Handball-WM in Katar: "Normal gibt es nicht"

Interview mit ARD-Reporter Andreas Kramer

Handball-WM in Katar: "Normal gibt es nicht"

Katar will sich der Welt bei der Handball-WM ab Donnerstag als perfekter Organisator präsentieren und überlässt dabei nichts dem Zufall. ARD-Reporter Andreas Kramer schildert die Eindrücke seines Besuchs im WM-Land. Sein Feature "Alles anders: Die Handball-WM in Katar" lief am Donnerstag, 15.1., im Ersten.

sportschau.de: Ist Katar auf die Handball-WM vorbereitet?

Andreas Kramer: Was wir gesehen haben, war schon teilweise atemberaubend. Das sind keine Hallen - das sind Handball-Paläste. Es gibt nicht nur Bereiche für die VIPs, sondern auch für die "VVIPs" - für die sehr, sehr wichtigen Leute. Für die Königsfamilie etwa und reiche ausländische Gäste. Das sind alles Mega-Bauten, alles vom besten und vom teuersten. Normal gibt es nicht. Dieser Gigantismus ist befremdlich, aber auch beeindruckend.

sportschau.de: Geld spielt im reichen Katar keine Rolle. Welche Summe haben die Kataris in die Handball-WM investiert?

Kramer: Es steht schon jetzt fest, dass es die teuerste Handball-WM aller Zeiten wird, mit Kosten von 200 Millionen Euro. Das zahlen die Kataris aus der Portokasse.

sportschau.de: Katar ist nicht gerade als Handball-Eldorado bekannt. Warum diese gigantischen Investitionen?

Kramer: Der Sport ist vor allem ein Vehikel, um sich der Weltöffentlichkeit als modernes Land zu präsentieren. Die Kataris wollen ernst genommen werden. Ob es dabei um Handball geht, Fußball oder Leichtathletik, ist erst einmal Nebensache. Aber seit der Vergabe der Fußball-WM schaut jeder auf dieses Land. Die Handball-WM soll einen Vorgeschmack geben, was die Kataris auf die Beine stellen können. Die zweitgrößte Arena in Al Sadd etwa kann innerhalb von 48 Stunden in eine Eishockey-Arena umgebaut werden. Katar hat ja auch eine Eishockey-Nationalmannschaft.

sportschau.de: Und die Begeisterung für Handball? Wie ist die Stimmung im Land vor dem WM-Start?

Kramer: Es gibt im Handball neben den Männern auch ein Frauen-Nationalteam, dort durften wir auch beim Training drehen. Die Kataris stecken viel Geld in den Sport, auch dies ist Teil ihrer Vision, die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Die Handball-Frauen sollen als nächstes nach oben gebracht werden, bis zum Gewinn der Asienmeisterschaft. Aber in der Bevölkerung gibt es kaum Interesse an einer europäischen Sportart wie Handball. Beim Vorbereitungsspiel zwischen Serbien gegen Russland, immerhin Gruppengegner der Kataris, mit vielen Stars aus der Bundesliga, waren gerade einmal eine Handvoll Leute in der Halle.

sportschau.de: Was unternehmen die Organisatoren, um doch etwas WM-Begeisterung zu erzeugen?

Kramer: Die WM wird massiv beworben, mit TV-Spots, über Social Media. Aber ob das fruchtet, darf bezweifelt werden. Man muss sich vor Augen führen, dass es gerade einmal 200.000 Kataris im Land gibt - gegenüber zwei Millionen Gastarbeitern. Nach Angaben der Organisatoren sind angeblich 3.000 bis 4.000 Karten nach Europa verkauft worden. Die verteilen sich dann auf drei riesige Arenen, mit 5.500, 7.700 und 15.000 Zuschauern. Es ist zu erwarten, dass bei der WM bezahlte Leute in den Hallen sind, die für Stimmung sorgen sollen. Der Verband hat uns gegenüber beteuert, die Hallen nicht mit Arbeitern aufzufülllen. Aber genau dies haben wir beobachtet: Bei der Stadioneröffnung in Lusail wurden busseweise Arbeiter in die Arenen gekarrt. Beim anschließenden Spiel saßen Arbeiter aus Nepal und Bangladesh teilnahmslos auf der Tribüne. Es gab Einpeitscher mit Megafon, die für Stimmung sorgen sollen. Mit den Zuschauern wurde der Ernstfall für die WM geprobt, bis hin zum gemeinsamen Jubeln, es war durchaus bizarr.

sportschau.de: Sie sprechen die Informationspolitik an. Wie ist der Umgang mit ausländischen Journalisten?

Kramer: Die Kataris sind sehr darauf bedacht, dass nichts Negatives nach draußen dringt. Sondern nur das Bild, das sie gerne von sich in der Weltöffentlichkeit sehen. Um überhaupt vor Ort drehen zu können, braucht man die Einladung eines Offiziellen, die nur sehr schwierig zu bekommen ist. Wir haben sie schließlich vom Präsidenten des Handball-Verbandes bekommen, nach vielen vergeblichen Anfragen und Mails. Die Qatar News Agency, die verantwortlich für die Außendarstellung ist, möchte vorab alles wissen: Von welchem Sender man kommt, worüber man berichtet, mit wem man sprechen möchte. Die Offiziellen sind grundsätzlich sehr misstrauisch, vor allem nach der Negativ-Berichterstattung in englischen Medien rund um die Vergabe der Fußball-WM. Das bekamen wir auch zu spüren.

sportschau.de: Wie waren die Bedingungen vor Ort? Kann man sich frei bewegen, kommt man an Gesprächspartner heran?

Kramer: Nur unter Aufsicht. Wir bekamen einen Guide zur Seite gestellt. Wie sich später herausstellte, wurde er vom Verband bezahlt, um uns auf die Finger zu schauen und uns den richtigen Leuten zuzuführen. Außerdem einen Mitarbeiter der Qatar News Agency, der ebenfalls für uns abgestellt war. Dies war schon etwas einschüchternd. Wir waren auch darauf angewiesen, wen der Verband uns als Gesprächspartner zur Verfügung stellt. Das katarische Nationalteam etwa wurde komplett vor uns abgeschirmt. An vielen Orten war es verboten zu drehen, wir mussten uns für jede Interviewanfrage neu rechtfertigen. Es war ein Versteckspiel, man brauchte etwas Fingerspitzengefühl, um dann doch hinter die Fassaden gucken zu können. Wir mussten vorsichtig sein, haben unser Filmmaterial zum Beispiel auf das Team verteilt. Von freier Berichterstattung kann da natürlich keine Rede sein.

sportschau.de: Hatten Sie einen Einblick in die Zustände auf den Baustellen? Menschenrechtsorganisationen beklagen seit langem die Ausbeutung ausländischer Arbeiter beim Bau von Sportstätten in Katar, von denen rund 1.000 seit 2013 starben.

Kramer: Aus dem Hotelfenster konnten wir jeden Morgen sehen, wie die Arbeiter zu Tausenden in Bussen herangekarrt wurden, um auf den Baustellen zu arbeiten - teils ungesichert. Kurz vor dem Ende der Dreharbeiten sind wir in die Wüste Richtung Norden gefahren, ohne Aufpasser. Wir fuhren an den Siedlungen für die Arbeiter vorbei. Kilometerweit Wellblechhütten, in denen die Arbeiter hausten. Daneben Betonbereitungsanlagen und Sandgruben. Überall war Staub und Dreck. Und das bei Temperaturen bis zu 50 Grad im Sommer - das sind unvorstellbare Zustände.

sportschau.de: Wird die Handball-WM in Katar ein Erfolg?

Kramer: Was die Organisation angeht, bin ich überzeugt. Die Kataris wollen der Welt beweisen, dass sie ein solches Großereignis perfekt organisieren können. Und das werden sie auch schaffen, keine Frage. Bei der Kurzbahn-WM der Schwimmer vor einigen Wochen gab es noch einige Probleme mit Leitungen. Ich bin mir sicher, das wird nun nicht mehr passieren.

Das Gespräch führte Christian Mixa.

Stand: 14.01.2015, 08:30

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