Schwedens Karlsson hat Regenbogen-Verbot

Tobias Karlsson mit der umstrittenen Kapitänsbinde

Streit um Kapitänsbinde bei Handball-EM

Schwedens Karlsson hat Regenbogen-Verbot

Von Volker Schulte (Breslau)

Die Handball-EM hat schon am Auftakt-Tag ihren ersten Aufreger. Die EHF hat Schwedens Tobias Karlsson kurzfristig verboten, eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben zu tragen - und damit ein Eigentor geschossen.

Es hätte alles so einfach sein können. Tobias Karlsson, Bundesligaprofi bei der SG Flensburg-Handewitt, wollte mit seiner bunten Kapitänsbinde ein Zeichen gegen Homophobie setzen. Schließlich ist die Regenbogenfahne ein Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung. Karlsson hätte die Binde zum Beispiel im zweiten Gruppenspiel gegen Deutschland am Montag (20.30 Uhr, live im Ersten) getragen, hier und da wäre ein Artikel erschienen, viele hätten sich gefreut, einige auch geärgert. Aber an den meisten wäre das Thema wohl einfach vorbeigegangen.

Nun aber war Karlsson am Freitag (15.01.16) in seinem Teamhotel ein gefragter Mann, nachdem am Vorabend klar geworden war, dass er seine Binde nicht tragen darf. Die Europäische Handballföderation (EHF) ließ allen Teams eine Kleiderordnung zukommen, die unter anderem vorschreibt, dass Kapitänsbinden einfarbig oder in Landesfarben gehalten sein müssen. Damit stoppte der Verband auch den Plan von Norwegens Bjarte Myrhol und Islands Gudjon Valur Sigurdsson, es Karlsson gleich zu tun. Die beiden Kapitäne twitterten daraufhin am Freitag ein trotziges Foto mit den Regenbogenbinden am Arm und dem Hashtag #proudtobehandballer - "stolz, Handballer zu sein".

Polens Anti-EU-Kurs

"Ich bin traurig, ich bin wirklich enttäuscht", sagte Karlsson der ARD. "Ich hatte große Hoffnungen gehabt." Ursprünglich hieß es aus Schweden, die EHF habe keine Bedenken gegenüber der Binde geäußert. Doch einen Tag vor Beginn der EM kam dann die Kehrtwende. Die EHF veröffentlichte dazu eine Stellungnahme, in der ihr Präsident Jean Brihault zunächst betont, dass die Gleichzeit aller Menschen unabhängig von ihrer Rasse, Religion und sexuellen Orientierung verankert sei in den Verbandsstatuten. Aber: "Unabhängig von unseren eigenen persönlichen Ansichten ist die EHF als Institution nicht in der Position, solche Statements während eines Spiels oder Turniers inklusive der EM zu erlauben."

Das Thema erhält seine Brisanz erst durch den Austragungsort. Die erzkonservative neue polnische Regierung fährt derzeit einen harten Kurs gegen die Europäische Union, die Pressefreiheit im eigenen Land - und generell gegen, aus ihrer Sicht, zu liberales Gedankengut. Die politische Atmosphäre ist derart aufgeheizt, dass auch schon Regenbogenfarben am Arm eines Handballers als Affront gewertet werden könnten. Karlsson vermutet den Ursprung der Aufregung in einem Artikel in der polnischen Presse, in dem ein schwedischer Artikel falsch übersetzt worden sei. Demnach sollte die Binde ein Zeichen gegen die polnische Regierung und gegen homophobe polnische Leute sein. "Das war überhaupt nicht der Fall", sagt Karlsson. Schon im Vorfeld hatte er betont: "Meine Bühne ist nicht Polen, sondern die schwedische Nationalmannschaft. Ich hätte die Binde auch in Norwegen oder Frankreich getragen."

Unterstützung aus deutschem Lager

Tobias Karlsson (l.) bei der SG Flensburg-Handewitt

Tobias Karlsson (l.) bei der SG Flensburg-Handewitt

Große Unterstützung erhält Karlsson auch aus dem deutschen Spielerlager. Der verletzte Patrick Groetzki fragte rhetorisch per Twitter den EHF: "Ist das ein Witz von euch?" Kapitän Steffen Weinhold und Polen-Legionär Tobias Reichmann äußerten im Pressegespräch ihre Enttäuschung. Reichmann spielt seit 2014 beim polnischen Spitzenklub KS Kielce und glaubt nicht, dass die Regenbogenbinde in den EM-Stadien negative Stimmung hervorgerufen hätte. "Es gab mehr positive Reaktionen als negative. Wenn, dann gibt es wahrscheinlich eher von der politischen Seite her negative Sachen."

Reichmann plädierte gar dafür, dass Karlsson die Binde trotzdem tragen solle. "Das wäre auf jeden Fall eine starke Sache. Ich weiß nicht, was sie (die EHF, d. Red.) dann machen wollen, ob sie ihn sperren wollen für die EM oder dem Team zwei Punkte aberkennen wollen, was ich nicht glaube. Wenn das passiert, dann brennt hier ein bisschen der Baum."

Karlsson macht nur eine Pause

Daraus wird aber wohl nichts, denn Karlsson betonte, dass er und sein Team sich an die Regeln halten müssten. Dieser Rückzug ist aber wahrlich kein Grund zum Feiern für die EHF, egal ob ihre Entscheidung mit Druck aus Polen zu tun hat oder einfach nur mit großer Vorsicht. Denn so leicht lassen sich Karlsson und seine Mitstreiter dann doch nicht unterkriegen. "Für mich ist das ein Thema, das nie vorübergeht", sagt Karlsson. "Ich werde jetzt nur eine Pause machen und ein paar Tage Handball spielen. Die Fans werden dann für mich die Binde tragen."

Stand: 15.01.2016, 16:26

Darstellung: