Anführer Fäth auch gegen Norwegen gefordert

Steffen Fäth

Handball-EM in Polen

Anführer Fäth auch gegen Norwegen gefordert

Er stammt aus Frankfurt, spielt noch in Wetzlar und isst am liebsten Rahmschnitzel: Steffen Fäth ist auf einmal in aller Munde. Auch im Halbfinale gegen Norwegen (Live-Ticker am Freitag ab 18.15 Uhr auf sportschau.de) muss der 25-Jährige eine Topleistung bringen, damit Deutschland sich den Traum vom Finaleinzug erfüllen kann.

Geschichte wiederholt sich nicht? Geschichte wiederholt sich doch. Zumindest für Steffen Fäth muss das alles, was der neue Rückraum-Star der deutschen Handball-Nationalmannschaft gerade in Polen erlebt, irgendwie bekannt vorkommen. Ausrufezeichen gegen Dänemark zu setzen - wie seine siegbringenden sechs Tore im entscheidenden Hauptrundenspiel gegen die Skandinavier (25:23) -, das ist speziell dem 25-Jährigen aus seiner Historie im Deutschen Handball-Bund (DHB) nicht ganz unbekannt.

Im August 2008 war es, als die DHB-Jugend mit einem 31:27 gegen Dänemark den EM-Titel gewann. Klaus Dieter Petersen trainierte vor siebeneinhalb Jahren diese Ansammlung von Talenten, aus denen schon damals der in Frankfurt geborene Junge mit dem kräftigen Armzug herausstach.

Stütze erst mit Anlauf

Nach dem Turnier wurde er als "MVP" (Most Valuable Player) der Jugend EM 2008 ausgezeichnet. Zwei Jahre später kürte ihn der Internationale Handball-Verband (IHF) dann sogar noch zum "Rookie of the year". Und doch hat es gebraucht, bis dieser bisweilen etwas zurückhaltende Rückraumschütze richtig durchstartete, nachdem er 2010 zur HSG Wetzlar wechselte.

Fäths Karriere erzählt ein bisschen die Geschichte von Sportlern, die in jungen Jahren erst den Überflieger geben, dann aber eine Weile brauchen, um die vielen Versprechen auch einzulösen. 2008/2009 hatten ihn die Rhein-Neckar Löwen zwar in der Bundesliga debütieren lassen, ihn dann aber an den VfL Gummersbach ausgeliehen und ein Zweitspielrecht bei der HSG FrankfurtRheinMain gegeben. Es brauchte dort fast zwei Jahre, bis er sich zu einer verlässlichen Stützte entwickelte.

Fortschritte auf polnischem Parkett

Mittlerweile ist der in Frankfurt-Goldstein am südlichen Mainufer aufgewachsene Fäth längst mehr: Sein spielerisches Vermögen - wie die gekonnten Kreisanspiele - hat dazu geführt, dass ihn Bundestrainer Dagur Sigurdsson vermehrt auf der Position Rückraummitte einsetzte. Im Halbfinale gegen Norwegen (Freitag 18.30 Uhr) wird der bodenständige Handballer - aus Dankbarkeit hat er sich die Namen seiner Eltern auf die Oberarme tätowieren lassen - aber wieder als Torschütze gefragt sein.

"Es gibt noch nichts zu feiern", sagt Fäth, "klar war das ein großer Erfolg für uns, aber jetzt kommt das Halbfinale und es geht nur noch darum, dass wir zwei Spiele gewinnen müssen bis zum Titel. Das muss jetzt das Ziel sein." Die Fortschritte der Nummer 23 auf polnischem Parkett sind beachtlich.

Gar nicht viel nachdenken

Alle Zweifler, die vor dem Dänemark-Spiel glaubten, ohne Steffen Weinhold und Christian Dissinger fehle der DHB-Auswahl wichtige Leitfiguren, die in kritischen Situationen aus dem Rückhalt die Lücke finden, widerlegte ausgerechnet Fäth. "Da darf man gar nicht so viel drüber nachdanken. Man muss einfach versuchen, das zu tun, was man kann", sagte er nach der Partie dem hr-sport. "Wenn man in den Situationen ängstlich ist, dann wird das eh nichts."

Selbstverständlich war das jedoch nicht, dass der 1,95 Meter und 98 Kilo schwere Shooter so angstfrei agierte - zuvor waren ihm in 33 Länderspielen vergleichsweise bescheidene 63 Tore geglückt. Vielleicht auch deshalb prasselten so viele Lobeshymen auf ihn herab, der teilweise auf der Königsposition im linken Rückraum auf Weltklasseniveau agierte. Das war elementar, um mit einem historischen Kraftakt ins Halbfinale gegen den Überflieger Norwegen einzuziehen.

Anteil bei Kai Wandschneider

ARD-Kommentar Florian Nass hatte über Fäths Bedeutung im Vorfeld bei hessenschau.de treffend geurteilt: "Fäth muss man als allersten nennen, wenn es um die Kompensierung der Ausfälle geht." Er spiele ein bemerkenswertes Turnier - und zwar nicht nur als Torschütze, "da ist er ja ohnehin gefährlich." Nass: "Er hat sich gewaltig weiterentwickelt bei der HSG Wetzlar."

Großen Anteil daran hat wiederum HSG-Trainer Kai  Wandschneider, der dem "ewigen Talent" Schritt für Schritt im Verein mehr Verantwortung übertrug. Dabei profitierte der Deutsche enorm von den Erfahrungen des ehemaligen Welthandballers Ivano Balic, an dessen Seite Fäth lernen durfte - und sich dabei viel abschaute.

Wechsel nach Berlin

Erstaunlich, welch großen Beitrag der kleine Verein aus Wetzlar für die Nationalmannschaft leistet: Mit Torwart Andreas Wolff, Kreisläufer Jannik Kohlbacher und eben Fäth kommen drei Akteure von der HSG, die am Mittwoch vor dem Testspiel gegen HC Motor Zaporozhye ein gemeinsames Public Viewing ausgerichtet hat, um ihr Trio aus der Ferne anzufeuern.

Dumm nur: Die Mittelhessen, die in der Handball-Bundesliga als anerkannter Ausbildungsbetrieb eine Rolle spielen wie der 1. FSV Mainz 05 im Fußball, werden neben Wolff (wechselt zum THW Kiel) auch Fäth im Sommer an die besser betuchte Konkurrenz in den Handball-Hochburgen verlieren. Der junge Familienvater, der über den Verein eine Lehre zum Kaufmann für Bürokommunikation abschloss, hat sich frühzeitig zu einem Wechsel zu den Füchse Berlin entschlossen.

hel | Stand: 28.01.2016, 13:22

Darstellung: