Ohne Übung zum Siebenmeter-Meister

Tobias Reichmann trifft gegen Schweden

Reichmanns Traumquote und die Hintergründe

Ohne Übung zum Siebenmeter-Meister

Von Volker Schulte (Breslau)

Es war eine der bangen Fragen vor der Handball-EM: Wie wird die deutsche Mannschaft ohne Uwe Gensheimer bei Siebenmetern klarkommen? Die Antwort: überragend. Und das sogar ohne Einmischen des Trainers.

Tobias Reichmann wirft in Polen Siebenmeter, als wäre das die leichteste Aufgabe der Welt. 14 seiner 15 Versuche verwandelte der Rechtsaußen, das bedeutet eine Quote von 93 Prozent. Im Handball gilt schon eine Siebenmeterquote von 80 Prozent als sehr stark. Mit insgesamt 24 Treffern ist Reichmann nach den ersten Hauptrundenspielen zweitbester Torschütze der EM, nur der Weißrusse Siarhei Rutenka hat ein Tor mehr auf dem Konto.

Einen Tag vor dem zweiten Hauptrundenspiel gegen Russland am Sonntag (24.01.16) verriet Reichmann sportschau.de, wie viele Siebenmeter er schon für seinen polnischen Verein KS Kielce geworfen hat: null. Reichmann ist 2014 nach Kielce gewechselt, demnach hatte er vor der EM mindestens eineinhalb Jahre keine Siebenmeter mehr in einem Pflichtspiel ausgeführt. "Ich bin selbst überrascht, wie gut das hier bei der EM funktioniert."

Sigurdsson lässt die Spieler machen

Wer jetzt Trainer Dagur Sigurdsson ein Lob für sein goldenes Händchen aussprechen will, liegt allerdings falsch. "Der Trainer überlässt es uns Spielern, wer die Siebenmeter wirft", sagt Reichmann. Neben ihm selbst gehörten noch Johannes Sellin (MT Melsungen) und Rune Dahmke (THW Kiel) zum engen Kandidatenkreis. Beide dürfen in ihren Vereinen öfters mal Siebenmeter werfen. Sellin war auch bei der WM 2015 in Katar schon zweiter deutscher Schütze hinter Gensheimer.

Dass trotzdem der aus der Übung gekommene Reichmann zum Auftakt gegen Spanien antreten durfte, "hat sich eben so ergeben", sagt Sellin. "Er macht das ja auch überragend, was sollen wir da jetzt groß tauschen." Reichmann verriet, dass er bei seinen ersten Versuchen gegen Spanien durchaus nervös gewesen sei. Aber gleich der erste Wurf saß, die Sicherheit wuchs - und seither beeindruckt Reichmann mit enorm variablen Treffern.

Wachablösung?

Sich auf seinen Schützen verlassen zu können, ist für jedes Team wichtig - für ein so junges wie das deutsche umso mehr. Jede Lücke, die die vielen Verletzungen gerissen haben, ist mittlerweile wieder bestens geschlossen, sei es auf den Außenpositionen oder am Kreis. Wenn Reichmann und Co. weiter so glänzen, wird es eine spannende Frage werden, inwiefern sich die abwesenden Etablierten ihren alten Status zurückerobern können. Vielleicht gilt das ja sogar auch für Uwe Gensheimer und die Siebenmeter.  

Stand: 24.01.2016, 10:00

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