Heubergers Häuptling
Neuer Abschnitt
Oliver Roggisch vor der WM
Heubergers Häuptling
Von Jens Mickler
Die erste Begegnung liegt 25 Jahre zurück. In der altehrwürdigen Mörburghalle in Schutterwald stand der zehnjährige Oliver Roggisch hinter dem Tor und fieberte mit, wenn der TuS um Bundesliga-Punkte kämpfte. Ein Mann hatte es dem jungen Roggisch besonders angetan: Die Nummer vier der Badener, Kreisläufer Martin Heuberger.
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"Er war mein Idol. Ich habe ihm nachgeeifert. Ich hatte später immer die Trikotnummer vier, weil er sie hatte", sagt Roggisch über den heutigen Bundestrainer.
Jetzt geht es nicht mehr um den TuS Schutterwald und Bundesliga, sondern um die deutsche Nationalmannschaft und die Weltmeisterschaft in Spanien, die für Deutschland am Samstag (12.1.2013) mit der Partie gegen Brasilien (16 Uhr, live in der ARD und im Livestream bei sportschau.de) beginnt. Roggisch: "Eigentlich ist es Wahnsinn, dass sich zwei aus Schutterwald später bei der Nationalmannschaft wiedertreffen." Und nicht nur das. Beide haben eine entscheidende Rolle inne. Der eine trägt die sportliche Hauptverantwortung, der andere führt die Mannschaft als Kapitän aufs Feld.
Unerfahrenes Team
Roggisch bringt die Erfahrung von acht WM- und EM-Turnieren und 182 Länderspielen mit. Nur Carsten Lichtlein (TBV Lemgo), zweiter Torwart und Roggischs Zimmergenosse, hat aus dem aktuellen 16-Mann-Kader zwei Großturniere mehr in seiner Vita stehen. Roggisch ist damit neben Lichtlein und dem Kieler Dominik Klein der einzige Nationalspieler, der mehr als 100 Länderspiele aufweist (zum Vergleich: Bei den Franzosen sind es zehn). Noch nie schickte der DHB eine derart unerfahrene A-Mannschaft in ein Welt-Turnier.
Sieben Spieler waren noch bei keiner Weltmeisterschaft dabei, die beim Handball immerhin alle zwei Jahre ausgetragen wird. Für das Quintett Tobias Reichmann, Steffen Fäth, Kevin Schmidt (alle HSG Wetzlar), Steffen Weinhold (SG Flensburg-Handewitt) und Stefan Kneer (SC Magdeburg) ist es gar die erste Bewährung auf internationaler Bühne überhaupt.
Jung und schwer ausrechenbar
Ausgerechnet diese Häufung von "Grünschnäbeln" soll dem deutschen Handball in Spanien wieder zu besserer Reputation verhelfen und dafür sorgen, dass das ramponierte Image nach der verpassten Olympia-Qualifikation im Sommer aufpoliert wird. Zumindest das Erreichen des Achtelfinals ist das Ziel.
Kapitän Roggisch ist überzeugt, dass es klappt. Den Hinweis auf die fehlende Erfahrung lässt der Anführer ohnehin nur bedingt gelten. "Wenn man mal unsere erste Sieben nimmt: Da sind einige Jungs dabei, die spielen bei Top-Vereinen in der Bundesliga und in der Champions League. Natürlich sind ein paar Back-up-Spieler etwas jünger. Aber das hat ja auch seine Reize. Ich glaube, die Gegner werden ein paar Jungs von uns nicht auf der Rechnung haben - zum Beispiel die drei aus Wetzlar. Dieses Unbekannte ist eine Stärke von uns", sagt Roggisch.
Vor der EM 2012 in Serbien (Platz 7 für Deutschland) hat der 34-Jährige das Amt des Spielführers übernommen. Er führt es dank seiner natürlichen Autorität ruhig und besonnen - im Gegensatz zu seinen Vorgängern Pascal Hens und Michael Kraus, die ihre Schwierigkeiten mit der Binde hatten. "Ich hatte das Gefühl, dass Mimi Kraus zu viel Verantwortung übernehmen wollte. Er hat sich Gedanken gemacht, was kann er als Kapitän noch besser machen. Das tue ich nicht. Ich spiele mein Spiel genauso. Und nehme mich auch nicht zu wichtig", so Roggisch. Diese Mannschaft zu führen sei so "easy". Da habe der Spielführer gar nicht so viele Aufgaben.
Trumpfkarte Teamgeist
Die Jung-Nationalspieler schätzen jedenfalls die Leader-Qualitäten von Roggisch. Seine offene Art kommt an, bei Linksaußen Kevin Schmidt zum Beispiel, der sagt: "Oli versteht sich mit jedem im Team, ob alt und jung. Er geht als Kapitän mit seinem Kampfgeist vorneweg. Er gibt uns Ruhe mit. Ich weiß, dass Oli immer ein offenes Ohr hat, Fragen stören ihn nie."
Auf diesen Teamgeist baut auch Bundestrainer Heuberger. Er hat keine Individualisten, die ein Spiel alleine entscheiden können. Die Mannschaft muss harmonieren und über Kombinationen zum Erfolg kommen. Dass es untereinander stimme, hört man von allen Seiten. Oliver Roggisch sagt: "Ich dachte nicht, dass das Teamgefühl besser sein könnte als in den vergangenen Jahren. Aber diesmal ist es nochmal einen Tick nach vorne gegangen."
Viel Arbeit für den Innenblock
So kann sich Roggisch verstärkt auf seine Abwehrarbeit auf dem Feld konzentrieren. Das wird auch nötig sein. Der letzte Test gegen die zweitklassigen Rumänien (35:25) zeigte, dass es im Innenblock noch Steigerungsmöglichkeiten gibt. Roggisch ist neben dem Göppinger Michael Haaß erste Option in der Deckung. Bekommt Haas eine Verschaufpause, rückt Patrick Wiencek neben Roggisch nach innen.
Manchmal zu "ungestüm" sei der deutsche Kapitän zu Werke gegangen, stellte Ex-Nationalspieler Stephan Kretzschmar fest. An Roggisch' Qualitäten zweifelt er allerdings nicht: "Er ist der aggressive Abwehrspieler, der auch international die größte Reputation in der deutschen Mannschaft hat. Die anderen Teams agieren ganz anders gegen uns, wenn ein Olli Roggisch in der Abwehr steht."
Gleich zum WM-Auftakt müssen Roggisch und Co. die gegnerischen Angriffsreihen aus Brasilien und Tunesien (Sonntag) entschärfen. Ein guter Start in die WM ist für das junge deutsche Team diesmal besonders wichtig, um Selbstvertrauen zu tanken. Der Kapitän denkt aber schon weiter. Oliver Roggisch: "Im Endeffekt ist es egal, welche Spiele wir gewinnen. Wir müssen ins Achtelfinale kommen, nur das zählt."
Stand: 11.01.2013, 08:00