Überbelastung - Groetzkis Appell an die Kollegen

Patrick Groetzki wird vom Platz getragen

Auftakt der EM-Hauptrunde

Überbelastung - Groetzkis Appell an die Kollegen

Auch Patrick Groetzki schnupperte EM-Luft in Polen, allerdings nur in zivil. Der verletzte Rechtsaußen der Rhein-Neckar Löwen besuchte seine Nationalteamkollegen für zwei Tage in Breslau und nutzte die Gelegenheit auch, um Dampf abzulassen. Im Interview mit sportschau.de prangerte der 26-Jährige die Überbelastung der Handballprofis an und forderte eine Reform der Wettbewerbe - aber auch mehr Engagement seiner Spielerkollegen.

Die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen nach Ihrem Wadenbeinbruch?

Groetzki: Es geht ganz okay. Ich habe seit ein paar Tagen meine Krücken weggelegt, das ist schon mal ein großer Schritt, vor allem im Alltag. Ich habe mit der Reha begonnen, schaffe auf dem Spinning-Rad schon ein paar Minuten. Alles andere kommt dann in den kommenden Wochen hoffentlich.

Wann rechnen Sie mit einer Rückkehr aufs Feld?

Groetzki: Etwa Ende Februar will ich wieder spielen.

In der Nationalmannschaft sind Sie längst nicht alleine auf der Verletztenliste. Es fehlen zum Beispiel auch andere Leistungsträger wie Uwe Gensheimer, Patrick Wienczek oder Paul Drux. Ist das einfach nur Pech?

Groetzki: Das hat vielerlei Gründe. Auch in der Vergangenheit war es der Fall, dass einige Spieler gefehlt haben. Aber gerade in diesem Jahr ist es extrem, weil es auch andere Nationen trifft, zum Beispiel Frankreich. Das kann man schon darauf zurückführen, dass die Belastung in der Bundesliga, in anderen nationalen Ligen und Champions League für die Spieler der Topmannschaften einfach zu groß ist. Wer in der Nationalmannschaft spielt und in allen Wettbewerben weit kommt, kann auf fast 80 Spiele pro Jahr kommen. Außerdem sind die Spiele so gelegt, dass man kaum Zeit hat, durchzuschnaufen oder um noch mehr Zeit in seinen Körper zu investieren. Auch einige der gesunden Spieler hier oder vor der EM haben gesagt: Boah, ich bin ziemlich kaputt.

Führen Sie auch Ihre Verletzung auf die Überbelastung zurück?

Groetzki: Ja und nein. Verletzungen können im Sport immer passieren. Aber eben leichter, wenn man müde ist und der Muskel nicht mehr ganz so viel wegnehmen kann von den Gelenken. 

Wie kann man die Situation verbessern?

Groetzki: Das ist ein ganz komplizierter Sachverhalt, der nachhaltig gelöst werden muss. Es ist schwer zu schaffen, alle beteiligten Personen zufriedenzustellen. Verbände und Vereine müssen zurückstecken. National gibt es den Lösungsansatz, die Bundesliga zu verkleinern. Ich finde aber, man sollte sich ernsthaft Gedanken machen, die Champions League wieder anders aufzustellen. 14 Spiele in der Vorrunde statt bisher acht, das ist schon sehr anstrengend. Dazu kommt die Gruppeneinteilung nach Leistung. In den Gruppen A und B spielt man nur noch gegen richtig, richtig gute Mannschaften, muss jedes Mal ans Limit gehen. Und die Mannschaften aus den Gruppen C und D haben nicht unbedingt Chancen auf das Viertelfinale, und ihnen fehlen die Highlights gegen die Topteams. Das ist alles nicht wirklich gut gelöst. Ich finde auch, dass man bei einer EM schneller in die K.o.-Spiele gehen sollte - das würde zwar weniger, aber dafür mehr hochklassige Spiele garantieren.

Die Bundesliga ist mit 18 Mannschaften im internationalen Vergleich sehr groß. Die Zahl zu reduzieren, ist schon oft diskutiert worden. Wie würden Sie den Manager eines mittelklassigen Bundesligisten von dieser Idee überzeugen?

Groetzki: Das ist eine gute Frage. Sicher kommt immer das Argument, dass man zwei Heimspiele weniger hätte und dadurch weniger Einnahmen. Aber ich glaube, dass auch solche Vereine Ambitionen haben und den Traum, irgendwann einmal international zu spielen. Und dann merkt jeder Manager selbst, wie hoch die Belastung ist und dass er vielleicht noch einen Spieler mehr braucht. Mehr Pausen würden jedem Spieler helfen und ihn leistungsfähiger machen. Über allem steht dann natürlich noch der Erfolg der Nationalmannschaft. Wenn wir alle ausgeruhter und mit weniger Verletzungen zu den Lehrgängen und Länderspielen kämen, würde auch die Nationalmannschaft  erfolgreicher sein. Sie ist ein Zugpferd für den Handballsport, deshalb werden am Ende auch die Vereine wieder profitieren. Das ist doch ein wirklich gutes Argument.

Liegt die Verantwortung nicht auch bei den Trainern, ihre Spieler zu schonen, wenn es nötig ist?

Groetzki: Sicher liegt da eine hohe Verantwortung - aber für die Trainer ist es nicht einfach, weil sie auch unter Erfolgsdruck stehen. Sie müssen Ergebnisse liefern, sonst sind sie am Ende ihren Job los. Deshalb kann man verstehen, dass vielleicht der eine oder andere Trainer nicht ganz so viel rotiert. Man hat in der Bundesliga außerdem ein hohes Niveau und nicht jeder Verein kann sich einen Kader leisten, der über zwölf bis vierzehn Positionen ausgeglichen ist.

Auch die Spieler haben die Möglichkeit, sich zu melden, wenn sie eine Pause brauchen.

Groetzki: Klar muss man besser auf sich hören. Aber jeder Spieler hat einen Riesenehrgeiz. Man möchte um die Meisterschaft mitreden und in der Champions League weit kommen, hat jeden dritten Tag ein wichtiges Spiel - da möchte man sich am Ende nicht vorwerfen, dass man vielleicht doch hätte spielen können. Das macht es sehr schwer für den Spieler. Man hat aber auch die Verantwortung, seine Meinung zu der Belastungssituation kundzutun. Wenn sich nicht nur Vereinsvertreter, sondern auch viele Spieler von den Topmannschaften äußern und auch zusammentun, muss vielleicht noch deutlich mehr nachgedacht werden über alles.

Was würden Sie in dieser Hinsicht konkret unternehmen?

Groetzki: Wir haben eine Spielergewerkschaft in Deutschland, die aber das Problem hat, zu klein zu sein. Nicht alle Bundesligaspieler sind Mitglied, dadurch kann sich die Gewerkschaft nicht so einfach finanzieren. Da müssen wir alle mehr mitarbeiten und investieren, damit diese Gewerkschaft größer wird und wir uns vielleicht auch international besser zusammentun. Ich werde auch selbst versuchen, mich mehr einzubringen und das ein oder andere Gespräch mehr zu führen. Vielleicht kriegt man dann irgendwann den Status hin, dass man Gehör im internationalen Handballverband bekommt.

Das Interview führte Volker Schulte.

Stand: 22.01.2016, 10:45

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