Vorrunde als Stolperfalle für die DHB-Auswahl?

Kiril Lazarov feiert ein Tor für Mazedonien

Handball-EM

Vorrunde als Stolperfalle für die DHB-Auswahl?

Von Robin Tillenburg

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat bei der Europameisterschaft in Kroatien auf den ersten Blick eine machbare Vorrundengruppe erwischt. Doch der Eindruck täuscht ein wenig.

Es hätte schlimmer sein können. Mit Montenegro, Slowenien und Mazedonien ist die Vorrundengruppe C kein "Worst-Case-Szenario" für die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Es wäre durchaus auch möglich gewesen, dass man beispielsweise in einer Gruppe mit Dänemark, Norwegen und Island landet.

Nur Slowenien glänzte zuletzt bei Turnieren

Die drei Gruppengegner waren bei den letzten beiden großen Turnieren, nämlich der Weltmeisterschaft 2017 und der EM 2016, bis auf eine Ausnahme eher weniger erfolgreich. Montenegro war für die WM nicht qualifiziert, bei der EM schied man in der Vorrunde ohne Punkte aus, Mazedonien war bei der Weltmeisterschaft zuletzt im Achtelfinale,  bei der EM schaffte man es bis in die Hauptrunde, war dort aber chancenlos. In der Qualifikation sicherten sich die Mazedonier jedoch den Gruppensieg und ließen dabei unter anderem Island hinter sich.

Die Slowenen indes gewannen bei der Weltmeisterschaft, bei der Deutschland schon im Achtelfinale gegen Katar ausgeschieden war, sensationell die Bronzemedaille. Bei der vorherigen Europameisterschaft, bei der die DHB-Auswahl unter Dagur Sigurdsson den Titel holte, war bereits in der Vorrunde in der deutschen Gruppe Endstation für die Mannschaft von Veselin Vujovic. Allerdings war die Gruppe mit Deutschland, Schweden und Spanien auch die schwerste aller Vorrundengruppen. In der Qualifikation für das Turnier in Kroatien setzte sich Deutschland übrigens zweimal gegen die Slowenen durch.

Unterstützung von den Rängen

Das liest sich weitestgehend so, als würde die DHB-Auswahl in Normalform gegen keinen der Gegner größere Probleme bekommen. Da das Turnier aber in Kroatien stattfindet, das geografisch wie alle drei Gruppengegner der Deutschen dem Balkan zugeordnet werden kann und das für die jeweiligen Fans mit nur wenig Reiseaufwand erreicht werden kann, hat der Europameister hier einen Nachteil.  

Traditionell leben gerade die Mannschaften aus dieser Region sehr von ihren frenetischen Fans und sind daher zumeist heimstark. Das war auch in der Qualifikation nicht anders. Montenegro, das von den vier Teams zumindest nominell schwächste, besiegte in eigener Halle unter anderem beispielsweise die Schweden. Und auch wenn es kein "echter" Heimvorteil ist, dürfte die DHB-Auswahl in der Vorrunde in keiner Partie die Mehrzahl der Fans stellen.

Veselin Vujovic gestikuliert an der Linie

Veselin Vujovic gestikuliert an der Linie

Die Hauptrunde hat es in sich

Da kann es durchaus passieren, dass man auch gegen die drei nominell schwächer besetzten Gegner einmal ins Straucheln gerät.  Einen Aussetzer erlaubt sich gerade im Handball und bei den vollen Spielplänen nahezu jede Mannschaft in so einem Turnier mal. Aber, und das ist die Krux, eigentlich darf der DHB sich diesmal in der Vorrunde keinen Punktverlust leisten. Die ersten drei Teams jeder Gruppe landen in einer der beiden Hauptrundengruppen und nehmen die erzielten Punkte aus den Spielen gegen die zwei anderen Teams aus der Vorrundengruppe, die ebenfalls weiterkommen, mit. 2016 verlor Deutschland beispielsweise gegen Spanien, besiegte dann Schweden und ging somit mit 2:2 Punkten in die Hauptrunde, wo man dann gegen Ungarn, Dänemark und Russland jeweils siegte.

Damals waren die drei Vorrundengegner in der Summe jedoch stärker als die drei im Anschluss folgenden Kontrahenten. Das ist diesmal definitiv anders. Sollte alles normal laufen, warten in der Hauptrunde Dänemark, Spanien und Ungarn.

Montenegro: Champions-League-Sieger Borozan

Auf wen sollte die DHB-Auswahl also achten, wenn sie zuerst auf Montenegro, dann auf Slowenien und schließlich auf Mazedonien trifft, um dieses Szenario zu vermeiden? Grundsätzlich sollte sie zunächst einmal keinen Gegner unterschätzen, doch  der Auftaktgegner ist sicherlich der schwächste.

Montenegro hätte in Vuko Borozan im linken Rückraum eigentlich eine echte Waffe. Der 23-Jährige spielte früher für TUS N-Lübbecke in der Bundesliga, ehe es ihn zu Vardar Skopje zog. Dort gewann er auf Anhieb in der vergangenen Saison die Champions League und ist beim mazedonischen Topklub eine feste Stütze. Das ist er auch für sein Heimatland, mit insgesamt 50 Toren war er zweitbester Torschütze der Qualifikation überhaupt. Doch gegen die deutsche Mannschaft fällt Borozan aus. Er hat sich bei einem Autounfall eine Oberschenkel-Verletzung zugezogen.

Der ewige Lazarov und Sloweniens Kollektiv

Nur einer war besser als Borozan: Kiril Lazarov. Der Halbrechte der Mazedonier erlebt mit 37 Jahren seinen x-ten Frühling und ist jedem Handballfan längst ein Begriff, mit über 1.000 Treffern ist er außerdem Rekordtorschütze der Champions League. Das Offensivspiel Mazedoniens dreht sich weiterhin um die enorme Torgefahr des Kapitäns, auch wenn ein Verjüngungsprozess stattgefunden hat. Weitere bekannte Namen im Team, das vom Spanier Raul Gonzalez trainiert wird: Filip Taleski von den Rhein-Neckar Löwen oder Torhüter-Routinier Borko Ristovski.

Bei den Slowenen alle starken Spieler zu nennen, würde zu lange dauern. Die Mannschaft des ehemaligen Welthandballers Veselin Vujovic ist im Kollektiv brandgefährlich, was ihr auch die Bronzemedaille bei der WM bescherte. Spieler wie Barcelonas Jure Dolenec, Kiels Miha Zarabec oder  Magdeburgs Marko Bezjak sind allesamt europaweit längst bekannt. Rechtsaußen Blaz Janc gilt als eines der größten Talente auf seiner Position.

Zwei der individuell gefährlichsten Torjäger des gesamten Turniers, dazu der Bronzemedaillengewinner der WM mit einem starken Kollektiv und frenetische gegnerische Fans: Die DHB-Auswahl ist zwar ohne Frage der Favorit in Gruppe C, doch darf sie sich auch früh im Turnier wohl keine Schwächephase erlauben, will sie tatsächlich bis ins Halbfinale vorstoßen.

Stand: 12.01.2018, 10:51

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