Handball-EM - die Bedeutung des Siebenmeters

Berlins Silvio Heinevetter (l.) pariert einen Siebenmeter von Magdeburgs Robert Weber

Handball-EM

Handball-EM - die Bedeutung des Siebenmeters

Von Frank van der Velden

Siebenmeter können den Ausgang eines Handballspiels entscheidend beeinflussen. Meist treten Außenspieler zum Strafwurf an, die Torhüter versuchen es mit Psychotricks.

Die beiden letzten Minuten im Spiel der Handball-Bundesliga zwischen den Füchsen aus Berlin und dem SC Magdeburg am zweiten Weihnachtstag haben es in sich. Zwei Minuten vor Schluss bekommen die Hauptstädter einen Siebenmeter zugesprochen, den Petar Nenadic verwandelt und auf 22:23 aus Sicht der Füchse verkürzt.

In der letzten Spielminute gleicht der Serbe aus - erneut per Siebenmeter. In der allerletzten Sekunde des Spiels bekommt dann der SC Magdeburg einen Strafwurf. Robert Weber kann bei abgelaufener Uhr den Sieg perfekt machen, doch Berlins Torwart Silvio Heinevetter pariert und rettet seinem Team einen Punkt.

Siebenmeter können den Ausschlag geben

Mit diesem guten Gefühl reist Heinevetter nun zur Europameisterschaft nach Kroatien. Dort will Deutschland den Titel verteidigen und trifft in Gruppe C auf Montenegro, Mazedonien und Slowenien. Der 33-Jährige Heinevetter ist neben Andreas Wolff einer der beiden Torhüter.

Bundestrainer Christian Prokop hofft, dass das Duo auch bei der EM die Siebenmeter des Gegners entschärft. Denn Strafwürfe können ein Spiel entscheiden. Vor allem in engen und heiß umkämpften Partien kann ein verwandelter oder gehaltener Siebenmeter den Ausschlag geben - wie zuletzt in Berlin.

Nervenaufreibender Moment

Deutschlands Torwart Carsten Lichtlein beim Siebenmeter

Deutschlands Torwart Carsten Lichtlein beim Siebenmeter

Für den Torwart und den Schützen ist das Eins-gegen-Eins-Duell ein nervenaufreibender Moment. Das weiß zum Beispiel Carsten Lichtlein. Der Mann vom VfL Gummersbach ist bei der EM zwar nicht dabei, er ist aber der Torwart, der in der Bundesliga die meisten Siebenmeter gehalten hat - nämlich 485. "Eine große Reichweite ist natürlich von Vorteil, entscheidend ist aber auch das Stellungsspiel. Ich komme zum Beispiel immer sehr weit heraus, bis auf drei, vier Meter", sagt der Europameister von 2016.

Zudem setzt er auf die Videoanalyse. "Im Vorfeld studiert man die jeweiligen Schützen. Welche ist ihre Lieblingsecke, welche Bewegungen machen sie? Am Ende gehört aber immer auch etwas Glück dazu", erklärt Lichtlein.

Reflexe und Psychotricks

Dennoch zieht der Torwart meist den Kürzeren. Er muss auf die Nervenschwäche seines Gegenübers oder auf die eigenen Reflexe hoffen. Aktuell bester Siebenmeter-Killer der Bundesliga ist mit einer Quote von 36,36 Prozent gehaltener Würfe der Göppinger Primoz Prost. Er entschärfte 16 von 44 Würfen.

Im Gegensatz zum Spieler können Torhüter mit psychologischen Tricks arbeiten. Anders als beispielsweise beim Fußball dürfen sie sich vor dem Wurf bewegen und sogar bis zu vier Meter weit aus ihrem Kasten kommen. Die einen zappeln rum, die anderen warten stoisch, wieder andere versuchen es mit provokanten Gesten oder Sprüchen. Auch die Trainer greifen gerne mal in die Trickkiste und wechseln vor der Ausführung den Keeper.

"Reine Kopfsache"

Hans Lindberg

Hans Lindberg

Hans Lindberg ist davon meist nicht zu beeinflussen. Der Däne in Diensten der Füchse Berlin ist von der Linie eine Bank. Seit 2007 hat er 821 Siebenmeter verwandelt. Sein Erfolgsrezept ist seine Nervenstärke. "Für mich ist es eine Möglichkeit, ein einfaches Tor zu werfen. Es ist kein Abwehrspieler da. Reine Kopfsache", sagt er.

Auch Lindberg setzt auf die Videoanalyse und stellt sich vor dem Spiel auf die gegnerischen Torhüter ein. "Ich studiere ihre Bewegungen. Wann reagieren sie? Was machen Arme und Beine?", erklärt er.

Ein Rückraumspieler unter den Top 15

Lindberg spielt auf Rechtsaußen. Die Flügelspieler scheinen für einen Siebenmeter prädestiniert. Das zeigt die Statistik der Handball-Bundesliga. Unter den aktuell besten 15 Siebenmeterschützen gibt es mit Andy Schmid von den Rhein-Neckar-Löwen genau einen Rückraumspieler.

Die meisten Tore von der Linie hat der Göppinger Marcel Schiller erzielt. Er verwandelte 73 von 87 Strafwürfen. Die beste Trefferquote hat mit 88,24 Prozent Michael Allendorf aus Melsungen. Er versenkte 30 von 34 Würfen im Netz.

Außenspieler mit Tricks und Finten

Uwe Gensheimer

Uwe Gensheimer

Außenspieler sind technisch sehr gut ausgebildet. Während Rückraumspieler vor allem einen harten Wurf haben, gehen die Außen filigraner zu Werke. Sie haben jede Menge Tricks und Finten drauf, ihre Würfe sind variabel, und sie haben ein gutes Auge. Heber, Dreher, Wurftäuschung, Aufsetzer, Verzögerung - alles das gehört zum Repertoire der Außen. "Wir sind kaum ausrechenbar", sagt Uwe Gensheimer. Der Linksaußen von Paris St. Germain wird bei der EM die deutschen Siebenmeter werfen und gilt als treffsicher. Sein Stellvertreter von der Linie ist Melsungens Rechtsaußen Tobias Reichmann.

Der Siebenmeter beim Handball hat eine viel größere Bedeutung als der Elfmeter beim Fußball oder der Penalty beim Eishockey. Das belegt eine Studie des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule in Köln (DSHS). Die Wissenschaftler haben alle Siebenmeterwürfe bei den Europameisterschaften von 2004 bis 2010 untersucht. So fielen bei der EM 2010 in Österreich 11,45 Prozent aller Treffer per Siebenmeter. 308 Tore bei 419 Würfen ergeben eine Erfolgsquote von 73,51 Prozent. 8,8 Prozent aller Torwürfe wurden von der Siebenmeterlinie abgegeben.

Siegreiche Teams mit höherer Trefferquote

Gute Torhüter und sichere Schützen: Das deutsche Team kann in Sachen Siebenmeter gelassen zur EM in fahren. Denn in der Studie der DSHS heißt es, "dass erfolgreiche Mannschaften einerseits über die Torhüter verfügen, die die die meisten Siebenmeter halten, und andererseits die erfolgreichsten Werfer haben" und "dass siegreiche Teams eine circa zehn Prozent höhere Trefferquote beim Siebenmeter aufweisen als unterlegene Teams."

In Kroatien kann es dann auch wieder zum Duell zwischen Silvio Heinevetter und Robert Weber kommen - jedenfalls theoretisch, denn auch Österreich ist für die EM qualifiziert. Und während Heinevetter dann ganz selbstbewusst sein kann, wird sich Weber so seine Gedanken machen.

Thema in: Sportschau live, das Erste, 15.1., ab 18 Uhr

Stand: 10.01.2018, 08:30

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