Der Wahnsinn auf vier Kufen

Auf der Suche nach dem letzten Hundertstel

Der Wahnsinn auf vier Kufen

Von Raphael Honndorf

Aktuell wird das Olympic Sliding Centre noch von den Rodlern beherrscht, doch ab Donnerstag drängen auch die Bobfahrer in die Eisrinne. Vor den ersten Trainings haben wir einen Blick in die Garagen des deutschen Teams geworfen und den Mechaniker bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut - der Wahnsinn auf vier Kufen.

Mit insgesamt neun Bobs wird der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) im Eiskanal von Pyeongchang an den Start gehen. Dort will die Mannschaft von Cheftrainer René Spieß nach dem Abschneiden von Sotschi wieder in die Olympia-Erfolgsspur zurückfinden. Die Voraussetzungen sind gut, den Zweierweltcup beendete Francesco Friedrich auf Rang zwei, bei den Damen wurde Mariama Jamanka Dritte. Im Vierer gingen sogar die Plätze eins bis drei an deutsche Schlitten.

Damit es in Pyeongchang läuft, herrscht schon lange vor den ersten offiziellen Trainingsläufen Hochbetrieb in den deutschen Bob-Garagen in der Nähe des Zielbereichs der Bahn. Fleißig schrauben die Mechaniker an den Vehikeln und versuchen die letzten Zehntel und Hundertstel herauszuquetschen. Verbandsmechaniker Bernd Steinecker macht das nun bereits seit knapp 30 Jahren, für ihn sind es bereits die siebten Olympischen Spiele. "Olympia ist dann doch etwas spezielles, man fiebert noch einmal anders mit", sagte der 56-Jährige. Ihm zur Seite steht Enrico Zinn, Maschinenbau-Ingenieur vom Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES). Er feiert im fernen Osten seine Olympia-Premiere und kümmert sich nur um die Fahrzeuge aus der Berliner Schmiede. Der BSD tritt in Korea mit zwei Schlittentypen an. Johannes Lochner setzt im Zweier und Vierer auf die Geräte des österreichischen Herstellers Wallner - ebenso wie Francesco Friedrich im großen Schlitten. Die Damenteams um Mariama Jamanka, Stephanie Schneider, Anna Köhler und Nico Walther fahren FES, so wird es Friedrich auch im Zweier tun.

Hände weg vom Steuerseil

Gerade tüfteln sie am Bob von Stephanie Schneider. Die Haube an der Front ist offen, man erhält einen genauen Einblick in das Herzstück der Schlitten. Der Vorderbob besteht aus über 150 Einzelteilen, die zusammengeschweißt, zusammengeschraubt, geklebt, geölt und gefettet werden. Alles in allem eine hochsensible Angelegenheit aus Stahl, Kunststoff und Gummiteilen. Die Ausgleicheinrichtung ist eines der wichtigsten Teile vor den Füßen des Piloten. Sie sorgt dafür, dass der Bob nach Lenkbewegungen automatisch wieder in die Nullstellung findet. Diese beschreibt die Parallelität der Vorder- und Hinterkufen. Mit feinsten Messinstrumenten wird diese abgestimmt und im Zweifel justiert. "Der Bob sucht sich selbst seine Spur", erklärt Zinn. Eine gute Fahrt zeichnet sich durch nur geringe Bewegungen an den Lenkseilen aus. "Wenn die Jungs und Mädels an den Seilen reißen, dann sind sie meist schon fast gestürzt", fügt Steinecker an.

Wegweiser Bobbahn

Unterhalb des Ziels liegen die Bob-Garagen.

Trotzdem gibt es feine Unterschiede bei den einzelnen Fahrern. Während Friedrich gerne etwas mehr Spiel an den Lenkseilen hat, ist Nico Walther eher der feinfühlige Typ. Auf wenigen Zentimetern will er einen hohen Lenkausschlag haben. Das Ganze nennt sich Hebelübersetzung und wird durch die Höhe der Ausgleichseinrichtung und gespannte Gummiseile eingestellt. Außerdem räumt der gelernte KFZ-Mechaniker Steinecker mit einer falscher Vorstellung auf: "Die Piloten haben die Lenkseile nicht die ganze Zeit über in der Hand, sie lassen sie während des Fahrens los, um den Bob laufen zu lassen." All das geht nur, wenn die Ausgleichseinrichtung funktioniert.

Hightech und Klebeband schließen sich nicht aus

Insgesamt ist das deutsche Team mit elf großen Kisten nach Südkorea gereist. Jede ist vier Meter lang und jeweils einen Meter breit und hoch. Drei große Schlitten und insgesamt sieben kleine sind so transportiert worden. Eine Kiste ist bis unter den Rand gefüllt mit Equipment der Mechaniker. Bei den Bobs wird der freie Platz noch mit Kufen und anderen Materialien gefüllt. Wer sich nun fragt, warum bei drei Damen- und drei Männerteams sieben Zweibobs verfrachtet wurden, dem sei gesagt, dass ein Schlitten als Ersatzgerät mitgenommen wurde. Und diese sind ab und zu nötig. Steinecker erinnert sich an eine kleine Anekdote der Weltmeisterschaft 2004. Damals musste Christoph Langen den Schlitten wechseln, und holte trotzdem noch die Silbermedaille. Das war auch seiner Arbeit zu verdanken. "Es dauert rund einen halben Tag, einen Ersatzschlitten in der Grundeinstellung auf den jeweiligen Piloten anzupassen", erklärt er.

Beim Blick in das hintere Teil des Bobs fällt das schwarze Klebeband ins Auge. Hightech trifft auf Gaffa-Tape. Die Erklärung ist einfach: Es dient zur Polsterung und zum Verdecken von Kanten. Zusätzlich ist Schaumstoff verklebt, etwa zum Schutz der Schultern. Der Zweierbob wirkt mit seinen knapp 2,70 Meter recht komfortabel. Zwischen den Sitzflächen von Fahrer und Bremser befindet sich ein großer Hebel. Der Winkel rammt einen Rechen in das Eis, um den Bob nach der Zieldurchfahrt zu verlangsamen. Etwas davor, neben dem Sitz des Fahrers sind zwei Fußrasten, die den Bremser stabilisieren und mit denen er beim Reinspringen in den Bob noch einen letzten Impuls auslösen kann. Der Vierer ist nicht mal einen Meter länger. "Dort wird es dann eng und kuschelig", lacht Steinecker. Die Außenmaße der Verkleidung und die Maße des Rahmens sind hochreglementiert. Insgesamt 70 Seiten umfasst das aktuelle Regelwerk des Internationalen Bob & Skeleton Verbandes. Von den Wettkämpfen über die Schlitten bis hin zur Ausrüstung ist dort alles detailliert aufgelistet.

Zinn und Steinecker schrauben am Bob

Enrico Zinn (li.) und Bernd Steinecker arbeiten am Zweierbob.

Das aktuelle Reglement ist auch so etwas wie eine Fortschrittsbremse im Bobsport. Die Schritte der Entwicklung werden immer geringer. "Vor zehn Jahren konnte man im Windkanal noch viel größere Verbesserungen finden. Jetzt ist es so, dass der Aufwand, den man reinsteckt, immer größer wird, aber die Verbesserungsschritte werden geringer", so Zinn, der das Ganze mit den Trainingsfortschritten beim Joggen vergleicht. Zwar gibt es im Gesamtsystem immer wieder Teile, die verbessert werden können. Aerodynamisch ist der Bob von heute aber beinahe ausgereizt. Nur eine Veränderung im Reglement würde wirkliche Neuerungen bringen. Aber sind die überhaupt notwendig? Steinecker und Zinn verneinen fast gleichzeitig. "140 km/h oder noch schneller in so einer Rakete, das ist schon der Wahnsinn. Das wirken zum Teil Kräfte wie in einem Kampfjet", meint Steinecker. Und sein 37 Jahre alter Kollege fügt an: "Wenn selbst so begnadete Piloten wie Andrè Lange oder Nico Walther auf bestimmten Bahnen nur noch den Kopf schütteln, dann sind wir schon am Limit."

Zusammenspiel des ganzen Teams notwendig

Seit Anfang Februar sind die beiden nun schon in Pyeongchang und arbeiten an den Bobs. Aktuell sind es eher Wartungsarbeiten. Maße werden kontrolliert, ob beim Transport auch ja nichts kaputt gegangen ist. Aber es gab auch eine größere Herausforderung im Vorfeld. Das war der Einbau von Kameras in die Deckel der Fronthauben - eine Voraussetzung für einen Start bei Olympia. "Die Kamera ist ein Horror für jeden Aerodynamiker. Man will die Zehntel gewinnen und dann muss man so ein Loch in die Haube reinmachen. Zusätzlich kommt das Gewicht. Man versucht den Schwerpunkt so niedrig wie möglich zu halten und dann hat man so einen Klotz da oben dran. Aber zum Glück ist das für alle gleich", erklärt Steinecker mit süffisantem Blick.

Fronthaube mit Kamera

Die Fronthaube mit Kamera

Nach den Trainings wird an der Feinabstimmung gearbeitet oder Veränderungen an den Kufen vorgenommen. Alles in engem Kontakt mit den Piloten und Trainern. "Zur Einstellung des Bobs gehört nicht nur der Techniker. Da sind noch die Trainer, die Bahn, die Bahnvideos und vieles mehr. Das alles bildete einen Komplex", sagt Steinecker. "Dann setzt man sich zusammen hin und findet die beste Einstellung." Als Grundeinstellungen für die Rennen auf der Olympiabahn haben die Techniker die Daten der letzten Weltcups in Pyeongchang. Trotzdem sind diese Einstellungen noch nicht perfekt. Veränderungen am Eis und Material können entscheidend sein. "Das Feedback-System des Fahrers ist enorm wichtig. Die Einstellung kann schnell sein, aber wenn der Pilot damit nicht zurechtkommt, dann bringt sie im Endeffekt gar nicht", erklärt Zinn. Dem Piloten eine Einstellungen aufzuzwingen, sei zwecklos: "Man kann die Piloten nicht von etwas überzeugen, was ihnen gar nicht passt. Das wird nicht funktionieren."

Positive Stimmung im Bob-Team

Im Abschlusstraining sollte das Setup stimmen, denn mit dieser Abstimmung geht es zunächst in die Rennen. Aber dann ist die Arbeit noch lange nicht beendet: "Man überlegt nach jedem Lauf, was man besser machen kann. Und wenn die Zeit nicht stimmt und kein erkennbarer Fahrfehler vorliegt, fragt man sich: 'Wo ist der Fehler am Bob? Wo ist eine Schweißnaht gerissen oder ein Lager fest gegangen?' Dann klappert man alles systematisch ab", so der FES-Ingenieur.

Die Stimmung im Team sei aktuell sehr gut, beschreibt Steinecker. Die Voraussetzungen sind besser als in Sotschi, die Atmosphäre in der Mannschaft ist eine andere als vor vier Jahren. Alle ziehen an einem Strang. "Gestern haben die Mädels gemeinsam die Gerätevorbereitung  gemacht. Darüber bin ich ganz froh. So bekommen sie einen Bezug zum Schlitten und stellen Fragen, warum etwas so ist und das andere so. Das ist für uns Techniker eine Erleichterung", freut er sich. In den sozialen Netzwerken sieht man die selbsternannten "Bobladies" tanzend in der Garage. Und auch während sie auf den Bus warten, wird fleißig an der Choreografie geübt. "Es ist wichtig, dass das Team die Lockerheit bewahrt", sagt Zinn. Wie für ihn, ist es für viele der deutschen Damen die erste Teilnahme beim Großevent.

Und wann glauben die beiden Techniker, dass sie einen guten Job gemacht haben? Zinn geht voran und glaubt, dass in jedem Rennen einen Medaille drin ist. Sein erfahrener Kollege gibt sich etwas zurückhaltender und diplomatischer: "Ich bin keiner, der Prognosen macht. Ich sage immer, der Beste soll gewinnen. Am liebsten ist es mir, wenn er in einem deutschen Bob sitzt."

Starthaus der Bobbahn in Pyeongchang

Hier geht es dann los: Das Starthaus der Bob- und Rodelbahn in Pyeongchang

Stand: 14.02.2018, 12:08

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