Der Wind wird zum X-Faktor

Wehende Fahneden vor dem Internationalen Sendezentrum

Wetterkapriolen bei Olympia

Der Wind wird zum X-Faktor

Von Raphael Honndorf

Es ist das bestimmende Thema der ersten Tage von Olympia - der Wind an den Austragungsstätten. Das Wetter wird zum X-Faktor bei den Medaillenentscheidungen. Und nicht nur die Athleten sind davon betroffen.

Simon Amman war definitiv nicht zu beneiden bei der Entscheidung von der Normalschanze am Samstag (10.02.2018). Gefühlt ein Dutzend Mal musste der Schweizer Skispringer vom Balken runter. Immer wieder wurde er vom FIS-Offiziellen Sepp Gratzer in eine Decke gehüllt, der bei Temperaturen im zweistelligen Minusbereich versuchte, durch Reibung zusätzlich Wärme zu spenden. "Das war ein Braveheart-Wettkampf. So am Limit habe ich noch nie operiert", erklärte der vierfache Olympiasieger später. Und das sah man dem 36-Jährigen auch an: "Ich wurde innerlich immer genervter." Am Ende belegte er den elften Rang. Weit mehr als zweieinhalb Stunden dauerte der Wettkampf, an dessen Ende Andreas Wellinger den Olympia-Sieg feierte.

Keine Alternative für Olympia-Abfahrt

Immerhin konnte das Springen - wenn auch unter sehr grenzwertigen Bedingungen - durchgeführt werden. Bei anderen Wettkämpfen war die Grenze überschritten. So fielen die Abfahrt der Herren und der Riesenslalom der Damen dem Wind zum Opfer. Bei der Abfahrt verwundert das kaum. Schließlich finden die Speed-Disziplinen in einem abgelegenen und exponierten Gebiet statt - am 1.561 Meter hohen Berg Gariwang.



Mehr als 100 km/h erreicht der Wind dort oben. Dass die Wettbewerbe dort ausgeführt werden, ist den Anforderungen des Internationalen Skiverbandes (FIS) geschuldet. Dieser verlangt für Abfahrten der Herren einen Höhenunterschied von 800 Metern. Und in der Region Pyeongchang erfüllt nur dieser Berg die Anforderungen. Dass dem Streckenbau noch massenhaft über 500 Jahre alte Bäume zum Opfer fielen, ist eine andere Geschichte.

Frierende Zuschauer bei Olympia

In der Schlange stehen: Kein tolles Erlebnis.

Echte und gefühlte Temperatur

Doch warum ist es überhaupt so windig in Pyeongchang? Die Entfernung zur Küste beträgt Luftlinie je nach Veranstaltungsort zwischen 30 und 50 Kilometern. Das Taebaek-Gebirge ist stark zerklüftet und bietet so kaum Schutz vor den starken Nord- und Ostwinden, die hier im Winter vom Meer her blasen. Zwar lässt der Sonnenschein die Temperaturen angenehm erscheinen, sobald aber der Wind kommt, ist das märchenhafte Winterambiente vorbei.

Die Durchschnittstemperatur beträgt im Februar minus 5,5 Grad Celsius. Der Tiefstwert, der in der Provinz gemessen wurde, stammt aus dem Jahr 1978: minus 27,6 Grad! Und da ist der Wind noch nicht mit eingerechnet. Die Unterschiede zwischen der gemessenen Temperatur und der gefühlten ("Real Feel") sind gravierend. Daran kann auch das eigens für Olympia eingesetzte Wetter-Team nichts ändern. 36 Meteorologen und 30 freiwilligen Wetterbeobachter sind im Einsatz, um so präzise wie möglich die Vorhersagen zu treffen. Es gibt sogar einen eigenen 24-Stunden-TV-Kanal für die Wettervorhersage. Die Anzeige trägt dabei nicht unbedingt zur Stimmungsaufhellung bei.

Olympischer Wetter-TV-Sender

Der Olympische Wetter-TV-Sender

Mit Fieber in den Wettkampf - alles für den Olympiatraum

Wind und Wetter führten schon zu den verschiedensten Anekdoten. Sicherheitskräfte, die sich durch Liegestütze warm halten, und Athleten, die im Athletendorf mit Mütze schlafen, sind nur zwei Beispiele. Doch dabei bleibt es nicht. Die Kälte und der Wind sind natürlich eine Gefahr für die Gesundheit der Sportler - nicht nur beim Skispringen. Die deutsche Snowboarderin Silvia Mittermüller erwischte es am Tag vor dem Slopestyle-Finale. Sie schlief mit zwei Decken, bekam spät nachts noch Besuch vom Teamarzt.

Trotzdem ging Mittermüller am Montag auf die Strecke und verletzte sich im Training vom Fieber geschwächt am Knie - nachdem sie von einer Windböe erwischt wurde. Aus der Traum von der Finalteilnahme. "Ich habe alles versucht, trotz der Situation mit der Krankheit und dem Wind", schrieb sie später beim Kurznachrichtendienst Twitter. Übrigens stand auch diese Medaillen-Entscheidung wegen des Windes kurz vor der Absage, zahlreiche Athletinnen stürzten in ihren Läufen. Die Norwegerin Silje Norendal sprach am Ende gar von "zwei Stunden der Angst".

Überall Hinweise auf die Kälte

Selbst wenn man sich dick eingehüllt vor der Kälte schützt, sie ist unvermeidlich. Rodler Felix Loch merkte das schon bei der Eröffnungszeremonie: "Man gewöhnt sich auch an die Kälte. Einzig der Wind ist nervig." Die deutschen Eishockey-Spieler - die Glücksbringer der ersten Tage - wollten eigentlich auch Viktoria Rebensburg und Co. im Riesenslalom anfeuern. Aber sie mussten ihre Pläne ändern, was nicht unbedingt nur negativ aufgenommen wurde. "Es pfeift ganz schön. Gut, dass wir so viele Klamotten bekommen haben. Die brauchen wir hier aber auch alle", sagte Kapitän Marcel Goc nach der Absage des Rennes.

Zudem ist die Kälte unübersehbar. Überall sieht man Flaggen und Fahnen stramm im Wind stehen. Die Bilder der schwingenden Gondeln in den Skigebieten dürften die meisten TV-Zuschauer gesehen haben. In den Zeitungen bekommen die Leser Anziehtipps für einen Besuch an den Wettkampfstätten. Mindestens zwei Lagen sollten es demnach schon sein, besser noch drei. Und dann sind da noch die ganzen Schilder an den Türen und Eingängen, die in englischer Sprache darauf hinweisen, bitte die Türen zu schließen - damit der kalte Wind keinen Einzug findet.

Bekleidungsempfehlungen in koreanischen Zeitungen

Bekleidungsempfehlungen in einer koreanischen Zeitung

Favorit Bö erwischt die Böe

Ein weiterer optischer Hinweis sind die zahlreichen Windparks in der Region Gangwon-do. Das fiel auch ARD-Biathlon-Expertin Kati Willhelm auf: "Das es hier windig ist, erkennt man ja schon an den ganzen Windrädern." Sie prägen die Landschaft, besser gesagt, die Spitzen der Gebirgszüge. Dort, wo sich die meiste Energie gewinnen lässt. Auch beim Biathlon haben sich die Luftzüge und Böen bemerkbar gemacht. Nur sechs der insgesamt 174 Starter in den Sprint-Wettbewerben kamen fehlerfrei durch. Darunter Frauen-Siegerin Laura Dahlmeier und Männer-Sieger Arnd Peiffer. Beide ließen sich bei ihren Schießeinlagen viel Zeit und dürfen sich nun erstmal Olympiasieger nennen. Gerade bei den Herren waren Gold und Silber im Vorfeld eigentlich für Martin Fourcade und Johannes Thingnes Bö "reserviert". Beide schossen liegend drei Mal daneben - Fourcade und Bö vom Winde verweht.

Windräder hinter der Stadt Alpensia

Windräder hinter der Stadt Alpensia

Vom 05. bis 28. Februar berichten wir im ARD-Hörfunk, im Ersten und den Dritten Programmen ausführlich über die Olympischen Spiele.

Stand: 12.02.2018, 07:24

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