Starke Handballer ohne Ende

Dynamisch: Kai Häfner in Aktion gegen Dänemark

Deutschland im Halbfinale der EM

Starke Handballer ohne Ende

Von Volker Schulte (Krakau)

Zu den vielen Details, die im deutschen Handballteam beeindrucken, gehört Kai Häfner. Kaum nachnominiert, trägt er einen guten Teil zum Sieg gegen Dänemark bei. Das sagt viel über ihn aus - und über den deutschen Handball.  

Die Erwartungen waren nicht unbedingt klein, als zwei Tage vor dem letzten Hauptrundenspiel bekannt wurde, dass Kai Häfner für den verletzten Steffen Weinhold nachnominiert wird. Denn der Rückraumspieler des TSV Hannover-Burgdorf war in der Hinrunde mit 110 Treffern erfolgreichster Feldtorschütze der Bundesliga. Doch dass Häfner es schafft, diese Erwartungen beim 25:23-Sieg gegen die favorisierten Dänen ohne Startprobleme zu erfüllen, ist dann doch bemerkenswert. So wird der 26-Jährige auch heute in Krakau im Halbfinale gegen Norwegen (ab 18.05 Uhr live im ZDF und im Live-Ticker auf sportschau.de) wieder eine wichtige Rolle einnehmen.

"Wir waren super taktisch ausgerichtet", sagte Häfner einen Tag nach seinem so erfolgreichen EM-Debüt. "Und dann habe ich mir einfach gesagt: Loslegen, Handball spielen - wieso soll es nicht funktionieren?" Eben, in der Bundesliga läuft es ja auch. Diesen Effekt hatte auch Bundestrainer Dagur Sigurdsson im Kopf bei der Nachnominierung. "Kai hat wahrscheinlich die beste Hinrunde aller Spieler hier gespielt, kommt mit sehr viel Selbstvertrauen. Auch im Training kurz vor dem Turnier in Berlin war er sehr, sehr gut."

Qual der Wahl

Dass Sigurdsson Häfner bei so viel Wertschätzung nicht schon von vornherein nominiert hat, liegt vor allem an der Konkurrenz auf der Position im rechten Rückraum. Weinhold war dort als Kapitän und Leistungsträger gesetzt. "Natürlich sind wir davon ausgegangen, dass Weinhold 60 bis 80 Prozent der Zeit spielt", sagte Sigurdsson. Die Wahl des zweiten Mannes sei ihm schwer gefallen, letztlich erhielt aber Fabian Wiede den Vorzug. "Er ist sehr jung und passt sehr gut mit Weinhold zusammen."

Wiede ist ein anderer Spielertyp als Weinhold, weniger defensivstark, dafür sehr wendig, sprungkräftig und mit einem präzisen Wurf ausgestattet. Mit ihm kann Sigurdsson die große Stärke seiner Mannschaft noch besser ausspielen: die Flexibilität, die das Team so schwer berechenbar macht. Häfner ist Weinhold ähnlicher, ebenfalls sehr dynamisch und kampfstark. Das wurde ihm bei der Kadernominierung zum Verhängnis.

Wiede überzeugt

Mit der Entscheidung für Wiede lag Sigurdsson richtig. Gegen Ungarn war der 21-Jährige mit sechs Treffern Topscorer, gegen Dänemark legte er fünf Tore nach und erhielt mit fast 55 Minuten nach Torwart Andreas Wolff die meiste Spielzeit. Es lag vor allem an ihm und an Steffen Fäth, dass die Mannschaft den Ausfall von Weinhold und Christian Dissinger im Rückraum kompensierte. Der ebenfalls nachnominierte Julius Kühn vom VfL Gummersbach fügte sich mit einem Treffer in knapp zwölf Minuten ebenfalls gut ein. Besonders aber imponierte Häfner: direkt übernahm er in seinen knapp 17 Einsatzminuten Verantwortung, nahm sechs Würfe, verwandelte drei davon.

Weinhold war wenig überrascht von der Leistung der Neuen. "Dass sie Potenzial haben, zeigen sie Woche für Woche in der Bundesliga." Und genau dort liegt das Erfolgsgeheimnis der aktuellen Nationalmannschaft. In den stark besetzten Klubs der Bundesliga konnten sich in den vergangenen Jahren viele deutsche Talente weiterentwickeln, auf hohem Niveau messen und letztlich durchsetzen.

Enormer Fundus an Nachrückern

Noch einmal zur Erinnerung: Schon vor Turnierbeginn waren wichtige Säulen wie Kapitän Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki und Paul Drux wegen Verletzungen weggebrochen. Mittlerweile fehlt eine komplette erste Sechs plus Auswechselspieler. Doch der Fundus an starken Nachrückern scheint derzeit unerschöpflich. Sie profitieren alle von Bundestrainer Sigurdsson, dem Ruhepol und Taktikfuchs, der die vielen EM-Debütanten optimal einstellt. Hinzu kommt noch die Erfolgswelle, die Deutschland nach der Auftaktniederlage erwischt hat und die sie bis ins Halbfinale trug.

Stefan Kretzschmar, in Polen für die ARD als Handballexperte im Einsatz, hat schon zur vor einigen Tagen prophezeit: "Diese Generation wird irgendwann Medaillen gewinnen, davon bin ich hundertprozentig überzeugt." Nun könnte es schon viel früher als erwartet so weit sein, bis zur sicheren Silbermedaille fehlt nur noch ein Sieg gegen Norwegen. Und dann? Vielleicht fällt ja schon am Sonntag der Begriff der goldenen Generation.

Stand: 29.01.2016, 08:39

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