Künstlerin Stefanie Herrmann – mit hellen Farben und Sport raus aus der persönlichen Krise

Paralympics

Künstlerin Stefanie Herrmann – mit hellen Farben und Sport raus aus der persönlichen Krise

Von Maria Köhler und Frank Stuckatz (Bilder)

"Ich arbeite mit speziellen Ebenen, wo ich einzelne Bildteile aufbaue und sich dadurch das Bild vervollkommnet und ein Ganzes entsteht", sagt Stefanie Herrmann. Die Münchnerin sitzt an ihrem Tablet und zeichnet mit Linien und Kurven die Paralympics-Siegerin Anja Wicker.

Mit hellen Farben füllt sie den Hintergrund, das Gesicht, die Ausrüstung der Sportlerin. Sie erklärt: "Ich bin natürlich auch viel freier mit den Farben, weil ich viel genauer angeben kann, welche Farbe ich haben möchte. Und wenn sie mir später nicht gefällt, kann ich sie wieder verändern." Dabei wählt sie vor allem helle, strahlende Farben. Vor allem Blautöne haben es ihr angetan.

Bilder sind mehr als ein Zeitvertreib im Wartezimmer

Zum Malen am Tablet kam Herrmann einst in einem Wartezimmer. Nachdem ein Mann beim Einsteigen in einen Zug mit seinem Koffer auf ihren rechten Fuß gestürzt war, erlebte sie eine Odyssee zu Krankenhäusern, Arztpraxen und Physiotherapie-Zentren. Die inzwischen 22-Jährige erzählt: "Ich habe mich allein gefühlt. Psychisch damit klarzukommen war schwer, denn ich habe lange gedacht, dass sich das bessert." Ihre Behinderung blieb. Die Brüche, Sehnenrisse und geschädigten Nerven waren zu spät erkannt worden. Rückblickend schildert sie: "Ich kam mir so nutzlos vor, dieses Rumsitzen. Ich wollte etwas tun."

Stefanie Herrmanns Porträt von Anja Wicker, Paralympics-Siegerin im Biathlon in Sotschi.

Stefanie Herrmanns Porträt von Anja Wicker, Paralympics-Siegerin im Biathlon in Sotschi.

Das Tablet ist fast immer dabei

Ein Jahr dauerte es, bis sie mit dem Malen eine Lösung fand. Sie erinnerte sich an einen Tablet-Kurs aus ihrem Studium. Zunächst malte sie abstrakte, depressive Bilder. Dann fokussierte sie sich auf gehende und rennende Menschen. Hinzu kamen Boxer, Turner und Biathleten. Herrmann schwärmt: "Diese körperliche Aktivität, diese Spannung ist gigantisch. Wenn ein Sportler über seine Grenzen geht, ist das inspirierend."

Stefanie Herrmann malt einen Schlitten-Eishockeyspieler

Es sprudelt aus ihr heraus: "So eine Energie sollte man darstellen. Das geht in einem Bild am besten." Immer mehr farbenfrohe Momentaufnahmen entstehen. Eine Freundin drängte sie irgendwann darauf, diese in den sozialen Netzwerken zu zeigen.

Sportler erhalten Momentaufnahmen als Ausdruck

"Ich dachte, so gut und interessant bin ich nicht. Dann habe ich es aber doch gemacht", sagt Herrmann. Freizeitsportler und auch die berühmten Sportler haben sich bei ihr gemeldet. Bei Instagram bedanken sie sich und fragen nach einem Ausdruck. Dabei steckt in den Bildern viel Vorbereitung: "Ich studiere erst einmal einen Sportler. Dann merke ich, in welcher Szene diese Energie zu sehen ist."

Und selbst macht Herrmann auch jede Menge Sport. Zwei- bis dreimal wöchentlich geht sie schwimmen. Zudem fährt sie regelmäßig Fahrrad, um nicht auf Gehhilfen angewiesen zu sein. Über ihren rechten Fuß sagt sie: "Wie oft ich ihn verflucht habe. Es gibt Tage, da heult man, aber diese Tage werden weniger." Längst hat sie ein klares Ziel vor Augen. Sie will Kunst-Therapeutin werden, um später auch anderen helfen zu können.

Stefanie Herrmann

Zudem hilft sie im März der Sportschau, die Teilnehmer der Paralympics zu porträtieren. Die ersten Bilder zu Anna Schaffelhuber, Andrea Eskau und Co. sind schon fertig. Voller Vorfreude sagt die junge Künstlerin: "Wir haben unglaublich hochwertigen Behindertensport. Die Sportler sind mindestens genauso stark wie nicht Behinderte."

Stand: 23.01.2018, 15:20

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