe anzubieten. Mehr als ‚nein‘ sagen, kann der andere nicht."

mkö | Stand: 10.02.2018, 17:32

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