Weinhold - der stille Anführer

Steffen Weinhold im Trikot des DHB

Neuer DHB-Kapitän

Weinhold - der stille Anführer

Von Robin Tillenburg

Steffen Weinhold ist der neue Kapitän der deutschen Handballer. Der Rückraumspieler ist kein streitbarer Lautsprecher, kein Emotionsvulkan, der stets vor dem Ausbruch steht. Er bevorzugt leise Töne und Akzente "auf der Platte".

Uwe Gensheimer, der eigentlich Kapitän der aktuellen DHB-Auswahl wäre und verletzt für die EM in Polen absagen musste, ist in der Vergangenheit immer erste Wahl gewesen, wenn es darum ging, der Nationalmannschaft ein frisches, dynamisches, medientaugliches Gesicht zu geben. Genau wie bei seinem Verein, den Rhein-Neckar-Löwen. Vorgänger Oliver Roggisch war ein "aggressive leader", der in der Abwehr knallhart zupackte und auch mal überhart Akzente setzte und stets maximal emotional in die Partie ging. Auch Pascal Hens und Michael Kraus waren mediale Lieblinge und echte "Lautsprecher" auch abseits des Platzes - nun also Weinhold, von dem man abseits des Spielfeldes eigentlich nie viel mitbekommt, der sich in Interviews meist ruhig und diplomatisch gibt, keine Profile in sozialen Medien unterhält und auch auf dem Feld keiner wie Roggisch oder Torhüter Silvio Heinevetter ist, die auch mal negative Emotionen, in Sportlersprache sogenannte "Zeichen", aktiv ausleben.

"Wahl-Nordlicht" aus Fürth

Der 29-Jährige wurde in Fürth geboren, spielt aber seit 2012 im hohen Norden Schleswig-Holsteins. Zunächst bei der SG Flensburg-Handewitt, mit der er 2014 die Champions League gewann und seit dem Sommer 2014 eben nun für den Rekordmeister THW Kiel, mit dem er 2015 Deutscher Meister wurde. Dass Weinhold sowohl in Flensburg, als auch in Kiel sofort Publikumsliebling geworden ist und irgendwie weder Weggefährten noch Gegner, die ihn in seiner Karriere getroffen haben, ein böses Wort über ihn verlieren, liegt an seinem Wesen, das dem Klischee des stoisch ruhigen, etwas unterkühlt wirkenden norddeutschen Arbeiters schon ziemlich nahe kommt - trotz fränkischer Herkunft. Abseits des Platzes geht es beim Linkshänder auch vor allem sportlich zu: Surfen und Ski-fahren zählen zu seinen Hobbies.

Wer in Weinhold nun aber einen spröden, etwas eindimensionalen Zeitgenossen vermutet, der zum Lachen in den Keller geht, liegt falsch. In Gesprächen und Interviews, die nicht direkt nach Spielschluss stattfinden, schimmern immer wieder ein Hauch von (Selbst-)Ironie und ein leichtes Schmunzeln durch. Ganz nebenbei studiert er übrigens Internationales Management.

Hohe Spielintelligenz

"Er ist ein starker Spieler und er ist ein Führungsspieler. Außerdem ist er erfahren und hat in der jungen Mannschaft eine hohe Akzeptanz", erklärt der Bundestrainer seine Wahl für den Halbrechten, der aber auch, eher untypisch für einen Linkshänder, die meist aufgrund ihrer Seltenheit auf der rechten Seite "festgewachsen" sind, auf der Mitte eingesetzt werden kann - dank seiner Spielintelligenz.

Denn der knapp 1,91 m große Rückraumspieler ist kein klassischer Werfer, der über den Block steigt und ihn aufgrund von Sprungkraft gepaart mit Größenvorteilen überwinden kann. Der eher "kleine" Weinhold muss die gegnerische Defensivreihe genau im Blick haben, Lücken erspähen und die dann mit aller Gewalt anvisieren, oder eben die Gegenspieler täuschen, um zum Torerfolg zu kommen. Das geht nur mit Spielintelligenz, enormer Athletik und Übersicht. Drei Tugenden, die ihn auch in der Abwehr zu einem wertvollen Trumpf machen. Denn trotz seiner Größennachteile gegenüber vieler Rückraumspieler ist Weinhold eine echte Bank in der Defensive. Seine gut 100 Kilogramm Körpermasse setzt er beweglich, taktisch klug und kompromisslos ein - denn wer vorn mitten im Geschehen so viel einstecken muss wie Weinhold, der weiß auch, wie man hinten austeilt.

Von den Besten gelernt

Steffen Weinhold gegen die SG Flensburg-Handewitt

Kräftig durchpusten: Steffen Weinhold geht dahin wo es weh tut

Schon bei den Weltmeisterschaften 2015 und 2013 war der variable Angreifer einer der Aktivposten im deutschen Team und hat sich über die Jahre ein hohes Ansehen über die Landesgrenzen hinaus erarbeitet. Leichte Schwächen, die ihm in früheren Jahren noch in Sachen Abschluss und Torgefahr aus der Distanz nachgesagt wurden, hat er unter, wie er selbst sagt, "drei der besten fünf Trainer der Welt", nämlich Ljubomir Vranjes (Flensburg), Alfred Gislasson (Kiel) und eben Bundestrainer Dagur Sigurdsson, inzwischen ausgemerzt. Seine Schlag- und Hüftwürfe aus dem Stand sind stets gefährlich und wenn die Deckung doch mal den Fehler macht und die Arme nicht zum Block erhebt, trifft Weinhold eben auch aus dem Sprungwurf von jenseits der 9-Meter-Linie.

Ist der Mann, der bei seinen Aktionen meist mit weit aufgeblasenen Wangen kräftig durchpustet aber auch jenseits seiner unbestrittenen spielerischen Extraklasse der richtige Anführer? Ja. Seine Ruhe und eben die große menschliche und sportliche Akzeptanz können der jungen, auf vielen Positionen international nicht so erfahrenen Mannschaft Stabilität und Sicherheit geben. "Ich bin der Meinung, dass wir auf dem Weg sind, eine Mannschaft zu bauen, die die nächsten acht bis zehn Jahre zusammenhalten wird und eine neue Ära begründen kann", erklärte der Bundestrainer zuletzt und sein neuer Kapitän soll dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Geht die Titelsammlung weiter?

Sollte Weinhold seiner 2014 gestarteten Serie von verschiedenen gesammelten Titeln auch in diesem Jahr treu bleiben, könnte es Ende Januar also durchaus der EM-Titel für das DHB-Team werden. Diese Prognose ist sicherlich mit "kühn" noch vorsichtig beschrieben, auch wenn die Mannschaft um ihren neuen Kapitän gegen keinen Gegner absolut chancenlos sein dürfte. Sollte die Mannschaft aber tatsächlich bis ins Halbfinale vorstoßen, oder gar den Titel gewinnen, wird Weinhold zwar ganz sicher nicht der emotionalste unter den Jublern sein, doch mehr als ein leichtes Schmunzeln sollte ihm der EM-Pokal dann wohl doch entlocken können.

Stand: 05.01.2016, 11:20

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